Ist Hundehaltung für die Öffentliche Hand ein Geschäft?

27.06.2013

Lasse Walter über Freud und Leid der Vierbeiner und ihrer Halter in der deutschen Metropole

Der Unternehmensberater Lasse Walter hat mit Hundehauptstadt Berlin ein Buch über sämtliche Aspekte des Hundelebens geschrieben und dabei volkswirtschaftliche wie kulturelle Vorteile für seine Stadt entdeckt.

Herr Walter, Sie schreiben, dass die Hundehaltung in Berlin 3.000 Arbeitsplätze sichert. Welche Art von Arbeitsplätzen ist dies und wie werden sie finanziert?

Lasse Walter: Die Hundehalter der geschätzten 165.000 in Berlin lebenden Hunde geben insgesamt pro Jahr 153,74 Millionen Euro für die Hundehaltung aus. Fast 40 Prozent wird für Hundenahrung und Hundezubehör ausgegeben und somit werden alle Angestellten dieser Art von Geschäften durch die Hundehaltung finanziert. Aber auch die Arbeitsplätze in den Bereichen Tierärzte, Tierarznei, Tierheime, Versicherungen, Hundeschulen, Hundesalons, Hundepension, Tierfriedhöfe- und -bestattungen, Bücher und Zeitschriften muss man anteilig auf die Hundehaltung zurückführen. Hinzu kommen die zahlreichen Selbstständigen in der Hundezucht, Dog-Walker und andere Nischenangebote.

Wie viel Steuern nimmt die Stadt Berlin von den Hundebesitzern ein und wie viel lässt sie sich die Hundehaltung ihrer Einwohner kosten?

Lasse Walter: Aus den oben genannten 153,74 Millionen Umsätzen und Ausgaben kommen zu den jährlichen 10,5 Millionen Euro Einnahmen aus Hundesteuer mindestens 30,5 Millionen Euro Steuereinnahmen aus Mehrwert- (22 Millionen), Lohn- (4 Millionen), Versicherungs- und Gewerbesteuer (4,5 Millionen) hinzu. Insgesamt sind der Hundehaltung in Berlin also mindestens 41 Millionen Euro Steuereinnahmen direkt zuzuweisen.

Die Kosten für die Hundehaltung in Berlin sind schwer zu schätzen. Neben 2 Millionen Verwaltungskosten für die Erhebung der Hundesteuer, zirka 200.000 Euro Aktionen von Bezirksämtern und 6,7 Millionen Euro für Hundekotentsorgung kommen andere Kostenfaktoren wie anteilige Kosten an Ordnungs- und Veterinärämtern, die Säuberung von Grünflächen, die Beseitigung von Hundekot, Buddel-, Beiß- und Urinschäden und der Ausgleich für die Beeinträchtigung der Oberflächenwasserqualität der Berliner Gewässer mit zirka 24 Millionen Euro hinzu. Den 41 Millionen Euro Steuereinnahmen durch die Hundehaltung in Berlin stehen etwa 33 Millionen Euro geschätzte Kosten gegenüber.

Lasse Walter

Können Sie uns erklären, warum so viele Berliner Hundehalter sind?

Lasse Walter: Die Anonymität der Großstadt und die Tatsache, dass durch die hohe Mobilität heutzutage die Familien auseinandergerissen sind, mögen dazu beitragen, dass sich die Menschen nach Wärme und Zuneigung sehnen. Zudem ist ein Hund auch für viele Hundehalter ein Kindersatz. Vielleicht tragen diese Faktoren dazu bei, dass gerade in der Großstadt Berlin so viele Hunde gehalten werden.

Sind Hunde in Ost- und West-Berlin gleichermaßen beliebt und wie reagieren die anderen Berliner auf die Präsenz der Vierbeiner?

Lasse Walter: Ein Unterschied zwischen Ost- und West-Berlin war in meinen Recherchen nicht festzustellen. Die Berliner sind generell hundefreundlich, doch gibt es natürlich Ausnahmen. Das größte Ärgernis in der Bevölkerung ist das Hundekotproblem. Umso unverständlicher, dass die Stadtverwaltung noch so wenig dagegen tut und es in Einzelfällen zu Selbstjustiz kommt und Giftköder ausgelegt werden.

Wo existiert in Berlin die höchste Hundedichte und was sagt diese über die Stadtviertel aus?

Lasse Walter: Laut einer Verteilung der Hunde aus 2011 von StadtundHund.de auf die Bezirke liegt Reinickendorf mit 69 Hunden pro 1.000 Einwohner an der Spitze. Wenn man jedoch die Quadratkilometer zugrunde legt, ist Neukölln mit 325 Hunden pro Quadratkilometer und Friedrichshain-Kreuzberg mit 320 Hunden pro Quadratkilometer vorn. Rückschlüsse auf das Stadtviertel kann man nicht ableiten. Die dichtbesiedelten Bezirke haben auch eine hohe Dichte an Hunden. Das merkt man auch am Straßenbild.

 

"Gegenseitige Rücksichtnahme ist das beste Mittel"

Warum sind viele Migranten von den Hunden nicht so begeistert?

Viele in Berlin lebende Migranten lassen eine starke Angst und Abneigung gegenüber Hunden verspüren. Teilweise werden die Kinder hektisch auf den Arm genommen und die Straßenseite gewechselt. Um zum gegenseitigen Verständnis beizutragen, habe ich in meinem Hundebuch diesem Thema einen ausführlichen Artikel gewidmet. Wie in vielen anderen Dingen prallen hier Erziehung, anerzogene Werte und eine gesamte Kultur aufeinander.

Hunde werden gerade um die Mundpartie als "unrein" bezeichnet. Einem gläubigen Moslem wäre nach einer Berührung mit einem Hund und sei es nur die kurze Berührung an der Kleidung, nicht mehr erlaubt, in dieser Kleidung und ohne seine Sachen vorher zu waschen, zu beten. So ist es nicht erlaubt bei sich im Haushalt Hunde leben zu lassen. Ausschließlich Nutztiere und Wach- Schutz- und Jagdhunde, die dann allerdings nicht mit den Menschen zusammen leben, sind zugelassen.

Egal ob Migrant oder nicht, jeder Mensch, der dir auf der Straße entgegen kommt, kann, aus welchen Gründen auch immer, Angst vor deinem Hund haben und hat auch das Recht dazu. Wenn man sich bewusst macht, dass es Menschen gibt, die vor Hunden aus den verschiedensten Gründen Angst haben, dies aber nicht, weil sie den Hundehalter oder Hund damit ärgern wollen, sondern weil es einfach so ist, dann ist gegenseitige Rücksichtnahme das beste Mittel.

 

"Insgesamt 706 Hundebisse im Jahr 2011"

Wie oft kommt es Berlin vor, dass jemand von einem Hund gebissen wird?

Lasse Walter: Vorweg möchte ich deutlich sagen, dass jeder Hundebiss ein Biss zu viel ist. Laut einer Statistik wurden im Jahr 2011 insgesamt 706 Hundebisse in Berlin registriert. Nun werden die meisten davon leider in den Medien sehr dramatisiert. Von einem Umrennen im Park wird schnell ein "Joggerin von Hunde angefallen". Auch sind viele Hundebisse auf ein falsches Verhalten gegenüber Hunden zurückzuführen. Zum Beispiel passieren viele Hundebisse durch angeleinte Hunde vor Supermärkten, die von Kindern bedrängt oder gar geschlagen werden. Wie eingangs erwähnt, jeder Biss ist einer zu viel, doch sollte man nicht immer die Schuld generell beim Hund suchen.

Um Hundebissen durch falsche Annährung vorzubeugen, organisieren wir zum Beispiel im Rahmen eines Stadtteilfestes einen Hundebereich, wo Kinder wenige einfache Regeln lernen können, sich sachgerecht einem Hund zu nähern, ohne dass es zu Kommunikationsproblemen führt. Ebenso können Berliner dort ihrer Angst behutsam entgegenwirken.

Gibt es verschiedene Fraktionen von Hundehaltern, die sich untereinander befehden oder besonders gut verstehen?

Lasse Walter: Je nach Hunderasse oder Art der Hundehaltung vertreten die Hundehalter unterschiedliche Überzeugungen. Ein Hundehalter, der seinen Hund als Schutzhund in einer Hundehütte hält, kann natürlich schwer nachvollziehen, wie andere Hundehalter ihren Hund ins Bett oder auf ihr Sofa lassen. Genauso wenig kann zum Beispiel ein Doggenhalter nachvollziehen, wie man seinen Königspudel jeden Tag frisiert. Welche Form des Zusammenlebens und der Erziehung ein Mensch mit seinem Hund wählt, bleibt jedem selbst überlassen, solange Hund und Herrchen Spaß haben, sollte es egal sein und ist vor allem gesund beziehungsweise schadet niemanden.

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