Mad Max im Zweistromland
Tomasz Konicz 27.05.2013
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Entstaatlichungskriege

Genau diese staatlichen Zerfallsprozesse haben nun auch Syrien erfasst. Auch in diesem arabischen Land findet ein Entstaatlichungskrieg (Robert Kurz) statt. Bei einem Sturz des Assad-Regimes (der angesichts der jüngsten militärischen Erfolge des Regimes aber in weite Ferne rückt) wird das Land von einem ähnlichen Prozess der "Balkanisierung" erfasst werden wie Libyen.

Tatsächlich laufen diese Prozesse in den von den Rebellen kontrollierten Regionen bereits im vollen Ausmaß ab. In der nordsyrischen Großstadt Aleppo, die sich teilweise in der Hand der Rebellen befindet, kämpfen bereits islamistische Milizen untereinander um die Einnahmequellen und Ressourcen in ihren Machtbereich. Mitte Mai gingen unterschiedliche Fraktionen der Rebellen in dieser ehemaligen Wirtschaftsmetropole zu wechselseitigen Entführungen über, nachdem sie sich beschuldigten, diverse Industrieanlagen zu plündern.

In den Gebieten, die sich unter der Kontrolle der unzähligen "Rebellengruppen" befinden, blühten Willkürherrschaft und eine Gangster-Ökonomie, berichteten desillusionierte ehemalige Oppositionelle gegenüber der britischen Zeitschrift The Spectator. "Ein Facebook-Beitrag über das, was sie tun, und du bist tot", so schilderte ein Oppositionsanhänger die Machtverhältnisse in den "befreiten" Gebieten, die von den Milizen und Rackets beherrscht würden: "Sie sind Gangster und Diebe." Der Aufstand sei in einem Strudel aus "Korruption, Plünderungen und Entführungen" untergegangen. Die ehemaligen Rebellen, die sich nach einem zweijährigen Kampf gegen das Assad-Regime verbittert in den Libanon absetzten, berichteten etwa über willkürliche Beschlagnahmungen von Lebensmittelvorräten durch Kämpfer der "Freien Syrischen Armee", die für Flüchtlinge vorgesehen waren. Neben den durch bewaffnete Gruppen durchgeführten Plünderungen und Beschlagnahmen, hat auch die beständige Konkurrenz untereinander zu den Diskreditierung der Rebellen beigetragen: "Jede Gruppe sitzt auf ihren Waffen und versucht, soviel es geht für sich selbst zu ergattern", erklärte eine säkular orientierte Oppositionsaktivistin, die an der zunehmenden Dominanz islamistischer Kräfte innerhalb der Rebellen verzweifelte.

Spaltungen und Machtkämpfe erschüttern aber auch die dominierenden islamistischen Milizen, die dank der großzügigen Finanzierung durch die despotisch regierten Golfstaaten (Saudi Arabien, Katar) eine große Anziehungskraft für einkommenslose Milizionäre entwickeln konnten. Auch die schlagkräftigste syrische Gruppierung, die islamistische Nursa-Front, ist von den Spaltungsprozessen betroffen. Die syrische Nursa Front befinde sich "in Desintegration" erklärte ein Rebellenkommandeur, nachdem irakische sunnitische Islamisten immer stärkeren Einfluss in der Gruppierung ausübten. Es gebe nun "zwei Nursas", so der Kommandeur: Eine verfolge die Ziele Al-Qaidas und eine kämpfe im Rahmen einer "nationalen Agenda" für den Sturz des Assad-Regimes.

Die Loyalitäten und Allianzen in der unübersichtlichen Fülle an lokalen Rebellengruppen würden ohnehin von den aktuellen Finanzströmen und Finanzierungsquellen beeinflusst, bemerkte die Financial Times (FT). "Ein paar Bataillone haben mehrere Namen - sie versprechen diesen oder jenem Finanzier Loyalität, und dann nehmen sie Geld von jemand anderem", erläuterte ein Analyst gegenüber der FT. Die Fluktuation innerhalb der Rebellenbewegung sei deshalb sehr hoch, wie ein Unternehmer ausführte: "Gerade jetzt sind sie in dieser Brigade, danach in einer anderen. Sie folgen dem Geld." Was die Financial Times hier beschreibt, ist das Berufsbild des Söldners. Der Kampf gegen das Assad-Regime ist für viele Rebellen zu einem Broterwerb geworden, bei dem sie sich dem finanzkräftigsten Akteur anschließen.

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