Vom schönen Hartz-IV-Leben

19.07.2013

Ein Ratgeber des Jobcenters Kreis Pinneberg verklärt das Glück des Sparens

Es ist schon lange her und der Außenminister hält sich inzwischen auch zurück. Als er noch Parteivorstand im Rausch der gewonnenen Wahlen war, machte er die unvergessenen Bemerkungen zur "spätrömischen Dekadenz" und dem "anstrengungslosen Wohlstand" der Hartz-IV-Empfänger.

Jobcenter-Mitarbeiter: immer freundlich und geduldig. Bild: Jobcenter Kreis Pinneberg

Eine Broschüre, die das Jobcenter Kreis Pinneberg veröffentlicht hat, will nun zeigen, dass die Hartz-IV-Empfänger zwar nicht im anstrengungslosen Wohlstand leben, aber sich doch ihr Leben durch die Lust am Sparen und Arbeiten schöner machen können. Der Ratgeber Arbeitslosengeld II berichtet nicht nur trocken, sondern mit bunten Comics über die Familie Fischer mit zwei Kindern und Vater Knut Fischer, der Arbeitslosengeld II beantragen muss. Als das klar wird, überlegt die Familie kurz, wo sie sparen kann, weil das Geld knapp wird, und beschließt schon einmal, eine Woche lang aufs Fleisch zu verzichten:

"Ich will sowieso Vegetarier werden", erklärt Lara schon wieder bester Laune.

So also muss man es angehen, um die Wünsche mit der schnöden Wirklichkeit zur Deckung zu bringen. Der Autor dürfte es gut gemeint haben, Vorschläge, wie man mit den wenige Geld zurechtkommen kann, in eine Geschichte zu verpacken, aber weil alles so dick aufgetragen wurde, wird es zynisch.

Mit der Familie fährt Knud schließlich aufs zuständige Jobcenter, wo er freundlich empfangen wird, ohne offenbar warten zu müssen. Und es läuft alles so prima. Schon erhält er ein erstes Jobangebot und wird zu einem Bewerbungstraining angemeldet. Unterschreiben muss er allerdings auch, was er zu tun hat und was an Sanktionen droht, wenn er sich nicht aktiv um Arbeit bemüht. Die Mitarbeiter im Jobcenter sind "geduldig", klären aber Frau Sylvia Fischer auf, die bislang nur einen Minijob hat, dass sie sich nun auch um eine Anstellung bemühen müsse, weil die Kinder schon älter seien. Knut stürzt sich in eine Fortbildung, nach dem Bescheid wird klar, dass die Fischers in einer zu großen und zu teuren Wohnung leben.

"Tatsächlich ist die Wohnung perfekt … Sie ist mit 84 m2 zwar deutlich kleiner, doch die Kinder können weiterhin beide ihr eigenes Zimmer haben. Knut freut sich am meisten über den Garten. Schon lange möchte er eigenes Gemüse anbauen." Bild: Jobcenter Kreis Pinneberg

Fröhlich gehen sie ans Entrümpeln des Dachbodens, um Verwertbares auf dem Flohmarkt oder bei Internetauktionen zu verscherbeln, die Einkünfte werden nicht angerechnet. Die Familie hat eine Beschäftigung - und scheint Spaß zu machen. Tochter Lara überlegt, ob sie das Geld fürs Babysitten behalten darf. 100 Euro ja, erfährt sie. So richtet sich die Familie in ihr Geschick ein. Sie findet eine kleinere Wohnung mit kleinem Garten. Die Wohnung muss renoviert werden, was Fischers gerne machen, Knut will Gemüse anbauen, das spart - und das wollte sowieso schon immer machen. Zur Feier des Tages gibt es selbstgemachte Pizza und ausnahmsweise Schinken.

Lieber Leitungswasser. Bild: Jobcenter Kreis Pinneberg

Und dann geht Sylvia mit ihrer Freundin, die das Sparen schon gelernt hat, in einen Discounter und lernt, dass man sich halt an das neue Essen und Trinken gewöhnen muss, bleibt ja nichts anderes übrig. Die gelungene Szene:

Als Sylvia ein Sechserpack Selter in den Einkaufswagen hieven will, hält Martina sie zurück. "Wusstest du eigentlich, dass Leitungswasser oft eine bessere Qualität hat als Mineralwasser."

"Aber es schmeckt nicht so gut."

"Vielleicht müsst ihr euch nur daran gewöhnen. Bei Getränken könntet ihr eine Menge sparen."

"Ben trinkt nichts außer Cola", erwidert Sylvia skeptisch.

"Jetzt wohl schon!" erwidert Lara und grinst.

Natürlich geht die Geschichte gut aus. Knut erhält einen Job aufgrund des Bewerbungstrainings und der SAP-Schulung, das Jobcenter hat alles richtig gemacht. Auch Sylvias Weiterbildung zum Traumjob Altenpflegerin wird erfolgreich sein.

Übrigens will sich auch das Jobcenter weiterentwickeln: "Daher sind wir für alle Anregungen und Hinweise dankbar, die uns dabei helfen, uns kontinuierlich zu verbessern." Da wäre vielleicht ein etwas realistischerer Ratgeber besser, möchte man meinen. Andere wie Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband schimpfen: "Das ist der peinlichste ALG2-Ratgeber, der mir bisher in die Finger gekommen ist", sagte Schneider gegenüber n-tv.de. "Das ist eine pure Frechheit, wie Menschen, die in bitterer Not leben müssen, mit einer Seifenoper schlicht veralbert werden."

Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, findet den Ratgeber hingegen gelungen, teilte auf seinem Twitter-Account am Dienstag mit:

#Jobcenter Pinneberg hat einen tollen #ALG2 Ratgeber herausgegeben. #Hartz4 einfach erklärt.

Auf den Tweet: "Jobcenter Broschüre empfiehlt #Hartz Empfänger sollen Leitungswasser trinken und #Möbel verkaufen" antwortet seine Sprecherin: "@DirkHoeren haben Sie den Ratgeber richtig gelesen? Ich glaube nicht... (ahu)" Da scheint eher die Sprecherin den Comic nicht gelesen zu haben.

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