Krisen, psychische Störungen und Prism

Verbindungsdatenmuster können mehr aussagen als mancher denkt. Ein Beispiel: psychische Störungen und das Verhältnis zwischen Patient und Therapeuten.

Sind doch nur Verbindungsdaten

Wenn um die Vorratsdatenspeicherung diskutiert wird, heißt es oft, dass diese doch keine Inhalte betrifft. Beruhigend wird darauf hingewiesen, dass die Kommunikationsinhalte weiterhin geschützt und von der VDS nicht betroffen sind. Die Botschaft dahinter ist klar: Macht euch keine Sorge, keiner will euch prophylaktisch ausspionieren bzw. dafür sorgen, dass für spätere Spähaktionen die privaten Daten zur Verfügung stehen.

Kritiker der VDS haben schon lange darauf hingewiesen, dass auch Verbindungsdaten aussagekräftig sind. Ärzte, Therapeuten und Seelsorger haben sich der Kritik an der VDS angeschlossen - dennoch wird weiter propagiert, dass Verbindungsdaten doch nicht wirklich privat wären und ihre Speicherung und Analyse daher per se harmlos. Auf der anderen Seite wird eben gerade die Aussagekraft der Daten gerühmt, wenn es heißt, dass durch die VDS Anschläge verhindert werden konnten. Diese beiden Aussagen widersprechen sich und zeigen, dass die Apologeten der VDS durchaus wissen, wie viel durch die Verbindungsdaten erkannt werden kann.

"Dissent", dessen wahrer Name unbekannt ist, ist Betreiber des Blogs "PHIprivacy.net". Im wahren Leben, so gibt er an, ist er jemand, der hauptberuflich mit Menschen arbeitet, die an einer geistigen Erkrankung leiden. Außerdem ist er Autor diverser Bücher über neuropsychiatrische Störungen. Obgleich seine Aussagen nicht verizifiert werden können, zeigen seine Einträge doch des öfteren, dass er über profundes Wissen im Bereich der Gesundheitsvorsorge, des Gesundheitswesens im allgemeinen sowie im Umgang mit Menschen mit psychischen Problemen im besonderen verfügt. In einem Artikel, der sich mit den aktuellen Geschehnissen rund um die NSA sowie deren Zugriff auf die Verbindungsdaten bei den Providern beschäftigt, spricht er noch einmal deutlich an, wieso er den leichten Zugriff auf Verbindungsdaten per se für gefährlich hält.

Mustererkennungen

Was er aus seiner Praxis erzählt, ist in vielen Krimis, in denen Verbindungsdaten eine Rolle spielen, zum Klischee geworden: Die Ermittler sehen sich die Einzelverbindungsnachweise an und betreiben mehr oder minder Spökenkiekerei, wenn es darum geht, zu überlegen, warum welche Rufnummer gewählt, von welcher Rufnummer aus angerufen oder welche E-Mail-Adresse kontaktiert wurde. "Dissent" jedoch erläutert, wieso diese Mustererkennung oftmals durchaus schlüssige Hinweise geben kann und leitet daraus eine Gefährlichkeit der Verbindungsdatenspeicherung über notwendige Speicherungszeiten hinaus ab.

Vor ca. 20 Jahren, so "Dissent", habe er bemerkt, dass sich bei seinen Patienten bestimmte Muster abbildeten, was ihre Symptome und ihr Kontaktverhalten zu ihm anging. Er kontaktierte Experten auf dem Gebiet und wies sie auf diese Muster hin. Die Experten konnten seine Beobachtungen bestätigen. Die Muster bzw. die Zyklen, die sie abbildeten, waren hilfreich, so "Dissent" weiter, wenn es darum ging, Patienten die Symptome und deren Zyklen näherzubringen sowie auch dem mit der Behandlung beauftragten Personal in Kliniken, Praxen usw. zu erläutern, wann, in welchen Abständen und in welcher Stärke bestimmte Symptome auftreten können.

"Dissent" überlegte, dass, wenn er solche Muster erkennen kann, natürlich auch NSA oder andere Dienste dies können:

Ich begann, darüber nachzudenken, was diese Daten und Metadaten offenbaren könnten. Mein Telefon wird zum größten Teil für Anrufe bei und von Patienten genutzt, kann also die NSA herausbekommen, wer meine Patienten sind? Und könnten sie (die NSA), mittels Suchabfragen und Analysen, herausfinden, wann meine Patienten eine Krise durchlaufen bzw. wann sich die Symptome verschlimmern? Ich denke, das können sie. Und - da ich ein national und international bekannter Experte für eine ganz spezielle Störung bin, könnte die Regierung insofern auch die Diagnosen der Patienten bzw. deren Familienmitgliedern herausfinden? Wahrscheinlich.

Was ihn insbesondere beunruhigt ist die Tatsache, dass solche Möglichkeiten in den Händen von Geheimdiensten kranke Menschen davon abhalten könnten, sich Hilfe zu suchen, da sie befürchten müss(t)en, dass ihre Krankheiten durch ihr Kommunikationsverhalten, ihre Webseitenaufrufe usw. deutlich sichtbar werden. Insbesondere denkt er dabei an jene, die in der Öffentlichkeit stehen.

Doch auch wenn "Dissent" eher optimistisch meint, dass die Mehrheit der "einfachen Patienten" wohl nichts zu befürchten hat, so bleibt das Problem, dass eine VDS bereits an sich das Kommunikationsverhalten der Menschen beeinflusst - insbesondere wenn sie mit einfachen Zugriffsmöglichkeiten auf die gespeicherten Daten verbunden ist. Kontakte zu bestimmten Gruppierungen, NGOs, zu Therapeuten, Seelsorgern et cetera könnten daher bereits von Anfang an nicht gesucht werden um nicht aufzufallen, sich nicht verdächtig zu machen.

Bedenkt man, dass Datenschutzbewusstsein im Zuge einer allzu schnell diagnostizierten Paranoia sogar als Symptom gehandelt wird (z.B. in einer psychotherapeutischen Klinik), so ist dies eine mehr als bedenkliche Entwicklung, die dazu führt, dass viele Menschen die Hilfe, die sie benötigen, nicht bekommen (werden).

So wirken sich VDS und ähnliche Eingriffe direkt auf kranke Menschen aus, die keine Lobby haben, um diese Problematiken in die Öffentlichkeit zu tragen. Es ist bedauerlich, dass nicht längst Kirche, Therapiezentren, Seelsorge und Ärzte einen breiten Protest gegen die ausufernden Überwachungspraktiken und -möglichkeiten mit tragen.

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