Joachim Gauck übernimmt "Neues aus der Anstalt"

Bundespräsidenten-Parodist gewinnt Casting-Show

Fans des politischen Kabaretts atmen auf: Wenn im Herbst die beiden aktuellen Gastgeber des ZDF-Formats "Neues aus der Anstalt" ihren Abschied nehmen, wird ein würdiger Nachfolger übernehmen: Der früher in der DDR höchst erfolgreiche Kabarettist Joachim Gauck gewann ein Casting, das in Form eines simulierten ZDF-Sommerinterviews durchgeführt wurde. Mit seinem ganz besonders feinen Sinn für Ironie und Groteske vermochte Gauck die Jury spielend zu überzeugen.

Gauck, seit über einem Jahr als Präsidenten-Parodist auf Tournee, war als Interviewpartner für den gegenwärtig Geheimdienstskandal bestens vorbereitet. Nach der Wende, die auch ihn zum Bürgerrechtler wendete, hatte er in der damals nach ihm benannten Gauck-Behörde jahrelang die unappetitliche Hinterlassenschaft eines Überwachungsstaats gehütet. Souverän vermochte Gauck von der "wirklichen Wirklichkeit" zu dozieren. So "wusste" Gauck, dass es nicht so sei, wie bei Stasi und KGB, dass es dicke Aktenbände gäbe, in denen sorgfältig Gesprächsinhalte aufgeführt seien. Die wirkliche Wirklichkeit scheint allerdings eher zu sein, dass alles Papier der Erde nicht ausreicht, um die von NSA und GCHQ geschnüffelten Daten in Aktenberge zu pressen. Gegen die Speicher- und Auswertungssysteme nehmen sich die analogen Möglichkeiten der östlichen Geheimdienste geradezu als homöopathisch aus.

Joachim Gauck (2012). Bild: Freud. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

USA-Fan Gauck, ein bemerkenswert spätberufener "Bürgerrechtler", huldigte stattdessen den warmen Worten Obamas, der dem leichtgläubigen Ex-Pfarrer versichert hatte, alles habe schon seine Rechtsstaatlichkeit. Was sollte auch irritieren, dort im gelobten Land des Herrn? Die Daten im Mormonenstaat Utah werden gewiss von gläubigen, rechtschaffenen Menschen gehütet werden, Verrat werde es da gewiss nicht geben.

Purer Verrat

Zu Hochform lief Gauck bei der Beurteilung von Edward Snowden auf: Für "puren Verrat" habe er kein Verständnis, der "öffentliche Dienst" müsse auf Vertrauenswürdigkeit setzen. Das Wortspiel, einen Geheimdienst als öffentlichen Dienst zu bezeichnen, war gekonnt, denn juristisch gesehen ist das nicht einmal Unsinn. Die an Ironie schwer zu überbietende Chuzpé jedoch, den Verrat des puren Verrats als puren Verrat zu bezeichnen, beförderte Gauck in die Bundesliga des deutschen Kabaretts, denn Verraten des Verrats war ja genau Aufgabe der Gauck-Behörde, die den Überwachungsapparat der DDR zu verwalten hatte. Der feine Unterschied zwischen Snowdens und Gaucks Gegnern ist der, dass letztere Geschichte sind - gefährlich weder für Gauck noch sonst jemanden. Die US-Dienste jedoch liquidieren, wen sie des Terrors auch nur für verdächtig halten, etwa aufgrund mitgehörten und mitgeschnittener Kommunikation. Viel dicker hätte Gauck, der sich als Bürgerrechtler feiern lässt, schwerlich auftragen können, denn weiter entfernt als willkürliches Töten kann ein Staat vom Rechtsstaat schwerlich sein.

Gauck witzelte weiter, er würde nur dann eine Sympathie haben, wenn eine Regierung dabei sei, das Recht zu beugen. Denn wer sich mit seiner Unterschrift verpflichtet hätte, ... Unterschriften, wie sie sich auf den von Gauck verwalteten Verpflichtungserklärungen für Informelle Mitarbeiter der Stasi befinden. Jener Mann, der in den Geheimnissen des ostdeutschen Spitzelgeheimdienstes schnüffelte, hatte schon früher die groteske Rolle eines Befürworters für den Überwachungsstaat gespielt. So forderte Gauck stets die anlasslose Vorratsdatenspeicherung, die gravierender in die Kommunikationsfreiheit eingreift, als die Stasi es sich mit ihren Tonbändern und Papierkarteien auch nur hätte erträumen können. Gegen politische Geheimdienste hat Gauck nichts Grundsätzliches einzuwenden - wenn es die jener Nation sind, die den Frieden so sehr lieben, dass sie ihn herbeibomben. Pfarrer Gauck weiß die Geheimnisse der Menschheit bei den Amerikanern in guten Händen, wo sie im Mormonenstaat Utah für die Ewigkeit eingelagert werden.

Anschließend referierte Gauck über die Krokodilstränen, die ihm bei Obamas Freundschaftsbesuch während der Hymne in die Augen traten. Die Tränen der Angehörigen, die Opfer von Obamas Drohnenkrieg zu beklagen haben, interessierten eher nicht, ebenso wenig sein auf das deutsche Volk geleisteter Amtseid. Für die Nordamerikaner kann man schon mal seine eigenen Leute verraten, schließlich sind die Vereinigten Staaten von Amerika ja selbst auf Verrat gegründet. Schwamm drüber, inzwischen teilen die Yankees ja wieder mit der einst verprellten britischen Krone vor allem die Öl- und Datenfelder im Ausland.

Backstage

Nach Gaucks fulminantem Auftritt stellte der Schalk jedoch den Medien gegenüber klar, dass er nur die Rolle eines naiven konservativen Amerikafans parodiert habe. Selbstverständlich ist er als Stasi-Abwickler und oberster Dienstherr der deutschen Geheimdienste mit den technischen Mitteln auch heutiger Überwacher vertraut. Wenn etwa die Mailboxen deutscher Politiker abgehört würden, so der Bürgerrechtler, dann sei der Rubikon überschritten. Das bedeute Krieg. Denn die Privatsphäre von klerikalen Spitzenpolitikern, die ihrer Frau nicht durchgehend die Treue erweisen, gehe schließlich niemanden etwas an. Für so etwas würde man beim Treffen in der konservativen Atlantik-Brücke schon mal schief angesehen. Wer will das schon?

Das ZDF sucht nun fieberhaft noch nach einem würdigen Sidekick, der Gaucks komödiantischem Temperament Paroli bieten soll. Erika Steinbach und Hans-Peter Uhl haben angeblich schon abgesagt. Eine Bewerbung von Wilfried Scharnagl wurde offenbar abgelehnt.

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