An Gold ist nichts real

10.06.2013

500 Jahre Warten auf Gewinn

Wer im Jahre 1500, beraten durch kluge Propheten für "reale Werte" Gold erwarb, musste genau 500 Jahre, nämlich bis zum Jahr 2000 warten, bis er auch nur den Kaufkraftverlust wieder einspielte. Wenn man allerdings 1257 Gold gekauft hätte, wäre 1500 ein guter Ausstiegszeitpunkt gewesen. Dennoch hält sich bis heute der Glaube, Gold sei im Gegensatz zu Aktien und Geld ein "realer" Wert - ein Blick auf das Metall, das manche als Zahlungsmittel ansehen.

Der Zahnarzt lächelte. Ich hatte ihn gefragt, ob er mir mein Goldinlay mitgeben könnte. Vor dreißig Jahren galt es großer Luxus, vor allem aber als gesunde Alternative zu den quecksilberhaltigen Amalgam-Füllungen, sich Goldfüllungen machen zu lassen. 250 Mark pro Stück hatte ich einst dafür bezahlt - für einen Studenten der Philosophie eine Stange Geld.

Nun werden Füllungen nur noch aus Kunststoff gemacht. Die Zeit des Zahngoldes ist vorbei und nun zahle ich 400 Euro für die Kunststofffüllung. Das Zahngold wurde still und unspektakulär beerdigt. 40-60 Euro könnte ich je Plombe bekommen - das spielt die Fahrt-, Versand- und Verhandlungskosten nicht ein.

Goldpreis in US-Dollar pro Feinunze 1968-2011 (real und nominal, Juli 2011). Bild: Sponk (talk), Public Domain

Besonders Kluge haben herausgefunden, dass Geld aus Papier und Versprechen besteht. Sie flüstern sich deshalb zu, dass beides, nämlich Papier wie Versprechen, eigentlich wertlos sei. Verschwörer des internationalen Finanzkapitals, angeführt von der Fed - die bekanntlich nicht der US-Regierung, sondern den Landes- und Geschäftsbanken gehört - würden uns wertlose Schuldscheine andienen. Real, so sagen sie uns tröstend, seien nur Immobilien, Rohstoffe und Gold. Seit Jahrzehnten speisen sich kostenpflichtige Börsenbriefe aus der panischen Angst vor Wertverlust.

Goldpreis 1344–1999 in US-Dollar pro Feinunze, inflationsbereinigt. Bild: Daniloalvares, Public Domain

Dass mit diesem wertlosen Papiergeld zumindest in Europa inzwischen die längste kriegs- und krisenfreie Periode der Weltgeschichte andauert, ohne dass ein Ende abzusehen ist, scheint den Glaube an den höheren Wert "des Realen" nicht zu erschüttern. Der Zusammenbruch des wertlosen Geldsystems, so die apokalyptischen Prediger, sei zwar aufschiebbar, aber unaufhaltsam.

Ein fieses Experiment: Gibt man einen Begriff bei Google ein, so kann man dessen Attraktivität an der Anzahl der Google-Ads messen, die sich beim Aufruf des Begriffes euphorisch und dienstfertig um den Suchenden scharren. Man suche bitte "Flüge".

Und nun gebe man "Gold" ein. Was geschieht? Wo soll, was darf man kaufen? Eine einsame Anzeige wirbt ganz unten für den Kauf von Goldbarren. Dort ist es billiger als im ungescrollten Bereich. Das Handelsblatt zitiert einen Goldexperten namens Martin Hübner mit einem denkwürdigen Satz; "Das Grundvertrauen der Investoren in Gold ist nach wie vor mau." Vielleicht hat man deshalb einst den Herrschern das Gold für die ewige Reise mit ins Grab gegeben, weil man auf seinen Wert im Irdischen nicht vertraute?

Eine Rechenaufgabe: Onkel Günther schickt seinem Enkel seit zwanzig Jahren zu jedem Geburtstag eine Goldmünze im Wert von 70 Euro. Auf deren Kauf muss er einen Aufpreis von sieben Prozent bezahlen. Wie groß ist der Gewinn, wenn die jährliche Wertsteigerung von Gold laut Stiftung Warentest seit 1979 bei 3,75% im Jahr liegt?

Nicht Kühe, sondern Milchaktien, nicht Gold, Goldminenaktien solle man kaufen, heißt es seit Jahrzehnten. Dummerweise liegen die Goldminen nicht in Südtirol, Bayern und Oxfordshire, sondern etwa in Peru und Usbekistan. Oder in Kanada. Es gibt sogar einen eigenen Goldminenindex, den Arca Gold Bugs.

2002 riet Börsenexperte Jürgen Koch zum "konservativen" Kauf der Aktien des kanadischen Goldminenbetreibers Newmont Mining Der US-Konzern, so frohlockten die Focus-Spezialisten, verfüge über die "weltweit größten Goldreserven". Bis 31 Euro solle man kaufen. Kurs von WKN 853823 am 07.06.2013: 26 Euro 50.

Allerdings immer noch besser, als wenn man auf Manfred Krug gehört und T-Com zu 40,60,80 oder gar 100 Euro je Aktie erworben hätte. Angesichts der Goldpreisentwicklung seit 2002 ist der Kurs allerdings ein Desaster. Motto: Ihr Geld ist nicht weg. Es ist nur woanders.

Der Goldskeptiker Kostolany

Der ungarische Spekulant André Kostolany genoss jahrzehntelang einen guten Ruf bei unseren Großvätern als witziger und entspannter Kommentator des Spekulantentums. Am 2. August 1999 gab er dem Börsenreport ein Interview. Auf die Frage, ob man nun (1999) bei einem Zwanzigjahrestief Gold kaufen solle, antwortete Kostolany:

Das glaube ich nicht. Nennen Sie mir einen Grund, warum Gold in Zukunft eine gute Kapitalanlage sein soll. Nur weil es stark gefallen ist, muss man es noch nicht kaufen. Es gibt keine Inflation und durch die Verkäufe der Notenbanken eher ein Überangebot des gelben Edelmetalls. Die industrielle Nachfrage stagniert auf gleichem Niveau.

Der Interviewer war sichtlich überrascht und wollte nun wissen, warum Kostolany ein Gegner des Goldes ist. O-Ton Kostolany:

 

Gold ist das Symbol für Deflation und alles Negative, das mit der Deflation kommt: Rezession, Massenarbeitslosigkeit, politische Unruhen. Ich gehe sogar so weit zu sagen, daß die Goldanbindung der Reichsmark in der Weimarer Republik zu Adolf Hitler geführt hat.

Dass Kostolany klug war, erkennt man übrigens nicht an seinen Bonmots zu Gold, sondern an der 1999 nicht einmal der Fachwelt bekannten Aussage, dass es keine Inflation gibt. Wer solches bereits 1999 wusste, konnte in der Folgezeit eine Menge Fehler vermeiden. Kostolany musste das nicht: Er verstarb am 14. September 1999, knapp sechs Wochen nach dem Interview. Und die Inflation, auf die die Goldfreunde setzten, blieb bis heute aus.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige
Cover

Projekt Post-Kapitalismus

Blueprint für die nächste Gesellschaft

Demokratie am Ende?

Wolfgang J. Koschnick analysiert den Niedergang der entwickelten parlamentarischen Parteiendemokratien. Das verbreitete Klagen über "die Politiker" und die allgemeine "Politikverdrossenheit" verstellt den Blick dafür, dass alle entwickelten Demokratien in einer fundamentalen Strukturkrise stecken.

bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS