Ehrenmitglieder und Ehrenmedaillen: Politiker als Zeitbombe

11.07.2013

Aktive Politiker werden von Universitäten hofiert und mit Medaillen bzw. Ehrentitel überhäuft. Sie verwandeln sich damit in akademischen Zeitbomben, wie folgende Beispiele zeigen

Vor etwa zwei Jahren hat der Akademische Senat der FU Berlin beschlossen, dem Scheich von Dubai, Muhammad bin Raschid Al Maktum, die ihm im Jahre 2008 verliehene Ehrenmedaille abzuerkennen. Der Grund war die dubiose Rolle des Scheichs beim Sklavenhandel zu Lasten von Tausenden von Kindern, die jahrelang als Jockeys bei Kamelrennen eingesetzt wurden. Mehrere Familien aus armen Ländern, deren Kinder nach Dubai verschleppt worden waren, haben 2006 in den USA eine Sammelklage gegen den Scheich eingereicht. Die Anklage lautete: "Sklaverei, Ausnutzung und Vermittlung von Kinderarbeit, Körperverletzung, psychische Gewalt, Totschlag". Die Richterin in Florida hat die Klage nur aufgrund mangelnder Zuständigkeit für Dubai abgewiesen.

Wenn der Scheich nicht mit Kamelrennen beschäftigt ist, kümmert er sich um seine Rennpferde. Er ist Besitzer des Godolphin-Rennstalls und ein passionierter Reiter. Aber hier ist er bereits als Tierfolterer und Dopingspezialist aufgefallen: 2009 wurde er für sechs Monate von Pferderennen verbannt. Nach einem 120 km langen Wettkampf waren bei seinem Pferd sowohl Drogen gegen hohen Blutdruck als auch Steroide entdeckt worden. Natürlich hat der Scheich die Schuld jemand anderem zugeschoben.

Sheikh Mohammed bin Rashid Al Maktoum. Bild: IMF, Public Domain

Als Beweis dafür, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, wurde sein Sohn nur zwei Wochen später für dasselbe Vergehen zehn Monate von Pferderennen verbannt! Vater und Sohn hatten den Pferden Schmerzmittel verabreicht, wahrscheinlich um ihnen die Tortur des Wüstenrennens so "verträglich" wie möglich zu machen. Und als ob das alles nicht reichen würde, sind die Pferde des Godolphin Rennstalls vor einigen Wochen zum dritten Mal schon wieder beim Dopingtest durchgefallen.

Wenn jemand so ein absoluter Herrscher wie der Scheich ist, braucht er sich die Hände nicht selber schmutzig zu machen. Er muss die Spritzen nicht selber verabreichen - dafür ist der Rennstallmeister da, der auch keine schriftliche Anweisung benötigt. Hunderte von Menschenhändlern und Importeuren von versklavten Kinderjockeys wussten ebenfalls, dass ein gutes Kamelrennen das höchste Vergnügen der Oligarchie in Dubai ist, und dass Konsequenzen nicht zu befürchten waren.

Jemand, der aber auf die FU-Webseite mit der Liste der Persönlichkeiten, die mit der Universität verbunden sind, schaut, kann verwundert feststellen, dass der Scheich trotz des Beschlusses des Akademischen Senats immer noch als Ehrenmedaillenträger auftaucht. Was ist geschehen? Die nur mündlich vorgetragene Erklärung ist, dass der Scheich die Medaille behalten sollte, um die Mitarbeiter der FU in der Region "nicht zu gefährden". Der Scheich darf sich also bis auf weiteres über seine Pferde und seine Medaille freuen.

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Das Problem mit den Politikern

Man darf sich aber weiter wundern. Auf derselben Webseite mit den FU verbundenen Persönlichkeiten sind folgende vier weitere Zeitgenossen zu finden:

  • Hubertus Moser Ehrenmitglied (1999)
  • Umberto Vattani Ehrenmitglied (1999)
  • Suzanne Mubarak Ehrenmedaille (2003)
  • Kim Dae-Jung Ehrenmedaille (2007)

Universitäten sollten aus Erfahrung wissen, dass aktive Politiker eine Zeitbombe sind. Man kann nie vorhersehen, was sie, mit der Ehrenmedaille noch am Hals, demnächst anstellen werden.

Fangen wir mit "Her excellency" Dr. h.c. mult. Suzanne Mubarak an ("First Lady Ägyptens erhält Ehrenmedaille"). Als die Mubarak-Dynastie im Laufe des arabischen Frühlings im Gefängnis endete, konnte Frau Mubarak sich nur durch die Überweisung von einigen von der Familie erschwindelten Millionen retten. Ihr Gemahl sitzt seitdem in Gefängnis. Ähnlich wie der Scheich, tut Suzanne Mubarak so, als ob sie von den Machenschaften ihres Mannes nichts gewusst hätte, obwohl Hosni Mubarak in seinen letzten Monaten als Präsident so häufig krank war, dass Frau Mubarak wesentliche Entscheidungen für ihn getroffen hat. Sie wurde bei der Absetzung von Hosni Mubarak als die eigentliche Macht hinter dem Thron bezeichnet.

Suzanne Mubarak. Bild: United States Federal Government, Public Domain

Leider wurden die Mubaraks bei ihren Staatsbesuchen in Deutschland regelrecht hofiert -- schließlich war Ägypten ein verlässlicher Partner der USA. Wie so häufig, schloss man die Augen vor der Realität und es wurde nur die "gute" Seite der Politiker entdeckt. Bei Suzanne Mubarak war es angeblich ihr Engagement für Frauenrechte. Es wurde übersehen, dass Suzanne Mubarak alle nicht offiziellen Frauenorganisationen in Ägypten schließen ließ. Nur die in ihrer eigenen offiziellen Organisation registrierten Gruppen durften unter ihrer Leitung agieren. Wie Nawal El Saadawi, eine ägyptische Schriftstellerin und ehemalige politische Gefangene, bitter erläuterte: womensenews.org/story/the-world/110216/cairo-leaders-suzanne-mubarak-held-women-back#.Uat_cdhl63N.: "Suzanne Mubarak tötete die Frauenbewegung, so dass sie sie anführen konnte."

Der 150-Millionen-Nobelpreis

Schauen wir mal, ob wir mit Kim Dae-Jung, früherer Präsident von Südkorea und immerhin Nobelpreisträger, ein bisschen mehr Glück mit den Medaillisten haben. Im Jahr 2000 erhielt Kim den Friedensnobelpreis für seine Beiträge zur Verständigung mit Nordkorea. In der Tat hatte Kim versucht, die Beziehungen mit Nordkorea zu verbessern und einen viel beachteten "Gipfel" mit Kim Jong-Il in Pjöngjang arrangiert.

Kim Dae-Jung. Bild: President of the Russian Federation. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Der Nachweis, dass das Friedensnobelpreis-Komitee sich ein bisschen mehr Zeit mit solchen Auszeichnungen nehmen sollte, erfolgte prompt im Jahr 2003. Es brach der "Cash for summit"-Skandal aus. Was man in Oslo nicht wusste, ist, dass die Kim-Regierung das Gipfeltreffen mit 150 Millionen Dollar an Schmiergeldzahlungen an die nordkoreanische Regierung erkauft hatte (es sollten insgesamt 500 Millionen werden). Die illegalen Zahlungen wurden über die Hyundai Gruppe geleistet und in den Büchern der Firma gesetzwidrig verborgen. Nach der Aufdeckung des Skandals beging der Vorsitzende der Hyundai Asai Gruppe Selbstmord: Er sprang aus der zwölften Etage des Hyundai Gebäudes in Seoul.

Und Kim Dae-Jung? Er hatte gleich nach dem Gipfel im Jahr 2000 heimlich ein Komitee ins Leben gerufen, um seine Kandidatur für den Friedensnobelpreis voranzutreiben, was ihm auch glänzend gelang. Vor kurzem, im Februar 2013, hat er das Gedächtnis wieder erlangt und die Überweisungen zugegeben: "Ich fühle mich miserabel und mein Herz tut weh." Ein Jahr vorher hatte die Justiz seine beiden Söhne wegen Bestechung und "influence peddling" festgenommen. Die koreanische Opposition verlangte die Aberkennung des Friedensnobelpreises.

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