Höhere Steuern für Fleisch für Gesundheit und Umwelt

03.06.2013

Weil Fleisch zu billig sei, fordert Greenpeace eine Armensteuer, nämlich den Mehrwertsteuersatz dafür auf 19 Prozent anzuheben

Die Umweltorganisation Greenpeace erklärt, was Stand der Dinge ist: "Der Fleischkonsum in Deutschland ist zu hoch und Fleischprodukte zu billig." Fleisch, zumindest rotes Fleisch, gilt als gesundheitsgefährdend (Wer viel verarbeitetes Fleisch isst, stirbt früher), zudem belastet die Fleischproduktion, vor allem die Massentierhaltung, die Umwelt und das Klima, die in der Tierhaltung verwendeten Antibiotika stellen zunehmend ein Risiko für die Menschen dar. Pro Kopf wurden in Deutschland 2011 69 kg Fleisch verzehrt, doppelt so viel, als von Gesundheitsorganisationen empfohlen wird. Männer essen rund doppelt so viel Fleisch wie Frauen, weswegen der Fleischkonsum auch ein Geschlechterproblem ist (Warum neigen Männer stärker zum Fleischkonsum?.

Mauricio Bustamante / Greenpeace

Greenpeace schlägt vor, Fleisch einfach teurer zu machen, um den Konsum zugunsten der eigenen Gesundheit, der Umwelt und des Klimas zu senken. Ähnlich wie man einigermaßen erfolgreich versucht, den Nikotinkonsum durch höhere Besteuerung zu reduzieren, sollen die Menschen durch bessere Ernährung gesünder werden. In Dänemark wurde bereits eine höhere Steuer für gesättigte Säuren eingeführt, in Ungarn für Salziges, Süßes und Fettes.

So hatte bereits der Sonderbeauftragte für das Recht auf Nahrung der Vereinten Nationen gefordert, Steuern auf Zucker, Salz und Fett in Lebensmitteln zu erhöhen, um die Menschen mit einer steuernden Hand durch den Geldbeutel zur vernünftigen Ernährung anzuhalten. Wer will, kann ja trotzdem sündigen, wer das Geld nicht hat, wird zum Glück gezwungen. Zudem sollten Werbung für Fastfood verboten, landwirtschaftliche Subventionen entsprechend überarbeitet und lokale Produkte gefördert werden. Es geht, so der Sonderbeauftragte, nicht nur um das Recht auf eine ausreichende Quantität, sondern auch auf eine ausgewogene und nährreiche Ernährung. Es gebe nicht nur Unterernährung, sondern auch einen Mangel an bestimmten Mikronährstoffen sowie natürlich die Epidemie der Fettleibigkeit.

Greenpeace hat beim Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) eine Studie in Auftrag gegeben, um zu erkunden, welche "steuerlichen Elemente" es zur Regulierung des Fleischkonsums gibt. Weil Fleisch zu billig angeboten werde, werde es "unter miserablen Bedingungen" erzeugt und habe es "gewaltige ökologische Folgekosten". Aber ob der einfache Schluss daran etwas ändert, dass alles besser wird, wenn es nur teurer auf den Markt kommt, ist doch fraglich. Mit Steuern schöpft der Staat nur mehr Geld ab, was erst einmal wenig damit zu tun hat, wie die Tiere gehalten werden.

Von einer Fettsteuer und einer Futtermittelimportsteuer hält das FÖS nicht so viel, beides würde zwar Geld in die Staatskassen spülen, der Effekt sei aber relativ gering, weil das Fleisch zu wenig teurer würde, gerade einmal 3-6 Prozent. Besser wäre schon eine "Stickstoffüberschussabgabe" ("Gülle-Euro"), die vor allem die Massentierhaltung beträfe. Die Fleischpreise würden "spürbar" steigen, aber ökologisch produzierte Fleischerzeugnisse nicht betreffen:

Die Erhebung der Abgabe wäre zwar aufwändig, doch der ökologische Nutzen wäre groß: Eine der schädlichsten ökologischen Nebenwirkungen der intensiven Landwirtschaft und insbesondere der Fleischerzeugung würde angegangen und reduziert.

Der Königsweg wäre eine Mischung der verschiedenen Mittel, vor allem aber eine "Anpassung der Mehrwertsteuer", die effektiv im Sinne von preistreibend ist und ohne großen Aufwand zu machen wäre. Man müsse die Menschen nur davon überzeugen, dass "herkömmliche Fleischerzeugnisse kein Grundnahrungsmittel, sondern umweltschädliche Produkte" sind. Nach dem Gutachten sollte Fleisch nicht mehr unter den ermäßigten Mehrwertsteuersatz fallen, sondern mit 19 Prozent besteuert werden. Das hätte, so schätzt die Studie, einen deutlichen Einfluss auf den Fleischverbrauch, weil damit der Preis um 11 Prozent teurer würde. Jährlich würden 10 Prozent weniger Schweinefleisch, ein Kilo Geflügel und ein halbes Kilo Rindfleisch pro Person weniger verzehrt. Jährlich würden damit allein in Deutschland 3,8 Millionen Schweine, 60 Millionen Hühner und 180.000 Rinder weniger geschlachtet werden. Und noch mehr Beeeindruckendes wäre die Folge dieses reduzierten Fleischkonsums, mit dem man so viel CO2 einsparen würde, wie 2 Millionen Autos emittieren, dazu bräuchte man eine Fläche so groß wie das Ruhrgebiet nicht mehr, um Futtermittel anzubauen.

Greenpeace fordert, die "unsinnige Subventionierung des Fleischverbrauchs" zu beenden: "Statt Fleisch zu Spottpreisen zu verkaufen, sollte weniger und besseres Fleisch mit geringeren Umweltkosten produziert werden", so Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace. Strengere Auflagen vor allem für Massentierhaltung und eine eine Bindung der Größe der Tierhaltung an die bewirtschaftete Fläche in landwirtschaftlichen Betrieben wären sicher Instrumente, um die Tierhaltung nicht nur teurer, sondern ökologischer und auch tierfreundlicher zu gestalten.

Bezweifelt werden aber darf, dass sich allein durch höhere Besteuerung die Tierhaltung verändert. Und vergessen wird auch, dass dann, wenn wegen der höheren Preise weniger Fleisch verzehrt wird, dies vor allem diejenigen trifft, die wenig Geld zur Verfügung haben und entsprechend beim Einkauf rechnen müssen. Mag sein, dass die reicheren Menschen kulturbedingt weniger Fleisch verzehren, aber Greenpeace müsste schon dazu sagen, dass die Steuererhöhung für Fleisch vor allem die ärmeren Schichten beglückt oder eher zwingt, auf Fleisch zu verzichten oder auf minderwertige Produkte umzusteigen - selbst wenn dies die Lebenserwartung heben würde, die in den ärmeren Schichten teils um Jahre geringer ist als in den reicheren Schichten.

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