Neue NSA-Dokumente enthüllen die Zusammenarbeit von Microsoft mit der NSA

12.07.2013

Danach hat Microsoft Hintertüren eingebaut, der Konzern und die US-Geheimdienste weisen dies zurück

Die von Snowden an den Guardian übergebenen NSA-Dokumente haben weiteres zu bieten. Zwar war schon Ende der 1990er Jahre durch Zufälle bekannt geworden, dass die NSA in Software von US-Konzernen wie Microsoft (Windows) oder Lotus (Notes) Hintertüren einbaut (Peinlicher Fehler deckt die Unterwanderung von Windows durch die NSA auf, Nur die NSA kann zuhören, das ist OK), nun weisen die von Snowden weiter gereichten Dokumente darauf hin, wie Microsoft mit der NSA zusammenarbeitet, um dem Geheimdienst zu ermöglichen, etwa die Umgehung der eigenen Verschlüsselung für Chats oder für Emails zu umgehen.

NSA-Zentrale: "The mission never sleeps". Bild: NSA

Wer Outlook.com als Email- oder Chatprogramm benutzt, scheint nach den neuen Informationen keinen Schutz vor dem Mitlesen durch die NSA zu haben, was auch bei Hotmail der Fall sein soll. In diesem Jahr fand angeblich eine Kooperation mit der NSA statt, um dem Geheimdienst einen leichteren Zugriff auf die Microsoft-Cloud SkyDrive zu verschaffen. Den Dienst nutzen mehr als 250 Millionen Menschen. Mit dem FBI wurde überlegt, wie man mit der Möglichkeit in Outlook.com, neue Email-Accounts mit Pseudonymen zu schaffen, umgehen kann. 2012 soll Skype für das Lauschprogramm Prism Möglichkeiten geschaffen haben, Video- und Audio-Gespräche zu sammeln. Auf die mit Prism gesammelten Daten können offenbar auch die CIA und der FBI zugreifen ("Prism is a team sport!").

Microsoft - Slogan: Your privacy is our priority - hatte wie die anderen US-Unternehmen die US-Regierung gebeten, mehr Informationen über die Zusammenarbeit mit der NSA veröffentlichen zu dürfen, um dem Verdacht zu entgehen, dass der NSA direkten Zugang zu den Servern gewährleistet wird, was die von Snowden geleakten Dokumente suggerieren. Bestritten wird, dass den Geheimdiensten Hintertüren eingerichtet wurden. Auch wenn angeblich nur Kommunikationsdaten auf einzelne Anfragen übermittelt würden, sind die Genehmigungen des geheimen FISA-Gerichts offenbar sehr umfassend, verlangt wird nur eine Wahrscheinlichkeit von 51 Prozent, dass das Ziel kein US-Bürger auf amerikanischen Territorium ist.

Der Guardian hat die neuen aus der NSA-Abteilung Special Source Operations (SSO) stammenden Dokumente selbst nicht zugänglich gemacht. Snowden habe die Abteilung als "Kronjuwel" des Geheimdienstes beschrieben. Sie soll für alle Programme zuständig sein, mit denen Kommunikationsdaten durch Kooperationen mit der Privatwirtschaft wie bei Prism abgesaugt werden.

Offenbar war man etwa besorgt, nachdem Chats auf Outcome.com ab Juli des letzten Jahres tetweise verschlüsselt wurden. Innerhalb eines Jahres wurde dann nach veröffentlichten Dokumenten ein Weg gefunden, die Verschlüsselung zu umgehen. Die Lösung wurde am 12. Dezember eingeführt. Im Februar ging dann Outlook.com offiziell an den Start.

Die im Juli 2012 realisierte Möglichkeit, besser auf verschlüsselte Video- und Audio-Gespräche von Skype zugreifen zu können, hat die Skype-Überwachung nach den Dokumenten verdreifacht: "Jetzt haben die Analysten das komplette 'Bild'." Begonnen hatte die Zusammenarbeit schon Ende 2010. Bei dem Zugriff geht es offenbar nicht um die Verbindungsdaten, sondern um den Inhalt und die Bilder.

Microsoft versicherte angesichts der neu veröffentlichten Dokumente erneut gegenüber dem Guardian, dass Kundendaten nur als "Antwort auf legale Prozesse" an Behörden weiter gegeben werden. Man weise Anfragen zurück, wenn sie nicht als berechtigt empfunden würden. Und man erfülle keine allgemeinen Anfragen, sondern nur solche in Bezug auf bestimmte Accounts oder Identitäten. Man müsse aber, wenn Produkte aktualisiert werden, "unter bestimmten Bedingungen rechtliche Verpflichtungen erfüllen, um die Möglichkeit zu gewährleisten, Informationen in Antwort auf Anforderungen im Rahmen der Strafverfolgung oder der nationalen Sicherheit liefern zu können".

Das bleibt dunkel und lässt viele Möglichkeiten zu. Microsoft sagt, man würde dies gerne offener diskutieren und habe um Erlaubnis gebeten. Dass diese offiziell kommt, damit kann wohl nicht gerechnet werden, so dass sich, wie auch immer unfreiwillig, Unternehmen und Sicherheitsbehörden weiter gegenseitig stützen.

Die Sprecher der NSA und der obersten Geheimdienstbehörde DNI erklärten denn auch in einer gemeinsamen Mitteilung, die der Guardian wiedergibt, dass die Artikel über die Lauschaktivitäten "eine richterlich angeordnete Überwachung und die Bemühungen eines US-Unternehmens beschreiben, diese legal angeordneten Erfordernisse zu erfüllen". Es gäbe zudem in den USA "strikte Kontrollen": "Nicht alle Länder haben vergleichbare Kontrollanforderungen, um die bürgerlichen Freiheiten und die Privatsphäre zu schützen."

Das kann man glauben oder auch (eher) nicht, schließlich haben die US-Regierungen spätestens seit 9/11 das Recht sehr willkürlich erweitert. US-Präsident Obama war eigentlich angetreten, die Überschreitungen wieder auf ein rechtstaatliches Maß zurückzuführen. Außer kleineren Versuchen hatte dies aber keine Priorität - und wie es scheint, wurden die unter Präsident Bush erweiterten Lauschkompetenzen unter der Präsidentschaft von Obama Schritt für Schritt umgesetzt und ausgebaut.

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