Nichttödliche Taser-Elektroschockwaffen können tödlich sein

17.07.2013

Brustschüsse können gefährlich sein, wie auch Taser selbst warnt, britische Polizisten schießen dennoch weiter auf die Brust

Seit einigen Jahren ist bekannt, dass die vom Hersteller zunächst als ungefährliche und nichttödliche beworbenen Taser-Elektroschockwaffen tödlich gefährlich sein können, wenn der Brustkorb in der Nähe des Herzens getroffen wird. Dann kann in seltenen Fällen der 50.000 Volt starke Elektroschock die Herzsignale ähnlich wie ein Herzschrittmacher übernehmen, was mitunter zum Tod oder zu schweren Gehirnschäden führen kann.

Schon 2006 machte Amnesty auf eine steigende Zahl von Todesopfern nach Taser-Gebrauch aufmerksam (Tödliche "nichttödliche" Waffen). Ein Amateurvideo dokumentierte 2007 einen Vorfall am Flughafen Vancouver. Ohne Not setzte die Polizei damals die Elektroschockwaffe ein, der Getroffene starb (Der Tod aus der nichttödlichen Taser-Waffe).

Der Todesfall brachte Nachforschungen in Gang. Während das Unternehmen weiterhin für die Ungefährlichkeit seiner Waffe warb, gegen Kritiker auch gerichtlich vorging und erklärte, die Todesfälle hätten nichts mit dem Einsatz der Waffe zu tun, sondern mit einem "Excited Delirium", wies eine 2008 veröffentlichte wissenschaftliche Studie durch Versuche an Schweinen nach, dass die Waffe dann ein Todesrisiko mit sich bringen kann, wenn die beiden Drähte so auf den Körper treffen, dass der Strom direkt durch das Herz fließt (Töten Elektroschockwaffen doch?). Durch eine weitere Studie wurde bestätigt, dass Taser-Waffen zu Herzversagen führen können (Riskante Taser-Waffen). Weitere Studien folgten mit ähnlichen Ergebnissen.

Taser wirbt zwar weiterhin damit, dass mit der Verwendung der Elektroschockwaffe Todesfälle vermieden werden können. Über 110.000 Menschenleben seien bereits durch die Waffe gerettet worden, heißt es auf der Website des Unternehmens. Allerdings warnt Taser seit 2009 selbst davor, dass es zu Problemen mit dem Herzen kommen könne, wenn die Waffe auf die Brust abgeschossen wird. Allerdings geschehe ein Herzstillstand nur sehr selten, dennoch sollte man besser auf den Bauch oder von rückwärts auf den Nacken zielen.

Es ist also lange bekannt und vom Hersteller selbst mittlerweile eingeräumt, dass die Verwendung von Elektroschockwaffen zum Herzstillstand und zum Tod führen können, wenn auf die Brust geschossen wird. Gleichwohl haben britische Polizisten mit ihren Taser-Waffen weiterhin bei Einsätzen unverdrossen auf die Brust von Menschen geschossen. Seit 2009, als Taser erstmals vor Brustschüssen warnte, haben britische Polizisten, wie der Guardian aufgrund von Dokumenten, die nach dem Informationsfreiheitsgesetz angefordert wurden, berichtet, 884 Mal Taserwaffen eingesetzt, in 57 Prozent der Fälle wurde auf die Brust geschossen. Die Polizei in Gwent richtete sogar in 82 Prozent der Fälle die Waffe auf die Brust. 10 Menschen sind im Zusammenhang mit dem Taser-Einsatz in Großbritannien seit 2009 gestorben, eine direkte Verursachung ließ sich nicht feststellen, zwei Vorfälle werden weiterhin untersucht.

Die Association of Chief Police Officers (Acpo), die für die Einsatzregeln von Taserwaffen verantwortlich ist, erklärte, dass das Risiko sehr gering sei. Der für Taser zuständige Polizeioffizier Simon Chesterman sagte, dass die Polizisten nicht ausgebildet würden, auf die Brust zu schießem: "Wir trainieren sie, auf das Größte zu zielen, was sie sehen, beispielsweise die großen Muskelgruppen". Bei Gefahr würden die Polizisten eben auch auf die Brust schießen. Taser nicht ohne Risiko, aber es gäbe in Großbritannien auch noch keinen Taser bedingten Todesfall. Jedenfalls wird die nicht oder weniger tödliche Waffe immer häufiger eingesetzt, während den Polizisten offenbar nicht beigebracht wird, nicht auf die Brust zu zielen und zu schießen.

Taser musste gerade 5 Millionen US-Dollar Schmerzensgeld an die Angehörigen von Darryl Turner zahlen. Der 17-Jährige starb 2008, nachdem er von einem Polizisten mit einer Taser-Waffe angeschossen wurde.

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