Drei Seiten geteilt durch sieben Autoren ist gleich ein Dr. med.

03.07.2013

Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff hat eindrucksvolle Beispiele für die Entwertung eines Titels gesammelt

Um in Deutschland als Arzt zu arbeiten, muss man nicht promoviert haben. Weil der Dr. med. auf dem Praxisschild von Eltern, Kollegen und Patienten erwartet wird, machen ihn die meisten Mediziner trotzdem. Hinter den dazugehörigen Dissertationen steckt selten wissenschaftliche Neugier als Hauptmotiv - und das sieht man vielen von ihnen auch an.

Oft bestehen sie aus relativ wenigen Daten, die durch ein Statistikprogramm gejagt und mit ein paar medizinischen Allgemeinplätzen textlich verziert werden. Dass die Ergebnisse solcher Titeljagden nur vereinzelt über 50 Seiten umfassen und meist unzitiert und unverwendet in Archiven schlummern, ist seit langem bekannt. Neu ist allerdings, was die Berliner Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff nun ans Tageslicht förderte.

Anlass ihrer Recherche waren Berichte über die zehnseitige Doktorarbeit des Ehemanns der bayerischen Sozialministerin Christine Haderthauer, die 1985 an der medizinischen Fakultät der Universität Würzburg angenommen und als Zeitschriftenartikel mit dem Doktorvater Peter Kugler als Ko-Autor veröffentlicht wurde. Als Weber-Wulff die nach den damaligen Standards der Universität Würzburg untadelige Arbeit in der Bibliothek einsah, stieß sie auf fünf weitere Arbeiten mit ähnlichen Titeln, die Mitte der 1980er Jahre allesamt als Doktorarbeiten akzeptiert wurden.

Laut Nürnberger Nachrichten kommt die Öffentlichkeit für den leitenden Landgerichtspsychiater und die Sozialministerin zu einem "ungünstigen Zeitpunkt", weil durch die Affäre Mollath bekannt wurde, dass sie Insassen der forensischen Psychiatrie über längere Zeit hinweg teure Modellautos fertigen ließen und damit Geld verdienten. Dem Spiegel zufolge pflegt Christine Haderthauer "in dem Fall ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit […] und bewegt sich damit an der Grenze zur Lüge".

Christine Haderthauer. Foto: Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen.

Mittlerweile gingen gegen das Ehepaar mehrere Strafanzeigen wegen des Verdachts auf Betrug und Unterschlagung ein. An den fachlichen Fähigkeiten Hubert Haderthauers wurden bereits 2009 Zweifel laut: Damals kam heraus, dass er eine (wie sich später herausstellte) frei erfundene Räuberpistole über einen angeblich an Hunde und Schweine verfütterten Bauern mit soapwürdigen Spekulationen über Inzest untermauert und damit vor Gericht glaubwürdig gemacht hatte.

Noch bemerkenswerter als der Fall Haderthauer sind jedoch einige andere Fälle, die Weber-Wulff von Helfern zugetragen wurden und in denen medizinische Fakultäten noch weniger Seiten mit noch mehr Autoren als Dissertationen anerkannten: Darunter eine neunseitige Schrift von sieben Autoren, die die Universität Hamburg 2001 akzeptierte, ein sechsseitiges Papier von vier Verfassern, das man dort 2005 als Doktorarbeit annahm, eine 2006 an der Universität Münster gebilligte dreiseitige Arbeit mit merkwürdigen Rechtschreibfehlern und dem Doktorvater als Ko-Autor und eine dreiseitige Publikation mit sieben Vätern, die die Technische Hochschule Aachen noch im letzten Jahr als ausreichend für die Verleihung eines Doktorgrades ansah.

Für die in Berlin lehrende US-Amerikanerin ein Anlass, eine im deutschen Bildungssystem seit langem drängende Frage neu zu stellen:

Isn't it time to move on to an 'MD' for medical doctors and get rid of the 'Dr. med.'?

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Zweifel an Röslers Dissertation

Peter Mühlbauer 17.05.2011

Hat der neue Wirtschaftsminister und FDP-Vorsitzende für seine Promotion eine "eigenständige Arbeit" vorgelegt?

Doktorarbeiten von Medizinern, die keine wissenschaftliche Karriere planen, wirken häufig deutlich weniger arbeitsintensiv als Dissertationen in anderen Disziplinen. Das mag damit zusammenhängen, dass der Doktortitel in der Medizin anders als in anderen Fächern als berufliche Grundausstattung und nicht als besondere Zierde oder Sprungbrett zur Professur angesehen wird.

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