Mollath: Krank, aber nicht mehr gefährlich?
Alexander Dill 04.07.2013
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"Sehr unklug und in gewisser Weise verrückt"

… das ist dann der nächste Punkt.

Hans-Ludwig Kröber: … was ja sehr unklug und in gewisser Weise verrückt ist, weil er hat ja nur eine Chance, dass man eine neue Sicht auf die Dinge zu entwickelt, wenn er einem eine andere, abweichende Version vorträgt. Ansonsten gelten die Gründe weiter, die bisher rechtskräftig festgestellt worden sind. Das ist ja in der Revision zum Bundesgerichtshof gegangen und dort konnte kein Fehler festgestellt werden.

Klar, das ist ja alles bekannt. Aber selbst wenn er diese Taten begangen hätte, wäre es doch höchst fraglich, ob heute für diese Art von Taten, für die er rechtskräftig verurteilt wurde, eine Rückfallgefahr besteht?

Hans-Ludwig Kröber: In der Tat. Das müsste man jetzt klären. Damals war eine andere Situation. Damals war Herr Mollath ein Patient von Vielen im Maßregelvollzug. Heute ist er eine öffentlich Erscheinung in Deutschland. Allein das führt schon bei vielen dazu, dass sie sich dieser neuen Rolle bewusst werden und der alte Kampf, der alte Streit, den man geführt hat, plötzlich in den Hintergrund tritt und man eine neue, wichtige und sozial lohnende Rolle als Justizopfer hat. In dieser Rolle wird er mit großer Wahrscheinlichkeit alles vermeiden, was ihn in den Verdacht bringen könnte, doch ein Gewalttäter zu sein.

... was ja aus therapeutischer Sicht ein Erfolg wäre. Die verbale Artikulation eines möglicherweise vorhandenen physischen Gewaltpotenzials wäre doch eine therapeutisch zu würdigende Leistung?

Hans-Ludwig Kröber: Das wäre mir zu kompliziert gedacht. Er hat sich in diesen Jahren jeglicher Therapie verweigert. Er hat einerseits Flugblätter verteilt, in denen er große Verschwörungen beschreibt andererseits andere direkt attackiert. Er hat sich auch vor seinen Taten artikuliert und insofern ändert das an seiner Gefährlichkeit nichts. Es gibt jetzt eine thematische Verlagerung in ein Feld, in dem es insgesamt unklug wäre, mit Gewalt zu agieren.

Bei so einer Beziehungstat, die wir in kleinerem Bereich ja auch aus den meisten Familien kennen, ist es doch meist so, dass mit der Trennung auch das Tatmotiv verschwindet. Nur in seltenen Ausnahmefällen verfolgt man seinen Partner dann noch weiter.

Hans-Ludwig Kröber: Bei Mollath scheint genau das einige Jahre der Fall gewesen zu sein, wenn man das Urteil liest. Ich kenne durchaus Beispiele, wo so etwas bis zum Mord passiert. Zur Bewusstlosigkeit würgen ist in einer anderen Liga.

[Update: Professor Kröber möchte hier folgende Ergänzung eingefügt wissen, die in der ersten freigegebenen Fassung des Interviews nicht enthalten ist: "Das war im August 2001, vor der Trennung. Die Frau ist nach der Trennung Ende Mai 2002 nochmal in Mollaths Wohnung gekommen, um ihre Sachen zu holen. Dabei gab es einen laut Urteil einen erneuten Übergriff, er hat sie festgehalten und am Verlassen der Wohnung gehindert. Die Justiz hat diese Vorfälle in der Akutphase der Trennung eher verläppert. Offenbar bestand kein großes Verfolgungsinteresse. Das Ganze ging erst wieder voran durch die [Mollath vorgeworfene] Reifenstecherei im Januar 2005, drei Jahre nach der Trennung."]

Da waren die ja schon getrennt. Die Frau ist nach der Trennung noch in Mollaths Wohnung gekommen, um ihre Sachen zu holen. Dabei ist es passiert, wenn es so stimmt. Die Justiz hat die Geschichte eher verläppert. Da gab es dann keine Schreibmaschine. Das Ganze ging erst wieder voran durch die Reifenstecherei, das war aber bereits mehr als vier Jahre nach der Trennung. Da erst hat man gesagt: Er ist weiter gefährlich. Aber ich gebe Ihnen Recht: Sein Wahn bezog sich in diesen letzten Jahren schon lange nicht mehr auf seine Frau, sondern auf die Nürnberger Firma Diehl und die große Verschwörung, die er dort sah.

Sie haben mir ja im Vorfeld als besonderes Beispiel für Mollaths Wahn die Firma Diehl genannt und dazu als Stichworte Rotary, Diehl-Stiftung und Oberfinanzdirektion. Ich habe daraufhin diese Punkte recherchiert. Würde es Sie überraschen, wenn ich Ihnen sage, dass das auf der sachlichen Ebene gar kein Wahn ist?

Hans-Ludwig Kröber: Was haben Sie recherchiert?

Dass Diehl Streubombenzünder und Minen produziert. Dass Karl Diehl Gründer des Nürnberger Rotary-Club war und dort beide Präsidenten der Oberfinanzdirektion Mitglieder waren. Dass die Oberfinanzdirektion Diehl 60 Millionen Euro Steuer erlassen hat, die er durch falsche Deklaration der Diehl-Stiftung hätte bezahlen müssen. 2001 haben die Nürnberger Nachrichten darüber berichtet. Wussten Sie das?

Hans-Ludwig Kröber: Ich bin jedenfalls davon ausgegangen, dass das alle Leute sind, die in irgendeinem Zusammenhang stehen, wie eben auch der bayerische Ministerpräsident zur Hypovereinsbank. Das Eigentümliche ist, dass Mollath das als eigene Angelegenheit erlebt, als seine persönliche Bedrohung, für die er ins Gefängnis gehen will, als Unrechtsstaat, den er mit "SS"-Runen charakterisiert.

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