Gezielte Gedächtnis-Manipulation

23.05.2013

Forscher zeigen, wie sich Erinnerungen gezielt manipulieren lassen, selbst wenn sie sicher gespeichert sind

Das menschliche Erinnerungsvermögen ist fragil. Das hat positive wie negative Nebenwirkungen. Schüler wissen, dass für das dauerhafte Behalten des Lernstoffs regelmäßige Wiederholung nötig ist; Forscher sprechen von Reaktivierung. Psychologen haben erkannt, dass ständiges gedankliches Neuerleben einer traumatischen Erfahrung diese nicht abschwächt. Im Gegenteil: die Erinnerung stabilisiert sich. Kriminologen wissen um die Gefahr, dass durch die Art und Weise des Abrufs eines Details dessen Inhalt beeinflusst wird.

Wie leicht sich das Gedächtnis jedoch manipulieren lässt, das war den Forschern bisher nicht bekannt. In einem Artikel in den Veröffentlichungen der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS) zeigen die Psychologen Jason Chan und Jessica LaPaglia von der Iowa State University nun, dass sich Erinnerungen verändern lassen, ganz egal ob sie zunächst stabil oder labil erschienen waren. Die Wissenschaftler spielten ihren Probanden dazu zunächst eine Episode der Thriller-Serie "24" vor.

Anschließend überprüften sie bei einem Teil der Studienteilnehmer mit Hilfe eines aus 24 Elementen bestehenden Quiz, was diese sich gemerkt hatten. Der andere Teil der Probanden durfte in dieser Zeit Tetris spielen. Allen Teilnehmern gemeinsam spielten die Psychologen schließlich kurz darauf eine angebliche Zusammenfassung der "24"-Story vom Band vor. Darin hatten die Forscher acht Fakten weggelassen. Acht weitere Fakten hatten sie verändert (der Terrorist benutzte nun zum Beispiel statt einer Betäubungsspritze eine Betäubungspistole), während die verbliebenen acht Details korrekt wiedergegeben wurden.

Erneut erhielten die Probanden nun etwas Zeit, bevor die Psychologen ihre Erinnerungen an den Film prüften. Das interessante Ergebnis: Wenn die Gedächtnis-Inhalte zunächst mit dem ersten Quiz reaktiviert worden waren, erinnerten sich die Versuchsteilnehmer nach der Manipulation signifikant schlechter an die tatsächlichen Details, als wenn sie ihr Wissen nicht hatten überprüfen müssen. Das galt sowohl für die gut erinnerten Informationen als auch für die beinahe vergessenen Items. Das Gedächtnis ist offenbar während der Wiederholungs-Phase besonders empfindlich. Diese Tatsache, meinen die Forscher, müsste etwa bei Zeugenbefragungen unbedingt berücksichtigt werden.

Erst an die Wahrheit erinnern, dann die Lüge auftischen

Den direkten zeitlichen Zusammenhang überprüften die Forscher bei einem weiteren Experiment, bei dem sie zwischen Wiederholung und Manipulation zwei Tage statt weniger Minuten verstreichen ließen. In diesem Fall erwies sich die Manipulation erwartungsgemäß nicht als erfolgreich. Legten die Forscher die lange Pause jedoch zwischen Lern- und Wiederholungsphase, die dann schnell von der Manipulation gefolgt wurde, stellte sich der Lösch-Effekt der neuen Informationen wieder ein.

Welchen Inhalt muss die Manipulation haben? Auch das überprüften die Forscher im Experiment. Es zeigte sich, dass es nicht reicht, die Wiederholungsphase unspezifisch zu stören. Die Lösch-Impulse müssen für die zu störenden Informationen spezifisch sein. Die Gedächtnis-Manipulation erwies sich auch als stabil, wie sich in einem letzten Experiment zeigte, bei dem die Forscher größere Zeitabstände zwischen die einzelnen Phasen legten.

Dem Chef oder dem Lebensabschnittsgefährten eine falsche Erinnerung unterzujubeln, zeigt sich demnach trotzdem problematisch. Denn es genügt nicht, einfach eine neue Version der Geschichte zu erzählen: Sie müssen die Person zuerst an die Wahrheit erinnern, um ihr kurz darauf die Lüge aufzutischen. Die Versuchspersonen der Forscher haben dies ohne Murren hingenommen; im realen Leben dürfte das schwieriger sein.

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