Mit Dr. Orlof und der Avantgarde im Pornokino

30.06.2013

Das exzessive Werk des Jess Franco - Teil 1

Im April ist Jess Franco gestorben, Eurotrash-Ikone und vermutlich produktivster Regisseur der Filmgeschichte. Für eine wachsende Zahl von Anhängern ist er der Rebell gegen ein erstarrtes, sich nur durch Geld und Konformismus legitimierendes Buchhalter- und Bürokratenkino. Mainstream-Kritiker ignorieren ihn oder schmähen ihn als ewigen Dilettanten und Erzeuger schmieriger Sex- und Gewaltepen mit Nullbudget. Die Cinémathèque Française ehrte ihn 2008 mit einer Retrospektive und erhob ihn dadurch in den Rang eines auteurs. In Spanien, wo die Mehrzahl seiner heute noch sehenswerten Filme verboten oder nur heftig zensuriert gezeigt werden durfte, verlieh man ihm 2009 einen Goya für sein Lebenswerk. Tim Lucas, Experte für alles Abseitige und Autor eines mehr als fünf Kilo schweren Werkes über Mario Bava, hat angedroht, nun auch über ihn ein Buch zu schreiben. Und der Osservatore Romano, das Zentralorgan des Vatikans, identifizierte Jess Franco als einen von den zwei Regisseuren (der andere ist Luis Buñuel), die den Seelen der Gläubigen den meisten Schaden zugefügt haben. Wie konnte es dazu kommen?

Exorcisme

Eine angekettete junge Frau mit dunklen Haaren, nackt bis auf die schwarzen Lederstiefel. Eine andere junge Frau, blond und ebenfalls völlig nackt bis auf ein paar Fetisch-Accessoires. Die Blonde fängt an, die Dunkelhaarige auszupeitschen, schneidet einer weißen Taube den Kopf ab, beschmiert die nackten Frauenkörper mit dem Blut des Opfertieres, offenbar als Teil eines Rituals, kniet dann vor ihrer angeketteten Partnerin nieder und beginnt, sie oral zu befriedigen. Als sich die Szene in das Liebesspiel eines lesbischen Paares aufzulösen scheint, zückt die Blonde plötzlich einen Dolch und ersticht ihr Opfer. Das Ganze findet vor einem Publikum statt, dessen Erregung sich aus der Schaulust speist, ohne die es kein Kino geben könnte, aber auch aus einer schwer fassbaren Beunruhigung, die mit den verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu tun hat und mit untergründig wirkenden Strömungen, durch die sich die Tektonik der herkömmlichen Kinematographie aufzulösen und sich das festgefügte System in Bereiche zu öffnen droht, von deren Existenz nicht jeder etwas wissen will.

Exorcisme

Das Publikum klatscht erleichtert, als die Darstellerinnen ein Lachen hören lassen wie zwei Kinder nach einem Spiel, das die Erwachsenen - und vielleicht auch sie selbst - einen Moment lang zu ernst genommen haben. Nach einer Verbeugung gehen die beiden jungen Frauen von der Bühne ab. Wir haben der Inszenierung einer Schwarzen Messe beigewohnt und den ersten Minuten von Exorcisme, einem Film von 1974 und einem der persönlichsten Werke des Regisseurs Jess Franco, der sich und seiner Form des Filmemachens darin einer Art Selbstanalyse unterzieht - dies natürlich nicht auf der Couch des Therapeuten, sondern mit den Mitteln seiner Kunst, weil Franco sich mehr als irgendein anderer Regisseur darüber definierte, dass er unaufhörlich Filme drehte, einen nach dem anderen und am liebsten mehrere zur gleichen Zeit.

Provisorischer Sexorzismus

In Exorcisme spielt Franco den Ex-Priester Paul Vogel, den die Katholische Kirche vor die Tür gesetzt hat, weil ihr seine Ansichten zu extrem waren. Vogel schreibt jetzt Texte für die S&M-Zeitschrift von Raymond Franval. Für ihn ist das eine Ersatzhandlung, mit der es ihm gelingt, seine Wut auf die moderne Gesellschaft zu kanalisieren, die er als verderbt empfindet. Als Franval Schwarze Messen veranstaltet (zuerst nur als Inszenierung), ist Vogel als Voyeur mit dabei. In ihm wächst die Überzeugung, dass die Teilnehmerinnen dem Teufel verfallen sind und er diesen mit dem "Schwert Gottes" aus ihren Leibern entfernen muss. Die Folgen sind verheerend - auch für den Film, in dem herumgeschnitten wurde wie in den Körpern der von Vogel ermordeten Figuren. Es gibt Fassungen mit mehr oder weniger Horror, Sex und Gewalt, mit Darstellern, die nackt sind oder in Unterwäsche. 1975 fügte Franco auf Wunsch des Produzenten einige Hardcore-Szenen ein, worauf das Werk - nun als Sexorcisme - in Pariser Sexkinos lief, wo inzwischen härtere Kost verlangt wurde, weil Frankreich 1973 die Penetrations-Pornographie freigegeben hatte, statt sie weiter als Straftat zu bewerten. Und 1979 tauchte der Großteil von Exorcisme, umsynchronisiert und mit neuer Rahmenhandlung, als Le Sadique de Notre Dame wieder auf. Vogel ist jetzt ein aus dem Irrenhaus entsprungener Prostituiertenmörder, der glaubt, die Welt von ihren Sündern reinigen zu müssen und eine Nacherzählung seiner Taten als Fortsetzungsgeschichte an Franvals Zeitschrift verkauft.

Exorcisme

Damit sind wir mitten drin in der Welt des Jesús Franco Manera, der unter wechselnden Künstlernamen wie Jess Franco, Clifford Brown, James Lee Johnson, A. M. Frank, James Gardner, Dave Tough oder Frank Holmann mehr als 180 Filme drehte (inklusive der Versionen über 200, die begonnenen und Fragment gebliebenen Werke nicht eingerechnet), für die er mitunter als David Khune oder David Khunne Jr. die Drehbücher oder die Musik schrieb. Franco verbirgt sich auf die eine oder andere Weise auch in den Pseudonymen Lulu Laverne, Betty Carter und Lennie Hayden, unter denen seine Lebensgefährtin Lina Romay Hardcore-Pornos inszenierte. In Exorcisme spielt Lina die junge Anne, die tagsüber als Sekretärin für den Verleger Franval arbeitet und sich abends in den nachgestellten Schwarzen Messen mit Ritualmord peitschen lässt, worauf sie von Vogel verschleppt wird, der sie vor einem Teufel retten will, den es so nur in seinem Kopf gibt und vielleicht ein klein wenig in dem von Jess Franco.

Exorcisme

Auf dem Weg zur finalen Entführung der von ihm angebeteten Anne trifft Vogel auf eine Prostituierte (in einer zum Nachtclub umgebauten Kirche), die er mit in sein Schlafzimmer nimmt und zum Ausziehen zwingt, ehe er, angetan mit den Insignien des Exorzisten, auf sie einsticht und sie an den verspiegelten Schlafzimmerschrank hängt wie das Opfer einer aus dem Ruder gelaufenen S&M-Inszenierung oder wie eines jener Märtyrerbilder, die man in jeder katholischen Kirche findet. Bei Franco, der sich selten mit einem Tabubruch allein zufrieden gibt, bleibt das alles in der Familie. Die Hure spielt keine Blutsverwandte, aber doch immerhin die Tochter seiner Ex-Frau aus einer früheren Ehe.

Exorcisme

Wo also verläuft die Grenze zwischen Realität und Fiktion? Wo endet Exorcisme und wo beginnt Le Sadique de Notre Dame? Keine ganz leichte Frage bei Francos Filmen, die sich generell dadurch auszeichnen, dass sie an den Rändern ausfransen und manchmal auch in der Mitte und das sind, was Roland Barthes, der Theoretiker der Postmoderne, in einem seiner einflussreichsten Essays als "Text" bezeichnet (im Gegensatz zum abgeschlossenen "Werk" zwischen zwei Buchdeckeln, in einer Büchse oder in einem Bilderrahmen): sich rhizomartig verbreitende, der offenen Form verpflichtete Gebilde in einer Zone des Provisorischen. Für Leute, die nur klassisch strukturierte, an einer bürgerlichen Regelästhetik orientierte Dinge mögen, ist das eine Provokation. Franco-Fans sprechen vom Gesamtkunstwerk aus über 180 Filmen, das der Meister im Laufe eines halben Jahrhunderts geschaffen habe, und ganz Verwegene wie Tim Lucas behaupten sogar, dass man erst alles gesehen haben müsse, ehe man sich ein Urteil über einzelne Filme erlauben dürfe.

Exorcisme

Da wäre ich anderer Meinung. Ich kenne nur einen Teil des dunklen, aus Obsessionen, Sex und Gewalt, schlechtem Geschmack, immer wieder erstaunlichen Kunstexplosionen, guter Musik, avantgardistischen Momenten, frei dahinfließendem Erzählen und Zitaten aus Trash-, Pop- und Hochkultur geformten Franco-Kontinents (deutlich mehr als ein Viertel, vermutlich nicht annähernd die Hälfte). Ein beachtlicher Prozentsatz ist grottenschlecht. Ich wage hier zu sagen, dass sich daran rein gar nichts ändern würde, wenn mich einer anketten und zwingen würde, mir weitere drei Dutzend miserabler Filme anzuschauen. Ein Anhänger der extremen, beim kleinsten Anzeichen der unverwechselbaren Handschrift des Meisters in Entzücken geratenden auteur-Kritik bin ich eher nicht. Das schließt nicht aus, dass bei solchen Tauchgängen zwischen Ruf der blonden Göttin und Bahía Blanca noch ein paar bisher unentdeckte Perlen des unabhängigen und subversiven Filmemachens zu finden wären. Bei Jess Franco muss man damit immer rechnen. In den mehr als fünfzig Jahren seiner Regiekarriere ist ihm eine Reihe von "Texten" gelungen (im Barthes’schen Sinne), die man mal gesehen haben sollte, wenn man das Kino mag - das Kino verstanden als ein schimmernder Edelstein mit vielen unterschiedlichen Facetten, oder als Abbild des Lebens mit all seinen Abgründen und Widersprüchen, nicht als Abspielstation für unpersönliche und identitätslose, auf leichte Verdaulichkeit getrimmte Produkte aus der Konfektion.

Performatives Spiegelkabinett

Exorcisme bietet erste Aufschlüsse darüber, was man bei Franco zu erwarten hat und damit eine Orientierungshilfe bei der Annäherung an ein riesiges Œuvre. Der Titel verrät, wem die Entstehung des Films zu verdanken ist: William Friedkin und seinem Megaerfolg The Exorcist. Es wird immer Produzenten geben, die der Versuchung nicht widerstehen können, sich an aktuelle Kassenschlager anzuhängen und damit auch Kreative, denen sich dadurch Möglichkeiten eröffnen, die sie sonst nicht gehabt hätten. Bei Franco gilt die Faustregel, dass er umso inspirierter ist, je weniger er sich an feste Vorgaben zu halten hat. Auch Low-Budget-Produktionen kosten Geld, das wieder eingespielt werden muss, wenn man weiter Filme drehen will. Versatzstücke mit Wiedererkennungswert, die schon einmal erfolgreich waren, können dabei helfen. Produzenten übertreiben es gern mit der Imitation. Für Franco war es umso besser, je schneller er sich von den üblichen Komponenten lösen konnte. Eine noch kärglichere finanzielle Ausstattung als ohnehin nahm er dafür in Kauf. Mit den seelenlosen Materialschlachten der Blockbuster-Industrie ist also nicht zu rechnen.

Eines von Francos Markenzeichen ist die Szene im Nachtclub, in der Lustvoll-Sexuelles zur Aufführung kommt und es gern mal etwas rauer zugehen darf, aber immer formbewusst. Das Performative steht im Zentrum seines Schaffens. Er problematisiert den Voyeurismus, indem er ihn bedient, zieht seine Darsteller nackt aus und findet das Keusche in der Nacktheit, indem er diese abstrahiert. Anfangs ist es die Gesangsdarbietung der schönen Sängerin oder der Striptease der schönen Tänzerin, die vom monströsen Diener des Mad Scientist ins Labor verschleppt werden, dann die Sadomaso-Inszenierung, mal mit schwarzer Magie und mal ohne. Die auf der Bühne zu sehende Simulation von Gewalt kontrastiert Franco mit dem, was draußen vor dem Theater geschieht. Bei ihm ist das ein Hinweis an Zensoren und Kritiker, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen der Gewalt und ihrer Darstellung besteht und auch darauf, wo die Gewalt hingehört: in die Fiktion und die Phantasie, nicht in die Wirklichkeit.

Der S&M-Verleger Raymond Franval, der die Grenze zwischen Inszenierung und Realität genauso überschreitet wie Paul Vogel, der durchgeknallte Katholik und Fundamentalist, ist nicht zufällig der Namensvetter eines berühmt-berüchtigten Inzestpaares: von Eugénie und ihrem die Tochter zu schlimmen Dingen anleitenden Vater, dem Comte de Franval. Franco liebt solche spiegelbildlich funktionierenden Zitate und Querverweise, mit denen er sein Gesamtkunstwerk durchzieht. Einer seiner intensivsten Filme ist eine 1970 in Berlin gedrehte, damals sehr gewagte und in Deutschland nie ins Kino gekommene Adaption von "Eugénie de Franval", einer Geschichte des Marquis de Sade. Nach einer ersten Mordserie planen Eugenie und ihr Vater die Herstellung privater Snuff Movies, als ihnen das Leben, die Liebe und die Musik in die Parade fahren.

Eugénie de Franval

Der Marquis de Sade ist eine von Francos wichtigsten Bezugsgrößen - nicht der perverse, im Irrenhaus über andere Irre präsidierende Sadist, zu dem de Sade in der landläufigen Vorstellung geworden ist, sondern der Theoretiker eines radikalen Freiheitsgedankens und der Autor, der in seinen Schriften immer neue Versuchsanordnungen entwirft, um bestehende Machtverhältnisse zu sezieren. Man muss Jess Franco nicht unbedingt zum Filmphilosophen eines postmodernen Libertinismus verklären, wenn man ihn aus der Schmuddelecke für geistlose Exploitation-Filmer und Regie-Dilettanten holen will. Das weckt nur Erwartungen, die er nicht erfüllen kann. Oft kommt nicht viel mehr als Pornographie dabei heraus, wenn Franco dem Marquis huldigt. Aber die Kraft des Sexuellen, das Begehren und die mit Kontrollmaßnahmen bekämpfte Angst davor sowie das Bedürfnis von Menschen, Macht über andere Menschen auszuüben, sind auch seine Themen. Darum gibt es auf der Burg, in der Dr. Orloff, Graf Cagliostro oder Gräfin Zaroff die Peitsche schwingen lassen, außer den in Ketten gelegten nackten Frauen (und Männern) auch noch die Diener, die durch Experimente mit Körper, Hirn und Psyche zu willenlosen Zombies und Maschinenmenschen geworden sind.

Jazz in Bildern

Man versteht Jesús Franco gleich besser, wenn man weiß, dass er am 12. Mai 1930 in Madrid geboren wurde und seine Jugend im Spanien des faschistischen Diktators verbrachte, mit dem er den Namen teilte. Die Katholische Kirche, mit der den Regisseur eine Hassliebe verband, war eine Stütze des Diktators, der sich dieser als Kämpfer gegen die Unmoral, Schutzpatron gegen den Kommunismus und Verteidiger der bestehenden Besitzverhältnisse andiente. Die Amtskirche und der Caudillo unterdrückten gemeinsam die Sexualität, die in Diktaturen traditionell als Bedrohung gilt, weil sie Gefühle und libidinöse Energien freisetzt, die schwer zu kontrollieren sind. Der Verstoß gegen die herrschende Sexualmoral und ein oktroyiertes Schamempfinden wird so fast automatisch zum politisch-subversiven Akt. Dabei brachte Franco, der Poète maudit des spanischen Kinos, eigentlich alle Voraussetzungen dafür mit, Karriere als Schöpfer geschmackvollen Kunsthandwerks mit Mainstream-Appeal zu machen, das bei Kritikern, Zensoren und Kulturfunktionären so beliebt ist, weil es keinem wehtut und nichts an dem ändert, woran wir uns gewöhnt haben.

Franco stammte aus dem Bildungsbürgertum. Er ist der Neffe des von Johannes Paul II. als einziger Spanier in den "Internationalen päpstlichen Rat für Kultur" berufenen Philosophen Julián Marías Aguilera, der Bruder des Musikwissenschaftlers Enrique Franco sowie der Onkel des Regisseurs Ricardo Franco und des unter anderem mit dem Nelly-Sachs-Preis ausgezeichneten Schriftstellers Javier Marías (Mein Herz so weiß; Die sterblich Verliebten), der in einem Interview diese schöne Anekdote erzählt: "Vor einigen Jahren rief ich bei einer Buchhandlung in London an, um ein paar Bücher zu bestellen, und ich nannte dem Verkäufer meinen vollen Namen, den Namen auf meiner Kreditkarte, Javier Marías Franco. Offiziell haben wir in Spanien zwei Nachnamen. Der erste - das ist der, der zählt - ist der Name des Vaters, und der darauf folgende ist der Name der Mutter. Der Name meiner Mutter war Franco - keine Verwandtschaft zum Diktator. Ein recht häufiger Name. Als ich dem Verkäufer meinen vollen Namen nannte sagte er: ‚Können Sie ihn mir buchstabieren?’ Ich sagte: ‚So wie der Diktator.’ Und er antwortete: ‚Der Diktator?’ Er war ein junger Mann und wusste nicht, wer Franco war. Dann sagte er: ‚So wie Jess Franco?’ Ich sagte: ‚Ja, das ist mein Onkel.’ Der Verkäufer war sehr beeindruckt."

Wenn es nach seiner Familie gegangen wäre, hätte Franco eine Diplomatenkarriere eingeschlagen. Aber 1951 schrieb er sich nach einem abgebrochenen Jurastudium am Instituto de Investigaciones y Experiencas Cinematográficas ein, der 1947 gegründeten Filmhochschule von Madrid, und nebenher scheint er noch Kurse an der Königlichen Musikakademie belegt zu haben. Das IIEC wurde in den 1950ern zum Sammelbecken für angehende Regisseure wie Carlos Saura und Juan Antonio Bardem, die später das "nuevo cine español" prägen sollten, das neue spanische Kino. Franco gehörte zu den Menschen, denen eine geregelte Berufsausbildung nicht liegt; er war eher der Außenseiter als das Mitglied einer Gruppe, und mit seiner Liebe zum amerikanischen Genrekino, zum Krimi und zu Comics war er an der IIEC dieser Jahre sowieso am falschen Ort. 1952 ging er nach Paris, wo es auch eine Filmhochschule gab und Kinos, in denen Sachen liefen, die in Spanien undenkbar waren. Henri Langlois, der Gründer der Cinémathèque Française, war so beeindruckt von der Kinoleidenschaft des jungen Mannes, dass er Sondervorführungen für ihn ansetzte. Oder zumindest ist das eine der Franco umrankenden Legenden, dessen Biographie sich mit jedem Interview, das er gab, ein wenig änderte.

1953 kehrte er nach Spanien zurück, weil ihm Bardem (der Onkel von Javier, dem Cyberterroristen in Skyfall) ein Jobangebot gemacht hatte. In den folgenden Jahren sammelte er praktische Erfahrung als Regieassistent, Drehbuchautor, Filmkomponist und Cutter. Nach einigen Dokumentationen über die spanische Kultur inszenierte er seine ersten Spielfilme: mal komische und mal melodramatische Liebesgeschichten mit Musik und mit Zitaten aus von ihm bewunderten Hollywoodfilmen. Aus Franco hätte ein in Spanien wohlgelittener Regisseur harmloser Unterhaltungsware werden können, wenn da nicht sein Hang zum formalen Experiment und zum Jazz gewesen wäre (das Beste an Vampiresas 1930, einem Remake von Singin’ in the Rain mit einer Verbeugung vor Louis Feuillade, dem Schöpfer das Stummfilm-Serials Les Vampires, ist eine spontane Jam Session). Er war Stammgast im Hot Club und im Whisky Jazz, zwei der angesagtesten Clubs von Madrid, wo jene "Negermusik" gespielt wurde, die den Faschisten ein Dorn im Auge war und stilbildend für den Regisseur Jess Franco. Wenn er in Form ist macht er mehr visualisierten Jazz als klassisches Erzählkino. "Francos Filme", schreiben Tohill und Tombs in Immoral Tales, "bewegen sich zum Beat des Jazz. Sie heben und senken sich nach irgendeinem verrückten musikalischen Rhythmus, den nur er zu verstehen scheint. [...] Für ihn gab es keinen Unterschied zwischen Kino und Musik. Emotion war alles. Die Musik berührte eine ganze Bandbreite von Gefühlen, sie folgte keiner geraden Linie. Mit dem Film war es dasselbe."

Mit Dr. Orlof und der Avantgarde im Pornokino

Schreie in der Nacht

Elektroschock

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