Vermieter-Betrug mit Hartz IV

08.07.2013

Bruno Schrep über Schicksale in einer Welt, in der die Dinge über den Menschen stehen

Ein junger rumänischer Hilfsarbeiter erstickt in einem Altkleidercontainer. Bei einer Schifffahrt fallen einem kurdischen Kameramann die Papiere in den Main, worauf der Nichtschwimmer seiner Aufenthaltsgenehmigung hinterher springt und ertrinkt. Ebenso zurückhaltend wie eindringlich sucht Bruno Schrep in seinem Buch Vor unser aller Augen die Menschen und Schicksale, die sich im hinter solchen Zeitungsnotizen verbergen, die es meistens nicht über den Regionalteil hinaus schaffen. Er schildert darin eine verrückte Welt, die mittlerweile zur Normalität geworden ist.

Herr Schrep, Sie haben Ihr Buch mit "Reportagen aus der deutschen Wirklichkeit" untertitelt. Warum? Über was berichten Reportagen denn sonst?

Bruno Schrep: Ich denke, ich berichte über eine Wirklichkeit, die nicht jedem auffällt. Ich habe mir Sachen ausgesucht, die zur Wirklichkeit gehören, aber oft nicht als solche wahrgenommen werden. Es gibt eben viele Wirklichkeiten.

Warum bleiben uns denn solche Schicksale, wie Sie sie beschreiben, normalerweise verborgen?

Bruno Schrep: Sie sind nicht von allgemeinem Interesse. Über die Meldung, dass irgendein Rumäne in einem Altkleidercontainer erstickt ist, wird schulterzuckend hinweg gegangen. Ich versuche näher hinzusehen, um Schicksale von Leuten zu beschreiben, von denen sonst niemand Kenntnis nimmt. Egal, ob das ein kurdischer Kameramann ist, der ertrinkt, oder eine Prostituierte, die tot und vollkommen abgemagert in einem Pappkarton gefunden wird. Dies sind alles Meldungen, die zwar im Lokalteil von Zeitungen stehen, aber nur selten wird recherchiert, was dahinter steckt.

Sie sind seit über 35 Jahren als Journalist tätig. In welche Richtung hat sich Deutschland seitdem verändert?

Bruno Schrep: Deutschland ist materialistischer geworden. Es geht noch mehr als früher um das Prinzip: Haste was, dann biste was. Statussymbole - etwa luxuriöse Häuser, wertvoller Schmuck oder teure Autos - die schon immer wichtig waren, sind womöglich noch wichtiger geworden. Allerdings nur für einen Teil der Bevölkerung. Die Unterschiede haben zugenommen.

Hat sich in Deutschland nicht nur mentalitätsmäßig, sondern auch sozial und politisch etwas verändert?

Bruno Schrep: Nach dem Fall der Mauer ist die soziale Marktwirtschaft mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt worden. Die Marktwirtschaft rückt zu Lasten des Sozialen immer mehr in den Vordergrund, eine gefährliche Entwicklung.

Sie haben soeben die Wiedervereinigung genannt. Fallen Ihnen noch weitere Eckdaten ein, an denen man diese Veränderung fest machen kann?

Bruno Schrep: An Hartz IV zum Beispiel.

In einer Ihrer Geschichten stellen Sie einen Immobilienkaufmann vor, der sich auf die Vermietung von Wohnungen für Hartz IV-Bezieher spezialisiert hat. Warum ist das ein so profitables Geschäft?

Bruno Schrep: Er hat die Behörde betrogen: Es gibt festgesetzte Mieten, die von der Behörde für bestimmte Wohnungsgrößen bezahlt werden. Diese Mieten hat der Hauseigentümer von den Ämtern eingestrichen. Die Wohnungen waren jedoch oft viel kleiner, als bei den Behörden angegeben, so dass der Vermieter praktisch doppelt verdient hat. Bei den Fällen, die ich in meinem Buch schildere, fiel ihm den Betrug relativ leicht. Die meisten Leute waren einfach froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. Nur ganz wenige haben einmal nachgemessen, wie groß die Wohnung wirklich ist. Resultat: Es waren teilweise bis zu fünfzig Prozent mehr Quadratmeter im Mietvertrag angegeben, als tatsächlich vermietet wurden.

Halten Sie es für möglich, dass dies Geschäft auch deshalb so lukrativ ist, weil Beschwerden von Hartz-IV-Beziehern anders behandelt werden als von Leuten, die in Lohn und Brot stehen?

Bruno Schrep: Das kann ich nicht beurteilen, ich glaube aber, dass sich viele Leute einfach nicht getraut haben, sich überhaupt zu beschweren. Sie wussten ja, dass die Leute bei diesem Immobilienhändler trotz der überhöhten Preise Schlange standen. Darunter waren auch Obdachlose, die sonst auf der Straße gestanden hätten.

Bruno Schrep: Dieser Immobilienkaufmann ist dann aber trotzdem von den ARGEN verklagt worden ...

Aber erst auf Druck der Medien, unter anderem der Obdachlosenzeitung "Hinz und Kunzt". Der Mann ist auch bestraft worden. Unter anderem hat er alle seine Ämter verloren (er war ja in der Bürgerschaft der Hamburger CDU), und er ist verurteilt worden.

Bruno Schrep: Wie lange hat es denn gedauert, bis den Beschwerden der Bewohner von den ARGEN nachgegangen wurden?

Lange. Auch mir wurde noch während den Recherchen zu meinem Buch mitgeteilt, es sei nicht die Aufgabe des Amtes, die Quadratmeter in den Wohnungen auszumessen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie Leute wie einen Kurden, der - obwohl er nicht schwimmen kann - in den Main springt und beim Versuch ertrinkt, seine Aufenthaltsgenehmigung zu retten. Oder drei Teenager, die sich zum gemeinsamen Suizid über eine Internet-Plattform verabreden. Haben solche Fälle in den letzten Jahren zugenommen, oder es hat es sie immer schon gegeben?

Bruno Schrep: Das Schicksal des Kurden ist sicher ein Einzelfall. Ich wollte aber damit zeigen, wie fragil das seelische Gleichgewicht sein kann, in dem sich solche Leute befinden. Wahrscheinlich wäre der Verlust seiner Papiere gar nicht schlimm gewesen, man hätte sie ersetzen können, denn er hatte ja seine Duldung. Aber aus seiner Sicht war das eine existentielle Bedrohung. Ich wollte darstellen, unter welchem seelischen Druck sich Leute mit prekärem Aufenthaltsstatus in Deutschland befinden.

Dass sich junge Leute zum Selbstmord verabreden, hat es auch früher hin und wieder gegeben, das waren aber immer Freunde und Bekannte. Dass sich aber Wildfremde, die sich noch nie getroffen haben, über eine Internet-Plattform zum gemeinsamen Freitod verabreden, gab es zuvor noch nie.

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