Posthumaner Sex: Vorwärts zur Natur

16.06.2013

Natürliches Programm auf künstlicher Hardware

Der Sex der Zukunft spielt sich schon heute ab. Es ist der Sex im Abgang der Sexualität und des Begehrens, also im Verlust des sozialen Kontextes und der gesellschaftlichen Funktion der geschlechtlichen Aktivität. Mit dem Verlust von Kontext und Funktion wird aber auch der Sex selbst bald zum Auslaufmodell werden, und dann haben wir eine Welt ganz ohne Sex. Sinnbild dieser Welt ist die Figur des Klons, jenes menschengleichen Wesens, das seine Existenz nicht mehr der "natürlichen" sexuellen Fortpflanzung verdankt.

Wie konnte es dazu kommen? Die Gründe liegen nicht im Technischen. Man kann den Übergang, im Zuge dessen erst die Sexualität und dann der Sex auf der Strecke bleiben werden, als den Wechsel vom Humanen ins Posthumane beschreiben, oder auch als die gleitende Ersetzung des Künstlichen durch das Natürliche. Eine solche Rekonstruktion erfordert allerdings eine partielle Inversion herkömmlicher Begriffe von "künstlich" und "natürlich". Der Mensch ist künstlich, ebenso die Sexualität; der Posthumane dagegen ist natürlich. Daher bedarf der Posthumane zunächst nur noch der natürlichen Reduktionsform der Sexualität, also des Sex - im weiteren Verlauf wird er aber auch auf die geschlechtliche Aktivität selbst weitgehend verzichten. Derzeit befinden wir uns auf unserem Weg von der Humanität in die Posthumanität.

Der Gang erfolgt zunächst weitgehend unmerklich, weil wir nicht etwa dadurch posthuman werden, dass wir unsere Körper in augenfälliger Weise verändern. Die Pointe des posthumanen "Programms" ist, dass es problemlos auf der guten alten hardware von Homo sapiens sapiens "laufen" kann. Es braucht dazu weder Cyber-Augen noch andere Prothesen der Sensorik oder Motorik, noch Erweiterungen unserer kognitiven Welt durch direkte Hirn-Interfaces, noch gar virtuelle Existenzweisen qua Avatare, oder komplette mind downloads in elektronische Systeme. Es braucht nur eine Änderung unserer Haltung, wenn dieser altmodische Ausdruck noch greifen kann: Wir werden wieder eine natürliche, allerdings nicht präkultürliche, sondern hypertechnische und postkultürliche Haltung einnehmen. Um diesen Punkt besser in den Blick zu bekommen, schaut man am besten nach, was den Menschen eigentlich so künstlich machte und ihm unter anderem auch die Sexualität "schenkte".

Die chirurgische Zähmung des Menschen

Die humane Künstlichkeit lässt sich über einen Mythos nachvollziehen, der mit einer psychoanalytischen Interpretation angereichert wird. Den Mythos, auf den u. a. Sigmund Freud und Jacques Lacan rekurrieren, finden wir in Aristophanes' Eros-Rede in Platons Symposion1. Die Aristophanes-Rede ist wohlbekannt, wurde aber bislang nicht ausreichend in Hinblick auf die Posthumanität gelesen. Zur Rekapitulation kurz die Geschichte: Aristophanes erzählt, das ursprüngliche Menschengeschlecht, an welches wir uns heute schlechterdings nicht mehr erinnern können, habe nicht über unsere heutige Körperform verfügt. Die ursprünglichen mannweiblichen Menschen waren wie aus zwei heutigen Menschen zusammengesetzt: rund, mit je vier Beinen, Armen, Händen, und zwei nach außen gewendeten Gesichtern auf einem gemeinsamen Kopf. Diese Wesen brauchten keinen Sex, weil sie gewissermaßen in jedem Individuum die dauerhafte Vereinigung zweier Liebender zu einer gemeinsamen Person realisierten. Sie waren - ungebrochen von einem interpersonellen Begehren - so stark und mutig, dass sie sich anschickten, die Götter anzugreifen.

Trotz dieser Hybris wollte Zeus die Menschen nicht vernichten, denn wer sollte die Götter verehren und ihnen Opfer bringen, wenn es keine Menschen mehr gäbe? Also entschied er sich für eine brutale Zähmung auf chirurgischem Wege: Er schnitt die Menschen in zwei Hälften, so dass je ein Wesen männlichen oder weiblichen Geschlechts mit je zwei Beinen, Armen und Händen entstand; Apollon erhielt den Auftrag, die ursprünglich nach außen stehenden Gesichter nach innen, zur Schnittfläche hin, zu drehen, so dass die Verstümmelten und solcherart entscheidend Geschwächten die Schnittfläche, über welche die Haut zum neu angebrachten Nabel hin mittig zusammengezogen wurde, stets wie zur Mahnung sehen konnten.

Die Geschlechtsorgane verblieben aber zunächst in ihrer nach außen gewendeten Lokalisation, was sich angesichts der Macht des nun ins Werk tretenden eros als schlechte Lösung erwies: Die getrennten Hälften suchten und umschlangen einander, ließen sich nicht mehr trennen, konnten sich jedoch nicht fortpflanzen und verhungerten schließlich. Zeus revidierte diesen Misserfolg mit einem Zweiteingriff, bei dem er die Geschlechtsteile nach vorne verlegte, so dass die uns heute geläufige Konstellation der Kopulation und damit eine vorübergehende sexuell vermittelte Einheitserfahrung mit anschließender Trennung der hälftigen Menschen möglich wurde, die danach wieder ihren göttergefälligen Tagesaktivitäten nachgehen konnten - und zugleich Nachkommen zeugten, die, erstaunlicherweise, von gleicher verstümmelter Gestalt waren wie ihre Eltern.

Über den Mythos dieser Elementar-Chirurgie lernen wir also, dass der Organismus des Homo sapiens sapiens alles andere als etwas Natürliches ist - er ist vielmehr "hochgradig künstlich, ein teleonom designtes Konstrukt, dessen Konstitution sich eigentlich nur den wenig ehrenhaften Absichten einer überlegenen Intelligenz verdankt".2 Aber dieser derivative Mensch ist nicht in erster Linie künstlich kraft der ihn erzeugenden technisch-chirurgischen Manipulation; was ihn eigentlich aus dem Natürlichen heraushebelt, ist - psychoanalytisch gesprochen - sein Eintritt in die Ordnung des Signifikanten.

Walter Benjamin in der Bibliothèque national in Paris 1939. Bild: Gisèle Freund/Agence photographique de la RMN, Paris

Der Aufsatz von Martin Kurthen erscheint Ende Juni in der Zeitschrift TUMULT im Sommer 2013 (Verlag Büchse der Pandora (Majuskel Medienproduktion GmbH, Postfach 2820, D-35538 Wetzlar). Er initiiert dort den Themenblock DAS GESPENST SEXUALITÄT.

Die politisch-kulturelle Vierteljahreszeitschrift TUMULT wird redigiert von Frank Böckelmann und Horst Ebner und ist für 8 Euro im Bahnhofs- und Flughafenbuchhandel und im stationären Buchhandel erhältlich. Ab Anfang Juli ist die erwähnte Ausgabe kostenfrei herunterzuladen auf der Webseite des Verlags. Diese Ausgabe bringt ferner u.a.: Walter Benjamin: Über Scheerbart (Benjamins letzte Arbeit, hier erstmals in deutscher Sprache); Jürgen Paul Schwindt: Die Mitmacher. Zur Pathogenese der neuen deutschen Universität; Peter Trawny: Europa und die Revolution; Rudolf Maresch: Luftschloss Euro; Hermann Rauchenschwandtner: Spiele! Confidence-Games auf den Finanzmärkten. Zur Struktur des "Einseifens"; Thomas Hoof: Randnotizen zum Feminismus; Rainer Just: "3096 Tage": Überlegungen zu einem missglückten Liebesfilm.

Mit der Trennung in die zwei Hälften entstehen alle Ingredienzen der Realität, die eine symbolische - im Unterschied zu einer natürlichen - Ordnung generiert: der Andere als separate Person (die wir mit dem um 180 Grad gewendeten Gesicht frontal anschauen und buchstäblich frontal sexuell angehen können), die signifikante Zerteilung des eigenen Körpers (die Schnittfläche, der Nabel, die "nach vorne" geholten Geschlechtsorgane ...), das Realitätsprinzip (die Aufteilung der Zeit in das göttergefällige Tagesgeschäft und die kurzen Vereinigungen mit der anderen Hälfte) und natürlich das Begehren als die Tendenz, sich in der interaktionalen Intentionalität, welche die Begegnungen mit dem Anderen durchherrscht und reguliert, der Signifikantenkette entlang zu bewegen.

Eigentlich wird der derivative Mensch selbst zum Symbol, wenn wir symbolon im alten Sinne der als Erkennungszeichen verwendeten Halbmarken verstehen3: Die Menschen sind nach Zeus' zweizeitigem Eingriff selbst symbola im Sinne von Halbmarken geworden. Mit all diesen Eingriffen entstand auch erst Sexualität im uns bekannten Sinne, denn die ursprünglichen runden Menschen hatten sich ja schon je in einer Art von natürlicher, wunschloser Vereinigung befunden, die ein Begehren und somit jegliche Form von Sexualität gar nicht auf den Plan treten ließ.

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