"Irrsinn, Illusion und Lüge existieren mit dem selben Recht wie die Wahrheit"

03.08.2013

Markus Gabriel über Philosophie, die Welt und Steuerpolitik

Markus Gabriel ist der shooting star der deutschen Philosophie. Bereits im Alter von 30 Jahren erfolgt 2009 sein Ruf an die Universität Bonn und er wird somit zum jüngsten Professor seiner Zunft. Mit seinem neuen Buch - Warum es die Welt nicht gibt - erstürmte er im vergangenen Monat die Spitzenposition in den Sachbuchcharts.

Herr Gabriel, wie Sie schreiben, gehen Sie in Ihrem Buch "von dem einfachen Grundsatz" aus, "dass es die Welt nicht gibt." Das "bedeutet (...) nicht, dass es überhaupt nichts gibt. Es gibt Planeten, meine Träume, die Evolution, Toilettenspülungen, Haarausfall, Hoffnungen, Elementarteilchen und sogar Einhörner auf dem Mond (...). Der Grundsatz, dass es die Welt nicht gibt, schließt ein, dass es alles andere gibt". Können Sie uns das ein wenig erläutern?

Markus Gabriel: Die Ausgangsüberlegung beginnt damit, dass ich mich frage: Was bedeutet es, wenn wir sagen, dass es etwas gibt? Was heißt das eigentlich? Wir sagen dies ja über allerlei Gegenstände: Es gibt eine Zahl zwischen Fünf und Sieben, es gibt das Bundeskanzleramt, es gibt Terrorismus und es gibt Elementarteilchen. Meine Antwort auf die Frage, was wir damit eigentlich jedes Mal sagen, ist, dass ein bestimmter Bereich nicht leer ist. Zum Beispiel gibt es im Bereich der natürlichen Zahlen die Zahl Sechs. Dieser Bereich also ist nicht leer. Und so gibt es alles das, was es gibt, aber immer nur in einem bestimmten Bereich. Der einzige Bereich, für den diese Regel nicht gelten kann, ist der Bereich aller dieser Bereiche, denn es müsste immer noch einen größeren Bereich geben, in dem es diesen Bereich dann gibt. Das heißt, es kann keinen solchen allergrößten Bereich geben.

"Wir Menschen sind reflektierende Lebewesen"

Sie schreiben: "Ein Überblick über das Ganze ist unmöglich, weil das Ganze nicht einmal existiert." Können Sie uns einen Tipp geben, wie man verfährt, wenn man nicht nur die gegebenen Tatsachen und Sachverhalte zur Kenntnis nehmen, sondern auch nach deren Konstitutionsbedingungen fahnden möchte?

Markus Gabriel: In meinem Buch mache ich einen Unterschied zwischen Gegenstandsbereichen und Sinnfeldern. Wenn ich von Gegenstandsbereichen spreche, dann betrachte ich nur Gegenstände. Ich vergesse dann aber, in welchem Licht ich diese Gegenstände betrachte. Ich glaube, dass wir in jeder Situation, in der wir es mit Gegenständen zu tun haben, immer auf ihre Konstitutionsbedingen umstellen können. Wir können uns also immer fragen: Unter welchen Bedingungen erscheint uns etwas so? Das ist dann eine ganz normale Untersuchung. Wir stellen diese Untersuchung aus pragmatischen Gründen nur häufig nicht an: Wenn wir etwas erkennen, interessiert es uns meistens nicht, in welchem Licht wir das tun. Das können wir aber im Grunde genommen jedesmal tun, weil wir Menschen reflektierende Lebewesen sind.

"Mit dem Unendlichen habe ich kein Problem"

Und was halten Sie von dem Gedanken Hegels, dass das wahrhafte Unendliche nicht das fix und fertige Ganze, das auf einmal und in einem Augenblick aufgefasst werden kann, sondern vielmehr das Endliche ist, das sich in einem unendlichen Prozess in seinen Inhalten und Maßen aufeinander bezieht?

Markus Gabriel: Wie Sie sich vielleicht denken können, sympathisiere ich sehr mit Hegel auf den meisten Niveaus, aber ich denke, dass Hegel hier noch einmal zum Opfer einer Übergeneralisierung wird: Hegel denkt, dass er immer noch einen Kreis um die Sachen ziehen kann. Wenn ich die Frage bezogen auf Hegel beantworten würde, geht es dabei nicht so sehr darum, ob das System des Ganzen offen oder geschlossen ist - Hegel sagt ja, es ist offen -, sondern ob es überhaupt ein System des Ganzen gibt. Und da stimme ich ihm nicht zu. Hegel glaubt, dass wir ein dynamisches Ganzes annehmen müssen, ich denke aber, dass dies das Problem nicht löst. Wenn es das Ganze nicht geben kann, dann weder als Dynamisches noch als Statisches.

Mit dem Unendlichen habe ich kein Problem, aber ich würde sagen, das Unendliche besteht in einer unendlichen Verschachtelung von verschiedenen Formen des Unendlichen. Das ist ein Gedanke der im 19. Jahrhundert erst nach Hegels Tod aufkam.

Markus Gabriel. Foto: © Oliver Hohmann

Auf Seite 23 schreiben Sie, dass Sie gegen jedes Weltbild argumentieren. Fünf Seiten später beziehen Sie sich meiner Meinung nach positiv auf Begriffe wie "Demokratie" und "Idee freier Gemeinwesen", die nun ihrerseits einem Weltbild, nämlich dem des Liberalismus entnommen sind. Können Sie uns das erklären?

Markus Gabriel: Ich glaube, dass die Rede von Demokratie und der Idee freier Gemeinwesen weltbildfrei zu haben ist. Sofern wir so etwas nur dann haben können, wenn wir uns eine Vorstellung von einem Ganzen machen, müssten wir diese Vorstellungen auch überarbeiten und sehen, bis zu welchem Umfang wir sie aufgeben müssen. Ich glaube aber, dass man Demokratie als die Gemeinschaft potentiell Dissentierender auffassen kann. Deswegen schätzen wir den Dissens und die Dissentierenden und deshalb werden unter politischen Bedingungen, die wir nicht schätzen, die Dissentierenden als Dissidenten eingesperrt und verfolgt. Das heißt, Demokratie ist die Anerkennung, dass wir nicht nur anderer Meinung sind, sondern dass wir uns selbst mit unserer Meinung täuschen können, weswegen wir hart diskutieren.

Dies nur möchte ich unter "Idee freier Gemeinwesen" verstehen. Der Begriff soll relativ leer sein. Ich will damit nicht sagen, dass dahinter gleich der Liberalismus steckt. Ich hoffe, dass ich dem Buch den Begriff zumindest nicht verwendet habe.

Nein. Den Liberalismus habe ich Ihnen untergeschoben. Aber ist ein Weltbild, das man hat, ohne darüber nachzudenken, besser als eines, das Ergebnis einer bewussten Reflexion ist?

Markus Gabriel: Ein Weltbild, das Ergebnis bewusster Reflexion ist, ist schlimmer, weil man sich dann eben getäuscht hat. Man kann ja durch Erziehung und so weiter in ein Weltbild verstrickt werden. Wenn man Opfer eines unbewussten Weltbildes ist, ist man erst einmal partiell unschuldig. Wenn man sich aber auch noch angestrengt hat, um sich auf die Situation zu beziehen, dass man nämlich ein Weltbild hat und daraufhin das Weltbild nicht aufgibt, dann ist man für den Irrtum auch noch verantwortlich.

Ist das Weltbild des Pragmatismus nicht auch ein Weltbild?

Markus Gabriel: Das ist sogar ein ganz massives Weltbild. Es gibt eine sehr schöne Stelle bei Wittgenstein, wo er einmal in etwa sagt: Man könnte das jetzt Pragmatismus nennen, aber dann käme uns eine Weltanschauung in die Quere. Ich glaube, dass der Pragmatismus letztendlich auf eine Form des Nihilismus aufbaut, also einer Annahme, die ich in meinem Buch "Schweine im Weltall"-Position nenne. Nämlich, dass wir fressende und rechnende Tiere sind, und es in einer an sich bedeutungslosen Welt nur um dieses Interessen-Management geht.

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