Sozialwissenschaftliche Selbsttäuschung

16.07.2013

Die Heinrich-Böll-Stiftung bringt Gendertheorie-Skeptiker wie Harald Martenstein mit der NPD in Verbindung

Die mit den Grünen verbundene Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlichte am 27. Juni eine Broschüre mit dem Titel Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie. Diese Broschüre erregt derzeit viel Medienaufmerksamkeit, weil sie Gendertheorie-Kritiker wie Volker Zastrow, Harald Martenstein, Gerhard Amendt oder Michael Klein in einem Atemzug mit der NPD nennt und "argumentative Schnittstellen" damit behauptet. Ein Tiefschlag weit jenseits der seriösen Auseinandersetzung, mit dem sich sogar Ostermärsche diskreditieren ließen und angesichts dessen man sich fragen muss, was die vier HBS-Autoren dazu treibt, ihn einzusetzen.

Eine mögliche Erklärung liefert der Evolutionsbiologe Robert L. Trivers, der in seinem vor Kurzem bei Ullstein auf deutsch erschienenem Buch Betrug und Selbstbetrug zeigt, dass die Naturwissenschaften relativ gut vor Selbsttäuschung gefeit sind, weil sie die Ingenieurswissenschaften zur Seite haben: Wäre eine Welt anders aufgebaut, als in den von ihnen allgemein akzeptierten Modellen, dann würden weder die Raumfahrt noch die Alltagselektronik funktionieren.

In den Sozialwissenschaften fehlt solch ein Korrektiv. Deshalb werden sie leicht zum Spielball von Gläubigen, die sich Ersatzreligionen konstruieren. Trivers These: "Je mehr sozialen Inhalt ein Fachgebiet hat, desto langsamer entwickelt es sich, weil es […] größeren Kräften der Täuschung und Selbsttäuschung ausgesetzt ist, die den Fortschritt behindern.1

Sind mit einer sozialwissenschaftlichen Selbsttäuschung ökonomische Vorteile verbunden (beispielsweise akademische Stellen, Aufträge oder Fördergelder), dann bestehen starke Anreize, sie beizubehalten und zu verteidigen. Auf je wackeligeren Beinen ein Sozialwissenschaftsglaube steht, desto mehr muss er jedoch den freien Austausch von Argumenten fürchten - und desto mehr ist sein Träger versucht, mit Mitteln zu arbeiten, die eigentlich nicht an Universitäten oder in offene Gesellschaften gehören.

Eines dieser Mittel ist das formelle Verbot, die Zensur. Ein anderes ist informeller: Die Ächtung mittels der (unter anderem in den USA der McCarthy-Ära bewährten) Methode "Guilty by Association". Ziel dieser Methode ist es, den Gegner so sehr mit tabuisierten Namen und Begriffen in Verbindung zu bringen, dass Dritte die inhaltliche Auseinandersetzung mit seinen Argumenten scheuen. Das kann ein Klima der Angst erzeugen, in dem sich junge Akademiker nicht mehr trauen, mit Einfällen an die Öffentlichkeit zu treten, weil sie fürchten, von Tabuwächtern an den Pranger gestellt zu werden. Trivers bringt diesen der Wahrheitsfindung kaum dienlichen Effekt wie folgt auf den Punkt:

In den Vereinigten Staaten bestehen die meisten anthropologischen Institute aus zwei völlig getrennten Abteilungen, wobei, wie ein Biologenkollege es formulierte, 'die uns für Nazis und wir sie für Idioten halten' - kaum eine Grundlage für Synthese und gegenseitig befruchtendes Wachstum.2

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"Menschen lügen bekanntlich die ganze Zeit"

Matthias Becker 23.07.2009

Der Biologe Robert Trivers erklärt, wieso Selbsttäuschung ein evolutionärer Vorteil sein kann

Robert L. Trivers ist ein großer Mann mit tiefer, etwas rauer Stimme. Seine abgetragenen Turnschuhe nehmen sich auf dem edlen Läufer des Berliner Wissenschaftskollegs ziemlich unpassend auf. Für ein Jahr ist Trivers hier zu Gast. Als er erfährt, dass er zu seinen Thesen über Täuschung und Selbsttäuschung befragt werden soll, findet er das angemessen: "Journalisten gehören schließlich zu betrügerischsten Lebewesen überhaupt."

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