"Logik ist nicht dazu da, Strukturen oder gar Prozesse in der Wirklichkeit abzubilden"

25.08.2013

Herbert Schnädelbach über den Stand der Dinge in der Philosophie

Herbert Schnädelbach promovierte 1965 bei Adorno, war Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland und hat seit seiner Emeritierung Bücher über Erkenntnistheorie, Kant und die Vernunft geschrieben. In seiner neuesten Veröffentlichung Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann beschäftigt er sich genau mit dieser Frage.

Herr Schnädelbach, was ist denn von der Philosophie nach dem Siegeszug der Analytischen Philosophie übrig geblieben und was lässt sich damit theoretisch wie praktisch anfangen? Welche Orientierungshilfen kann die analytische Philosophie für Nichtphilosophen geben?

Herbert Schnädelbach: Ich finde nicht, dass die Analytische Philosophie eine Schwundstufe von Philosophie überhaupt sei, sondern sie ist das Resultat eines Strukturwandels des philosophischen Nachdenkens, in dem keines der traditionellen Probleme verloren gegangen ist. Die Methoden haben sich geändert, aber dass es sich dabei um Versuche handelt, sich im Bereich der Grundsätze unseres Denkens, Erkennens und Handelns gedanklich zu orientieren – das ist seit Platon gleich geblieben. Etwas damit anfangen kann nur, wer solche Orientierungsversuch für unvermeidlich hält und sie unternimmt.

"Aristoteles kannte die Systemidee gar nicht"

Kann man insofern von einer Krise der Philosophie sprechen, als sie sich nicht mehr mit der wissenschaftlichen Erfassung des Gesamtzusammenhangs beschäftigt, in viele spezielle Teilbereiche verselbständigt hat, die nicht mehr miteinander vermittelbar sind, wobei sich der analytische Zweig auf eine Art reduzierte Rationalität beschränkt, während die postmoderne Philosophie nach Heidegger offen irrationalistisch ist?

Herbert Schnädelbach: Was in der Philosophie nach Hegel in die Krise geraten ist, ist das Systemdenken, das überhaupt erst in der Neuzeit leitend wurde. Damit ist die Vorstellung gemeint – so bei Descartes – es gebe nur dann solide Wissenschaft, wenn alles Wissen auf unumstößlich sichere Grundlagen zurückgeführt und gleichzeitig in einem vollständig begründeten Ganzen präsentiert werden könne. Von diesem Ideal hatten sich die übrigen Wissenschaften schon seit dem 18. Jahrhundert verabschiedet; sie waren von der Systemwissenschaft zur Forschungswissenschaft übergegangen. Nur die Philosophen hielten bis weit ins 20. Jahrhundert an dieser Vorgabe fest, mit dem Resultat, dass sie selbst von der "Krise" redeten und "große" Philosophie nicht mehr für möglich hielten und dafür in die Philosophiegeschichte auswichen.

Es ist ein Irrtum zu glauben, Wissen, das nicht in Systemform daherkommt, sei irrational. Aristoteles zum Beispiel kannte die Systemidee gar nicht.

Sie umschreiben die Philosophie Hegels als ein abschreckendes Beispiel für eine fehlgeleitete Wissenschaft, insofern dieser in seinem System die Einzelwissenschaften nach den Maßgaben seiner Logik konstruiert. Warum dieses harsche Urteil? Schließlich hat Hegel erstens mit seinem System die Geschichtlichkeit des Wissens eingeführt, inklusive dem wichtigen Gedanken, dass das zu einem bestimmten Zeitpunkt Allgemeine gleichzeitig geschichtlich das Besondere ist. Zweitens stehen in seiner Ästhetik und Geschichts-, Rechts-, Religions-, Naturphilosophie und Philosophiegeschichte viele bemerkenswerte und zweifellos richtige Dinge drin, die nicht mit dem Vorwurf einer naiven Schematisierung einfach abzutun sind. Hegel ist doch nicht Auguste Comte!

Herbert Schnädelbach: Man kann gar nicht bestreiten, dass die materialen Systemteile Hegels sehr wichtige und auch heute noch aufschlussreiche Einsichten enthalten, wobei vor allem an die Rechtsphilosophie zu denken ist. Dies habe ich in meiner kritischen Hegel-Einführung auch nicht bestritten. Was man aber nicht vertreten kann, dass sich die Wissenschaft der Logik als Grundmuster für Wissenschaft im strengen Sinn eignet.

"Zenon ist passé"

Sie schreiben: "Mit Kant, der die Widerspruchsfreiheit als 'logisches Kriterium' des Wahrseins von Urteilen und Urteilssystemen bestimmte, können wir davon ausgehen, dass [...] Aussagenkonstruktionen, die simple Widersprüche enthalten, nicht wahr sein können." Ich würde (abgesehen davon, dass Aristoteles selbstverständlich recht hat, wenn er schreibt, dass etwas von sich nicht in derselben Zeit und in derselben Hinsicht behauptet und zugleich nicht behauptet werden kann) genau das Gegenteil stark machen wollen: Die formale Logik kann alles, was sich bewegt und eine Dynamik in sich birgt, alles, was real ist und außer dem Kopf existiert (wie die Zenonschen Paradoxien zeigen), begrifflich nicht abbilden. Mit den (argumentativ richtigen) Widersprüchen geht also die Philosophie also erst richtig los, Hugh! Jetzt sind Sie am Zug ...

Herbert Schnädelbach: Hier irren Sie gewaltig. Die Logik ist nicht dazu da, Strukturen oder gar Prozesse in der Wirklichkeit abzubilden, sondern sie betrifft nur die formalen Bedingungen des Wahrseinkönnens unserer Aussagen über Strukturen oder Prozesse. Alles Übrige ist Mathematik und Erfahrungswissenschaft. (Zenon ist passé)

Ist das Kapital eine Theorie, die die Bewegungsgesetze des Kapitalismus beschreibt - oder ist es eine Theorie, die die "Unvermeidlichkeit des Zusammenbruchs" des Kapitalismus und des Übergangs zum Sozialismus behauptet? Im letzteren Fall wäre das "Kapital" eine Art von Theodizee mit dem lieben Gott auf der Seite des Proletariats.

Herbert Schnädelbach: Das Kapital wollte beides sein: Erklärung der Bewegungsgesetze des Kapitalismus und Zusammenbruchsprognose. Es waren dann Engels und Lenin, die aus dieser im Text ziemlich schwach ausgeprägten Vorhersage eine handfeste Prophetie mit religiösen Konnotationen machten.

Sie schreiben: "In der Tat glaubte Marx, aus der Rekonstruktion der Geschichte des Warenkapitalismus so etwas wie ein Verlaufsgesetz der weiteren Entwicklung ableiten zu können, aus dem dann die späteren Marxisten die These vom naturgesetzlichen Übergang der kapitalistischen in eine sozialistische Produktionsweise machten." Wo finden Sie ein solches Verlaufsgesetz und wenn es dieses gäbe, warum dann die ganzen Mühen der Revolution? Dann könnten Marxisten ja im Lehnstuhl sitzen und Lyrik schreiben.

Herbert Schnädelbach: Bei Marx selbst ist manchmal von Gesetzen die Rede, wo er besser von Tendenzen hätte reden sollen. Im übrigen "kokettierte" er (nach eigenen Worten) mit der Hegelschen Logik, und so sprach er im letzten Kapitel des Kapital I von der "Negation der Negation", das heißt von der Negation des kapitalistischen Privateigentums, das selbst auf der Negation des ursprünglichen, auf eigener Arbeit beruhenden Privateigentums beruht (in meiner Ausgabe Seite 803). Diesem Vorgang, der Marx zufolge mit Gründen zu erwarten sei, dichtet er die "Notwendigkeit eines Naturprozesses" an. Marx behauptet aber nicht, dass dies selbst ein Naturprozess sei, wie später die Leninisten.

"Ob es sich dabei um moralische Grundsätze handelt, hängt davon ab, ob sie verallgemeinerungsfähig sind"

Sie schreiben dass Ideologie im marxschen Sinne "gesellschaftlich notwendiges falsches Bewusstsein" sei. Würde ich Sie sehr überraschen, wenn ich nun behaupte, dass Ideologien nach Marx gleichzeitig richtig und falsch sind, insofern sie erstens die gesellschaftliche Realität nur verzerrt wiedergeben, weil sie die unmittelbaren Erscheinungen nicht mit den ihnen zugrunde liegenden wesentlichen Zusammenhängen vermitteln können und zweitens ihren eigenen Standpunkt als Prämisse nehmen, der doch erst analytisch untersucht werden müsste und somit unabsichtlich verallgemeinern und verabsolutieren?

Herbert Schnädelbach: Ein aus gesellschaftlichen Gründen unvermeidlich falsches Bewusstsein von der jeweiligen gesellschaftlichen Wirklichkeit bleibt falsch, auch wenn man seine Entstehungsbedingungen angeben kann. Man darf das Wahrsein und das Fürwahrhalten nicht miteinander kurzschließen.

Wenn Kants kategorischer Imperativ, verstanden als moralische Selbstbestimmung des Menschen, richtig ist und ohne geschichtliche Voraussetzungen gilt, warum handeln die Menschen in verschiedenen Gesellschaften (unter geschichtlich verschiedenen Ausbildungen der "Sittlichkeit") auf ganz verschiedene Weise "moralisch"?

Herbert Schnädelbach: Kants Kategorischer Imperativ schreibt ja keine bestimmte Moral vor, sondern lässt zunächst offen, welche Grundsätze unseres Handelns (Maximen) wir für uns als verbindlich akzeptieren. Ob es sich dabei aber um moralische Grundsätze handelt oder nicht, hängt davon ab, ob sie verallgemeinerungsfähig sind oder nicht. Ist sie nicht verallgemeinerungsfähig, dann führt sie auf einen Widerspruch, das heißt, sie zerstört sich selbst, wenn sie als allgemeines Gesetz gedacht wird. Beispiel: Die Maxime "Ich will fremdes Eigentum nicht respektieren" führt im verallgemeinerten Fall dazu, dass es überhaupt kein Eigentum mehr gibt, aber genau das will der Maximenbesitzer ja nicht, denn sein eigenes Eigentum will er sehr wohl behalten. Ebenso ist es mit der Lüge: Wenn alle das Lügen für erlaubt halten, dann kann niemand mehr sicher sein zu wissen, was stimmt und was nicht.

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