Kirchenkänguru Keuschi ist Hoax

18.07.2013

Ein Satiremagazin hatte mit einer österreichischen Antwort auf den (ebenfalls erfundenen) Anti-Masturbations-Delfin Fappy Aufsehen erregt

Die Tagespresse ist ein österreichisches Satiremagazin, das sich zum deutschen Postillon in etwa so verhält wie Ein echter Wiener geht nicht unter zu Ein Herz und eine Seele (etwas sozialrealistischer und etwas böser). Das bislang größte Aufsehen erregte das Portal letzte Woche mit einer Meldung über das "Känguru Keuschi" – ein Maskottchen für eine (erfundene) Schulkampagne der Kirche zur Förderung sexuellen Enthaltsamkeit.

Für die Geschichte hatte man ein Foto des lächelnden Wiener Kardinals Schönborn auf einer Pressekonferenz zum Weltjugendtag 2013 in Rio de Janeiro via Bildmontage mit zwei Kängurus auf Pressemappen bestückt. Dazu hieß es, die Erzdiözese Wien werde im Herbst an "tausenden Schulen" eine von der österreichischen Bundesregierung unterstützte Känguru-Keuschi-Kampagne starten. Diese solle durch "Spiele, Gruppenarbeiten und Vorträge […] auf die Gefahren von Sex vor der Ehe hinweisen", der unter anderem "Jugendkriminalität und Drogensucht" zur Folge haben könne. In dem keuschen Känguru hätten "die jungen Österreicherinnen und Österreicher endlich wieder ein Vorbild, an dem sie sich orientieren können". Durch das "coole" Maskottchen hoffe man außerdem, dass die katholische Kirche wieder "in" und die "Austrittswelle unter jungen Menschen" gestoppt werde.

Wer etwas genauer hinsah, der konnte feststellen, dass bei den Bildcredits nicht nur "Erzdiözese Wien", sondern auch "Fotomontage" stand. Und wer auf den etwas versteckten Link "Über uns" klickte, dem wurde versichert, dass "ausnahmslos alle Artikel [auf dem Portal] frei erfunden" sind. Trotzdem wurde die Meldung auf Facebook und in Tweets massenhaft für bare Münze genommen. Die Wiener Erzdiözese sah sich deshalb gezwungen, die Kampagnepläne offiziell zu dementieren.

Vorbild für Keuschi war der Anti-Masturbations-Delfin Fappy, eine Parodie auf Enthaltsamkeitskampagnen von US-Evangelikalen. Er wurde als Erfindung einer Gruppe namens STOP Masturbation NOW vorgestellt, die Kindern in einer Tour durch amerikanische Grundschulen beibringen will, dass Masturbation körperlich und psychisch krank macht, Familien zerstört und die "Einstiegsdroge zur Vergewaltigung" ist. Den Delfin hatten die Satiriker als Maskottchen ausgewählt, weil er putzig aussieht, aber (was weniger bekannt ist) einen enormen Sexualtrieb hat, der auch bei Menschen zu Begattungsversuchen führen kann.

Keine Satire ist nach aktuellem Kenntnisstand die Ankündigung des Kurienkardinals Manuel Monteiro de Castro, dass man sich Zeit im Fegefeuer sparen kann, wenn man dem Papst vom 22. bis zum 29. Juli auf Twitter folgt. Grundlage dieser Zeitersparnis ist der so genannte "Ablass" – ein Gnadenakt, dessen geschäftstüchtige Handhabung im Mittelalter ein wichtiger Anlass für die Abspaltung des Protestantismus war. Heute gibt es Ablässe unter anderem für den Besuch bestimmter Kirchen oder Feierlichkeiten. Zu letzteren gehört auch der eingangs angesprochene Weltjugendtag in Rio, der nächste Woche stattfindet.

Papst-Tweets in lateinischer Sprache. Screenshot: Telepolis.

Wem das Geld fehlt, nach Brasilien zu reisen, der kann 2013 auch einen Ablass erhalten, wenn er die "Riten und frommen Feierlichkeiten" im Radio, im Fernsehen oder auf Twitter live verfolgt. Erzbischof Claudio Maria Celli schränkte das neue Angebot im Corriere della Sera allerdings dahingehend ein, dass für einen solchen Ablass auch "Glaube" notwendig sei. In Verbindung mit diesem Glauben müssten die Tweets des Papstes dann dazu führen, dass "echte geistige Früchte" im Herzen entstehen.

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