Der Kampf um die frömmsten Köpfe

28.07.2013

Die Salafisten breiten sich in Deutschland, aber auch im Nahen Osten, Afrika und Asien immer weiter aus. Warum sind sie so verführerisch? Und wie kann man den Islamisten intellektuell Paroli bieten?

Per Internetvideo ist Andreas, 29 Jahre, im Sommer 2013 zum Islam konvertiert. "Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass nur der Islam das wahre Wort Gottes sein kann", schreibt Andreas auf Pierre Vogels Facebookseiten. In dem elfminütigen Video zeigt Deutschlands bekanntester Salafist, Pierre Vogel, wie man Muslim wird: "Es gibt keine 100 Euro Aufnahmegebühr - Sie müssen einfach nur mit der vollen Überzeugung diese Worte nachsprechen", sagt Vogel. Dann hört man, wie der deutsche Prediger auf Arabisch das Glaubensbekenntnis vorspricht.

Salafisten verfechten einen unverfälschten Islam, wie er vom Propheten Mohammed und den ersten Muslimen, den "rechtschaffenen Altvorderen" gelebt worden sein soll. Der Konvertit Andreas wendet sich an den Salafisten Pierre Vogel, weil er Kontakte sucht, um geradewegs an die "richtigen Brüder und Schwestern" im Ruhrgebiet zu kommen. Vogel fordert seinen Anhänger auf, ihm möglichst schnell eine E-Mail mit Angaben über seinen bisherigen Lebenslauf zu senden: Er will die Geschichte anonym im Internet veröffentlichen, zu Zwecken der Propaganda.

Untertänig bis zuletzt

"Hallo Andreas", antwortet Pierre Vogel dem neuen Glaubensbruder auf Facebook am 21. Juni 2013, "wir freuen uns sehr, dass du den Islam annehmen möchtest, du solltest es am besten jetzt mit mir zusammen sofort machen, damit du im Fall eines Todes nicht ohne Islam stirbst" - der Satan arbeite daran, die Muslime von der Religion abzubringen.

Das Bundesinnenministerium (BMI) beobachtet solche Vorgänge mit Sorge. Insgesamt zählt es rund 42.500 Islamisten im Bundesgebiet, darunter rund 4.500 Salafisten, ein Jahr zuvor waren es erst 3.800. "Der Salafismus liefert den Nährboden für eine islamistische Radikalisierung und befördert den Einstieg in den gewaltbereiten Islamismus", so das BMI. Der politische Salafismus sei derzeit die am schnellsten wachsende Form des Islamismus. Mit seinem Freund-Feind-Denken ist er insbesondere für Jugendliche sehr verführerisch - Salafisten sprechen ihre Zielgruppen bevorzugt übers Internet an.

Auch Abdelwahhab Meddeb, tunesischer Schriftsteller und Intellektueller, beobachtet mit Unbehagen, wie sich eine "Flutwelle an Salafisten" von Nordafrika bis Südostasien ausbreitet. Die Salafisten expandieren nicht zufällig, vielmehr sei die Ausbreitung die Folge einer wohl durchdachten Politik, schreibt Meddeb im Lettre International vom Frühling 2013. Die Politik begann mit dem Ölpreisschock 1974: "Dieser sorgte dafür, dass sich über die gesamte arabische Welt das Manna der Erdöleinnahmen ergoss, von denen ein Teil systematisch dazu verwendet wurde, die wahhabitische Glaubensrichtung in der ganzen Welt zu verbreiten", so Meddeb. Von diesem Moment an habe sich der Islam von Indonesien im Osten bis zum Maghreb im Westen tiefgreifend verändert.

Gott als pedantischer Oberaufseher

Meddeb zufolge handelt es sich beim Salafismus wie beim Wahhabismus um primitive Auslegungen des Islam. Überall, wo diese sich durchsetzen, kommt es zu einer orthodoxen Religionspraxis, die ganz auf den "Einen Gott" ausgerichtet ist. Das Ergebnis ist die genauso strenge wie uniforme Praxis der Anbetung eines "tyrannischen und drohenden Götzen", erklärt Meddeb. Dieser erscheint den Menschen umso furchterregender je unzugänglicher er ist und je weniger man sich ihn bildlich vorstellen darf: "Eine solche Konzeption reduziert Gott zu einem pedantischen Oberaufseher, der all unser Tun überwacht, um zu wissen, ob es mit der Norm übereinstimmt oder ob es sie überschreitet." Eine harmonische Gesellschaft auf Grundlage der Scharia ist aber mit den Prinzipien der Gewaltenteilung, der Volkssouveränität und der Menschenrechte nicht vereinbar.

Der Islam ist widersprüchlich

Für Lutz Richter-Bernburg, Islamwissenschaftler an der Universität Tübingen, besteht das intellektuelle Problem in einem Mangel an selbstkritischer Geschichtsauffassung, wie auch in einem Mangel an religiöser Bildung: Die vereinfachende Weltanschauung der Salafisten hat mit der Geschichte des Islam und der politischen Wirklichkeit in den muslimischen Ländern nichts zu tun - der Islam ist vielschichtiger und widersprüchlicher, als es die Islamisten weismachen wollen.

So ist die Einheit von Staat und Religion laut Richter-Bernburg immer mehr Theorie als Praxis gewesen - gerade die erfolgreichsten Staatsbildungen der Muslime waren davon weit entfernt. Und islamistische Gruppierungen, die die Einheit von Staat und Religion propagierten, würden von zweifelhafter Stelle alimentiert: "Saudi-Arabien ist ein übler Brandstifter und in Iran kann sich das Regime aus dem Reservoir perspektivloser junger Männer die Truppen kaufen."

Streitlustige islamische Rechtsschulen

Ähnlich wie das Judentum ist der Islam eine Gesetzesreligion - es kommt alles darauf an, diese Gesetze richtig auszulegen. Da die Gesetze alle Lebensbereich durchdringen, sind sie naturgemäß kompliziert. Mehrere bedeutende Rechtsschulen sind entstanden, um diese Gesetze korrekt auszulegen und im Alltag handzuhaben. Eine davon ist die hanafitische Rechtsschule. Sie beruft sich auf Abu Hanifa Nu’man ibn Thabit, der von 699 bis 767 lebte. Abu Hanifa war der erste Muslim, der die Rechtswissenschaft auf theoretischer Ebene systematisierte, so das Institut für Information über Islam und Dialog in Hamm (INID). Die hanafitische Schule ist heute in der Türkei, Syrien, dem Libanon, Jordanien und für die Sunniten im Irak maßgeblich.

Fortschrittliche Uneinigkeit

Selbst die Rechtsgelehrten der herrschenden islamischen Rechtsschulen waren sich keineswegs einig darüber, wie sie die Gesetze auslegen sollten. Zwischen ihnen kam es zu "ikhtilaf", also zu Abweichung voneinander, zu Uneinigkeit und Meinungsverschiedenheit. Uneinigkeit ist im Islam aber nicht negativ besetzt, ein fruchtbarer Dialog gilt vielmehr als ein Segen für die Gemeinschaft, so Muhammet Mertek (INID).

"Ikhtilaf" ist außerdem der Gegenbegriff zum Konsens, also "ijma", der die Gemeinschaft der Muslime zusammenschweißen soll. Mit dem Zwang zum Konsens versuchen die Islamisten ihre Anhänger zu disziplinieren. Doch laut Richter-Bernburg waren muslimische Gesellschaften der Vormoderne nie "mono-normativ": Sie speisten sich also nicht nur aus dem Koran als Quelle und dem vorbildlichen Leben des Propheten. Vielmehr habe es schon immer konkurrierende, mitunter widersprüchliche Normensysteme gegeben.

Gibt es Technik ohne westliche Perversionen?

Kurzum: "In der klassischen Rechtslehre ist es Konsens, dass es keinen Konsens geben kann", sagt Richter-Bernburg. Das spiegelt sich im Alltag der Muslime wider: Wenn man als Gläubiger ein Gutachten einholen wolle, das einem nicht passe, könne man sich - so wie man heutzutage bei Beschwerden mehrere Ärzte konsultiere - an einen anderen Rechtsgelehrten wenden, der einem das gewünschte Gutachten ausstelle. Der Islamwissenschaftler hält die Buchstabengläubigkeit der Salafisten prinzipiell für unlogisch und in ihren Schlussfolgerungen für nichtig. Was sie mit ihrer vereinfachten Auslegung des Korans machen ist, eine Art "hermeneutische Rosinenpickerei". Das heißt, die Salafisten nehmen sich dasjenige aus dem Koran heraus, was gerade passt, um ihre radikalen Ansichten zu rechtfertigen - die Nationalsozialisten haben es mit der selektiven Ideologie der überlegenen arischen Rasse vorgemacht. Doch die Grundlage ihres Handeln selbst ist widersprüchlich.

Ein Beispiel: Selbstverständlich benutzen die Salafisten den Computer und das Internet, Google und Facebook. Sie nehmen an, so Richter-Bernburg, sie könnten die Produkte des "verderbten Westens" ohne Hintergedanken benutzen. Schließlich hätten die technischen Geräte, nichts mit "Gottlosigkeiten" wie dem Darwinismus, Atheismus oder anderen "westlichen Perversionen" zu tun. "Die Salafisten vergessen nur, dass wissenschaftlicher Fortschritt nur möglich ist, wenn die Gedanken frei sind." Man kann hinzufügen: Und Juristen, Theologen, Historiker, Islamwissenschaftler, Naturwissenschaftler und Informatiker ihre Hypothesen unentwegt hinterfragen und überprüfen.

"Einzelkämpfer werden niedergeredet"

Nun ist diese Auseinandersetzung reichlich akademisch. Daher hält Seyran Ates, Rechtsanwältin und Publizistin, neben der intellektuellen Auseinandersetzung auch öffentlichen Widerspruch gegen die Scharia für notwendig. "Nur eine politische Bewegung, die sich den allgemeinen Menschenrechten verpflichtet, kann den Islamismus bekämpfen." In der gesamten islamischen Welt mache sich eine Jugend breit, die sich vergleichbar mit den 68ern in Europa und Nordamerika dagegen wehrt, dass Religionswächter ihr gesamtes Leben kontrollieren: Sie stehen auf für ein selbstbestimmtes Leben in einer Demokratie. "Der Diskurs kann er erst beginnen, wenn sich Reformer zusammenschließen und organisieren und Konservative und Othodoxe herausfordern." Solange die Reformer in alle Welt verstreut als Einzelkämpfer eine Debatte anfangen, würden sie niedergeredet.

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