Wie sich ein Akademiker ein ungerechtes System zurechtbiegt

04.07.2013

Kommentar zum Artikel "Wovon Arbeiterkinder wirklich profitieren würden"

Dass das deutsche Bildungssystem nach der familiären Bildungsherkunft selektiert, ist von wissenschaftlichen Sozialerhebungen seit vielen Jahren gut belegt: Wer in eine Akademikerfamilie geboren wird, hat eine 3,4-mal so hohe Chance, ein Hochschulstudium zu beginnen, wie jemand aus einer anderen Familie. Manche Akademiker verstehen diesen Befund jedoch nicht richtig und reproduzieren damit ausgerechnet die soziale Selektion, die es eigentlich im Interesse der Chancengleichheit zu überwinden gilt.

Am 26. Juni 2013 wurde die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks vorgestellt (Infobroschüre, Zusammenfassung, vollständig). Mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung haben die sozialwissenschaftlichen Experten des HIS-Instituts für Hochschulforschung die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2012 erhoben. Ihre Ergebnisse beruhen auf den Angaben von 15.128 Befragten und sind damit für die Studierenden deutscher Hochschulen repräsentativ. Schon seit 1951 wird die Sozialerhebung im meistens dreijährigen Rhythmus durchgeführt.

Familiäre Bildungsherkunft wurde untersucht

Die Erhebung liefert aktuelle Erkenntnisse zur sozialen Selektion des deutschen Bildungssystems, zu den Folgen der Bologna-Reformen, zum BAföG und zur sozialen Infrastruktur wie Wohnmöglichkeiten für Studierende oder Mensakapazitäten fürs bezahlbare Essen der Kommilitonen. In den Medien hat vor allem der erste Aspekt, die soziale Selektion, große Aufmerksamkeit erhalten. Damit ist gemeint, ob Menschen mit unterschiedlichem sozialem Hintergrund systematische Unterschiede in der Teilhabe am Bildungssystem haben. Einen Weg, dies zu messen, bestand in der Erhebung der Bildungsherkunft der Familie eines Menschen. Damit ist gemeint, welchen Schul-, Ausbildungs- oder Hochschulabschluss die Eltern besitzen.

Der Präsident des Deutschen Studentenwerks, Dieter Timmermann, wählte für die Vorstellung seines Berichts deutliche Worte, die keinen Zweifel an dem Ergebnis der Erhebung lassen:

Es ist kein neuer Befund, aber jede Sozialerhebung zeigt aufs Neue: Der Zugang zum deutschen Hochschulsystem ist sozial nach wie vor sehr selektiv. … Die Bildungsbiografie eines Menschen hängt in Deutschland noch immer entscheidend von der Bildungsherkunft seiner Familie ab. …Die grundlegende soziale Selektivität ist außerordentlich stabil. Diese Stabilität müsste die Verfechter von sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit mächtig und nachhaltig erschrecken, uns jedenfalls erschreckt sie.

Ungleiche Chancen, ungleiche Folgen

Was hat den Präsidenten des Deutschen Studentenwerks und seine Kolleginnen und Kollegen dermaßen erschreckt? Den wesentlichen Befund fasst er wie folgt zusammen: Von 100 Kindern von Akademikern studieren 77, von 100 Kindern von Nicht-Akademikern schaffen es jedoch nur 23 an eine Hochschule, im Vergleich also etwas weniger als ein Drittel. Natürlich muss nicht jeder Mensch ein Studium aufnehmen und gibt es viele gelingende Lebenswege außerhalb der Hochschulen. Wie der OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher jüngst zusammenfasste, verdienen Hochschulabsolventen im Arbeitsleben aber durchschnittlich 74% mehr als Menschen mit Sekundarschulabschluss, das heißt abgeschlossener Haupt- oder Realschule.

Dieser Unterschied kann dadurch gerechtfertigt sein, dass Hochschulabsolventen im Allgemeinen mehr Zeit in ihre Ausbildung investieren und qualifiziertere Aufgaben übernehmen können. Die soziale Rechtfertigung dieses Unterschieds wird jedoch dann eingeschränkt, wenn nicht alle Menschen in der Gesellschaft in gleichem Maße, wenn sie denn wollen und das nötige Können aufweisen, Zugang zu den Ausbildungen haben, die Voraussetzungen für die höher qualifizierten Aufgaben sind. Der krasse Unterschied in der Repräsentation von Kindern aus Familien mit verschiedenem Bildungshintergrund ist jedenfalls ein starker Hinweis auf soziale Selektion des deutschen Bildungssystems.

Forderung an die Bildungspolitik

Dieter Timmerman räumt ein, dass weder er noch die deutsche Bildungspolitik bisher ein einfaches Rezept zur Verbesserung der Lage haben. Mit Blick auf die gegenwärtige hochschulpolitische Debatte äußert er sich aber mit folgendem politischen Statement:

Die hochschulpolitischen Schlüsselbegriffe unserer Zeit sind Exzellenz, Elite, Autonomie. Von sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit ist kaum die Rede. Auch wir wollen Exzellenz, aber Exzellenz in Forschung und Lehre, in der Spitze und in der Breite sowie Exzellenz in der sozialen Infrastruktur, das Ganze aber auf dem Fundament von sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit.

Kritik der Verbesserungsvorschläge

Während ein Großteil der Medien täglich Beiträge über diesen Befund brachte, gab es in Deutschland einen Akademiker, der sich eines anderen Aspekts des hochschulpolitischen Themas annahm: Der sowohl in lateinischer Philologie als auch in der Geschichte der Naturwissenschaften promovierte Dr. Dr. Peter Riedlberger hatte nämlich vor Kurzem, wie er schreibt, über die Facebook-Seite der hochschuldidaktischen Abteilung der TU München einen Ratgeber für den Umgang mit Diversität an der Hochschule gefunden. Auf der Internetseite dieser Initiative werden Informationen zur Chancengleichheit in der Lehre angeboten, die zum Beispiel den Bildungs-, Migrationshintergrund oder Erkrankungen von Studierenden betreffen.

In seinem von ihm selbst als destruktiv und polemisch bezeichneten Telepolis-Artikel vom 27. Juni (Wie man als Dozent Arbeiterkinder behandeln solle) macht sich Riedlberger dann abschnittsweise über die Sinnlosigkeit dieser Empfehlungen her. Wenn man die Webseite selbst nicht kennt und nur die Polemik liest, dann kann man tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass die Empfehlungen zum Umgang mit Diversität manchmal mehr schaden als nutzen könnten.

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