Türkei: Wirtschaftswunder auf Pump

07.06.2013

Die Wirtschaft gilt zwar noch als großer Pluspunkt der Regierung Erdogan, doch würde sie sich schnell als höchst instabiles Kartenhaus erweisen, sollte das Ausland die Finanzierungen einstellen

Während große Teile der türkischen Bevölkerung die Gesellschaftspolitik ihrer AKP-Regierung offenbar nicht mehr ertragen können, gilt die Wirtschaftspolitik nach wie vor als ihre große Stärke. So erzielte das Land nach einem schweren Bankencrash am Ende des vergangenen Jahrhunderts jahrelang hohe bis sehr hohe Wachstumsraten, wobei 2009 und 2010 sogar annähernd zweistellige Wachstumsraten erzielt wurden und erst im Vorjahr ein deutlicher Rückgang erfolgt ist.

Dementsprechend hatte der türkische Leitindex ISE 30 seit Mai 2009 mehr als 270 % zugelegt, während die Ratingagentur Moody's der Türkei erst Mitte Mai die Investmentnote "Investment Grade" verliehen hat, vorerst allerdings nur die niedrigste Stufe Baa3.

Jeffrey Sachs als Kontraindikator

Wenn aber der berüchtigte neoliberale Ökonom Jeffrey Sachs die türkische Wirtschaftspolitik als globales Vorbild präsentiert, ist es für gewöhnlich nicht weit bis zur nächsten Katastrophe, was wohl einen näheren Blick auf das angebliche Wirtschaftswunder rechtfertigt.

2011 lag das Sozialprodukt pro Kopf bei 10,524 US-Dollar, was nicht einmal ein Viertel des deutschen Vergleichswertes ausmacht und die imposanten Wachstumsraten doch ein wenig relativiert. Dazu kommt, dass die erwerbsfähige Bevölkerung alljährlich um rund drei Prozent ansteigt, was vielleicht teilweise erklärt, warum die Türkei mit rund 30 Prozent eine der weltweit niedrigsten Frauenerwerbsquoten hat.

Allein weil Frauen den Männern den Vortritt lassen wollen oder müssen, dürfte das freilich nicht liegen, immerhin lag 2011 und 2012 das Beschäftigungswachstum im Schnitt bei 6,2 Prozent, was die Krisenarbeitslosigkeit von 14 auf 9 Prozent reduziert hatte. Allerdings war gleichzeitig auch die Inflationsrate von vier Prozent im März 2011 bis April 2012 auf elf Prozent angestiegen, was die Notenbank letztendlich zu einer Straffung der Geldpolitik veranlasst hatte. Da daraufhin die Konjunktur drastisch eingebrochen war und sich das Wachstum auf 2,5 Prozent reduziert hatte, setzt die Notenbank aber bereits wieder auf Expansion, wodurch sich die Lage mittelfristig erheblich zuspitzen dürfte.

Verschuldung der privaten Haushalte in zehn Jahren verdoppelt

Denn offenbar liegt dem türkischen Wirtschaftswunder das gleiche Phänomen zugrunde, wie den Vor-Krisen-Booms in Südeuropa, Irlands oder der USA: eine enorme Aufschuldung des privaten Sektors, der in den Boomzeiten sein Kreditvolumen alljährlich um 30 bis 40 Prozent ausgedehnt hatte.

Laut IWF waren weniger die Unternehmen für Kreditexpansion verantwortlich als die privaten Haushalte, die internationalen Vorbildern folgend offenbar Konsum und Immobilien zunehmend auf Kredit finanziert hatten. Das spiegelt sich auch in einer für einen "Emerging Market" ungewöhnlich niedrigen Sparquote wider, die von rund 25 Prozent des BIP im Jahr 1999 auf zuletzt weniger als 15 Prozent zurückgegangen ist. Die Verschuldung der privaten Haushalte hat sich in den vergangenen zehn Jahren hingegen auf rund die Hälfte der verfügbaren Einkommen verdoppelt.

Laut IWF könnte mit den Ersparnissen zudem nur knapp die Hälfte der Investitionen finanziert werden, die erforderlich wären, um das Potential der wachsenden Bevölkerung auszuschöpfen. Allerdings reicht es nicht einmal für die deutlich niedrigeren effektiven Investitionen, die folglich vom Ausland finanziert werden müssen.

Externer Finanzierungsbedarf der Türkei bei 25 Prozent des BIP

Daraus ergibt sich eine Abhängigkeit vom Ausland, die vielleicht mit jener der so genannten Tiger-Staaten in den 1990er Jahren vergleichbar ist, die dank üppiger Zuflüsse ausländischer Gelder jahrelang über ihren Verhältnissen leben konnten, bis sie 1997 durch den "Asien-Crash" brutal zur Kasse gebeten wurden.

Makroökonomisch drückt sich das im Leistungsbilanzdefizit aus (der Differenz zwischen den ans Ausland gelieferten und den aus dem Ausland bezogenen Güter und Dienstleistungen), das vor der Krise rund sechs Prozent des BIP betragen hatte und 2011 sogar auf zehn Prozent angestiegen war, bevor es wieder auf 7,5 Prozent zurückging. Damit dürfte die Türkei der Übergangsstaat mit der weltweit ungünstigsten Außenbilanz sein, wobei darin noch gar nicht eingerechnet ist, dass ein gewichtiger Teil der Exporte aus Gold-Lieferungen an den Iran besteht, die kaum als "Wirtschaftsleistung" der Türkei bezeichnet werden können.

So liegt der externe Finanzierungsbedarf der Türkei laut Währungsfonds mittlerweile bei rund 25 Prozent des BIP, woraus rund 140 Milliarden Dollar an kurzfristigen Auslandsschulden resultieren. Dementsprechend war der Einbruch der Türkei durch den internationalen Finanzcrash mit knapp fünf Prozent besonders hart. Allerdings gehen rund 40 Prozent der ausländischen Gelder regelmäßig nicht in Zins tragende Anlagen, sondern fließen als Direktinvestitionen oder für Immobilienkäufe.

Bankensektor ohne Vorsorgen

Dennoch gilt der Bankensektor als große Stärke der Türkei, der bei einem "Leverage" (Verhältnis des Eigenkapitals zum Bilanzvolumen) von rund acht durchaus solide wirkt und mit einem Gewinn von rund 16 Prozent des eingesetzten Kapitals (RoI) sehr profitabel erscheint.

Der IWF hebt als besonders lobenswert die niedrige Quote an faulen Krediten von 2,8 Prozent hervor, die zu 70 Prozent wertberichtigt wurde. Allerdings prägen mittlerweile offensichtliche Investitionsruinen und Immobilienblasen das Landschaftsbild, während der IWF an anderer Stelle betont, dass die Behörden verlässlichere Wege finden sollten, die dahingehenden Angaben der Banken zu kontrollieren. Denn so wie die Banken aktuell ihre kurzfristigen Auslandskredite problemlos prolongieren können, scheinen die Banken dies auch ihren inländischen Kunden zu gestatten.

Durch eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage könnte diese Quote aber wohl durchaus auf die in Krisenländern oder in Südosteuropa üblichen Quoten von zehn bis dreißig Prozent ansteigen, wofür dann kaum Vorsorgen zur Verfügung stünden. Das könnte auch geschehen, sollten die Banken ihre einfachen Auslandsfinanzierungen verlieren und deshalb fällige Inlandsforderungen nicht prolongieren – was bei einer Eskalation der politischen Lage ja nicht ganz unvorstellbar wäre.

So haben die Unruhen zu einer Verkaufswelle an der Börse in Istanbul und auf den Devisenmärkten geführt, wobei Akten zeitweise mit acht Prozent im Minus standen, die Lira auf ein 16-Monats-Tief abstürzte und die Zinsen für Staatsanleihen kräftig anstiegen. Immerhin sprudelten dank hoher Wachstumsraten wenigstens bislang die Steuereinnahmen, weshalb der Staat nur mit 36 Prozent der Wirtschaftsleistung verschuldet ist. Da eine übermäßige private Kreditexpansion aber regelmäßig auf den Staat zurückschlägt, könnte die Türkei dieses Kreditpotential schon bald ausschöpfen müssen.

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