Ihr da oben - wir da unten

01.08.2013

Eine Bilanz nach 40 Jahren - Geschichte der Gesellschaftskritik Teil 1

Der 1973 erschienene Bestseller "Ihr da oben - wir da unten" wurde zur Bibel der bundesdeutschen Gesellschaftskritik. Die Autoren Bernt Engelmann (gestorben 1994 in München) und Günter Wallraff, so die damalige Verlagswerbung von Kiepenheuer&Witsch, "haben sich in diesem Buch zusammengetan, um die bundesdeutsche Gesellschaft vereint in die Zange zu nehmen".

Was das 380-Seiten dicke Buch bis heute auszeichnet, ist die detaillierte Schilderung der Lebensverhältnisse der Reichen wie der ihrer Domestiken. "Teilnehmende Beobachtung" nennt man diese Form von Sozialwissenschaft, die in Literatur und Reportage übergeht. Was ist aus den damals geschmähten und entlarvten Reichen geworden? Wie aktuell sind die damaligen Thesen von Günter Wallraff?

Günter Arzberger, Möbelhändler

Als damals modernstes Beispiel für kapitalistische Ausbeutung und Konsumterror galt für Wallraff der Möbel-Versandhändler Günter Arzberger. Wallraff schlich sich in die Schulungen des Strukturvertriebs ein und zitierte die Schulungsmaterialien und Reden von Direktoren, die offen dazu aufriefen, an der Haustür keinen Widerspruch zuzulassen. Die persönlichen Daten der Kunden hatten sie aus öffentlichen Registern erhalten. "Kalte Akquise", heißt das.

Das Möbel-Versandhaus Arzberger war mit einem Umsatz von bis zu 250 Millionen Mark angeblich Europas größter Möbelversender. 1974 berichtete das ARD-Magazin "Monitor" über die fragwürdigen Führungspraktiken in Arzbegers Möbel-Strukturvertrieb. Arzberger, der in Herrsching am Ammersee wohnte, starb 1977 mit nur 47 Jahren an Leukämie. Das Unternehmen wurde aufgelöst.

Fürst Georg von Waldburg-Zeil zu Trauchburg

Als Einziger von allen bei Wallraff und Engelmann beschriebenen Angehörigen der Oberschicht haben Fürst Georg und seine Familie bis heute ihre Macht und ihren Einfluss bewahrt. Neben 10.000 Hektar Grund und mehreren Schlössern besitzen die Waldburg-Zeils noch wie zu Wallraffs Zeiten die Schwäbische Zeitung. Ihre Klinikgruppe "Waldburg-Zeil-Kliniken" behauptet sich noch immer im hart umkämpften Markt von Wellness, Kuren und Rehabilitation.

In der 2009 erschienen Klinikchronik findet sich auf Seite 9 ein Abschnitt über die 70er Jahre. Wallraff und Engelmann hatten den fürstlichen Feudalismus und dessen Verbindung zum damals noch faschistischen Spanien genüsslich beschrieben. Doch Fürst Georg scheint seitdem dazugelernt zu haben: "Die bürgerliche Gesellschaft wird zunehmend moderner und sozialer", lässt er auf Seite 9 über die 70er Jahre verlautbaren. Ein "Aufbruch in der Gesellschaft" habe stattgefunden. Tatsächlich berichtet seine Schwäbische nun sogar von Demonstrationen gegen die US-Abhöraktionen.

Wallraffs Welt 1973... und das wurde daraus
"Alle zwei Stunden stirbt ein Arbeiter an seinem Arbeitsplatz, alle sieben Minuten wird jemand so schwer verletzt, daß er dauernd erwerbsgemindert ist."2011 zählte man in Deutschland 664 tödliche Arbeitsunfälle. 400 Beschäftigte starben bei Unfällen im Verkehr auf dem Weg zur Arbeit.
"Es mangelt an Schulen, Krankenhäusern, Kindergärten, U-Bahnen."In vielen Gegenden müssen Schulen und Krankenhäuser mangels Nachfrage geschlossen werden. An ganztägigen Kindergartenplätzen fehlt es immer noch. Neue U-Bahnen entstehen kaum mehr.
"Zwischenmenschliche Beziehungen nehmen Warencharakter an."Wenn dies bereits vor 40 Jahren bemerkt wurde, scheint sich die Kommerzialisierung von zwischenmenschlichen Beziehungen auf dem damaligen Niveau gehalten haben.
"Ihr Kopf ist ein Umschlageplatz von Ideen. Manche Gedanken werden geliefert, andere bleiben gesperrt."Ein durchaus aktueller Kommentar zum Internet und dem Overkill an Informationen.
"Managen heißt: Ergebnisse erzielen durch andere. Sie tun lassen, was sie oft nicht gerne tun, aber tun müssen, weil sie für ihre Existenz Lebensmittel benötigen."Der "Manager" als kommunikationsstarker Faulpelz konnte sich bis heute als gutverdienender "Leistungsträger" an der gesellschaftlichen Spitze halten.
"Brauen wir diese Ordnung? Oder braucht diese Ordnung solche Menschen wie uns? Unsere Erziehung ist geprägt von den Normen der Gesellschaft."Die Fremdbestimmungsthese wirkt immer aktuell, da sich selbst in einer Gesellschaft ohne starke Normen die Menschen gerne gegen eine vermeintliche Ordnung wenden.

Melitta

Der militärische Jargon und die militärische Führungspraktiken des Kaffefilter-Hersteller Melitta inspirierten Wallraff zu einem "Melitta-Report".

Der überzeugte Nationalsozialist und Melitta Inhaber Horst Bentz leitete seine Firma bis 1980. Danach übernahmen seine Söhne Jörg, Stephan und Thomas Bentz das für seine Kaffeefilter weltberühmte Unternehmen. Sie stiegen zusätzlich in die Produktion von Staubsaugerbeuteln ein, wo Melitta heute Marktführer ist. 2009 wurde Melitta Kaffee Bremen als Mitglied eines Kartells zur Absprache der Kaffeepreise als Kronzeuge vom Bußgeld befreit.

Mit einem Umsatz von etwa 1,34 Milliarden Euro 2012 hat Melitta als Old-Economy-Unternehmen überlebt und das Familienvermögen der Familie Bentz erhalten. Die unrühmliche Geschichte von Melitta-Gründer Horst Bentz ist in der Firmendarstellung verschwunden. Dafür gibt es einen Werbefilm von 1938.

Arndt von Bohlen Halbach

Die Ausgaben des Krupp-Erben Arndt von Bohlen-Halbach für ein standesgemäßes Jet-Set-Leben waren zur Freude der Boulevardpresse und der Illustrierten immens. Engelmann listete etwa auf: 60.000 Mark Unterhalt für die Villa in Marrakesch, 300.000 für die Jacht "Antinous II", 120.000 Mark Taschengeld für seine Frau "Hetty", geborene von Auersperg. Wallraff setzte als Kontrast das Leben der Zwangsarbeiter im NS-Staat und die Staublungen der 1973 noch lebenden Grubenarbeiter.

Die inzwischen zu ThyssenKrupp verschmolzenen, größten deutschen Stahlkonzerne beschäftigen noch immer 150.000 Mitarbeiter in 80 Ländern. Zumindest in Brasilien gilt ThyssenKrupp als großer Umweltsünder. Der Konzern darbt und kann zu wenig neue Geschäftsfelder entwickeln.

Neu: Inzwischen erwähnt die Konzernchronik stolz, dass Fritz Thyssen gegen den Einmarsch Deutschlands in Polen war und sich in die Schweiz absetzte. So brachte die Fusion für Krupp zumindest eine historische Entlastung. Nach seinem Tod 1986 in München musste über das Vermögen des kinderlosen Krupp-Erben ein Konkursverfahren eröffnet werden.

Thurn und Taxis: Pater Emmeran

Das wäre ein Filmstoff: Der Sohn einer reichen Adelsfamilie und Bruder des späteren Fürsten Johannes von Thurn und Taxis verzichtet auf Amt und Würden in den elterlichen Latifundien. Stattdessen gründet er ein Kloster und widmet sich der Wohltätigkeit und den Armen. Dass es so nicht zuging, zeigte Wallraff, der Pater Emmeran gnaden- und schonungslos als gierigen Betrüger bloßstellte, indem er sich als vermeintlicher Nachwuchsmönch in das 100-Zimmer-Schloß aufnehmen ließ.

Der geizige Eremit im Kloster - oder besser: Schloss - Prüfening überlebte Wallraffs für ihn bis heute schmählichen Undercover-Einsatz noch 21 Jahre. Erst 1994 berief ihn der Herr im Alter von 92 Jahren zu sich. Das bereits von Wallraff erwähnte, aus Erbschaften zusammengeraffte Vermögen von rund 3,5 Millionen Euro gab schließlich der bayerische Staat an mehrere kirchliche und landeskundliche Stiftungen. Emmeran soll nämlich das einzige Mitglied des begünstigten Vereins gewesen sein.

Gerling

Ein Jahr nach Wallraffs legendärem Einsatz als Portier, der sich auf Gerlings Schreibtisch setzte, musste Hans Gerling aufgrund der Pleite der Herstatt-Bank 51% des Gerling-Konzerns verkaufen. Sohn Rolf erbte den Gerling-Konzern, den er auch selbst führte und 2005 an die Talanx-Gruppe verkaufte.

Der 1954 geborene Gerling-Spross lebt zurückgezogen in der Schweiz, wo sein Vermögen 2012 auf 1,25 Milliarden Schweizer Franken geschätzt wurde.

Gunter Sachs

Eindrücklich-emotionalisierend wirkte die Beschreibung des Akkorddrucks von Arbeitern bei Fichtel und Sachs in Schweinfurt als Kontrast zum Jet-Set-Leben des damaligen Miteigentümers Gunter Sachs. 1976 nahm Sachs die Schweizer Staatsbürgerschaft an. 1987 veräußerten Gunter und sein Bruder Ernst-Wilhelm ihre Anteile an Fichtel und Sachs an Mannesmann.

Gunter Sachs machte nicht nur als Playboy, sondern auch als Kleiderhändler, Fotograf und Astrologieforscher von sich reden. Er hinterließ ein Vermögen von geschätzten 500 Millionen Euro - erheblich mehr, als zu Wallraffs Zeiten sein Anteil an Fichtel&Sachs wert war. Am 7. Mai 2011 nahm sich Gunter Sachs in seinem Heimatort Gstaad, mit einer Waffe (wie bereits sein Vater Willy im Jahre 1958) das Leben.

Johannes von Thurn und Taxis

1973 war das Haus Thurn und Taxis noch Großaktionär der Bayerischen Handelsbank AG und Johannes saß im Aufsichtsrat der Bayerischen Vereinsbank. Wie Wallraff/Engelmann schilderten, übernahm die hauseigene Brauerei - oft mit unlauteren Methoden - lokale Brauereien und verbot in ihren Immobilien den Ausschank von Konkurrenzprodukten.

Sowohl die Bank wie die Brauereien wurden von seiner Frau Gloria, Vormundin des Alleinerben Albert, veräußert. Laut Forbes soll das Vermögen derer von Thurn und Taxis 2009 noch 2,1 Milliarden Dollar betragen haben. Zum Besitz zählen 21.000 Hektar Wald und 1110 Hektar Landwirtschaft sowie zahlreiche Kunstschätze. Fürst Johannes starb 1990 nach zwei missglückten Herzoperationen im Krankenhaus von München-Großhadern.

Helmut Horten

Als Engelmann den "Konsumkönig" Horten in dessen schlossähnlicher Villa bei Düsseldorf besuchte, bemerkte er ehrfürchtig dessen 180 Quadratmeter großes Kaminzimmer mit Bibliothek, Palmen und Flamingos im Park. 1973 galten Horten, Schickedanz und Neckermann noch als Milliardäre, Kaufhäuser als Goldgruben.

Der Lebemann Horten hatte am Wörthersee an einer Bar die damals 19-jährige "Heidi" kennengelernt, die nach seinem Tod 1987 durchaus nicht untalentiert ein offensichtlich noch beträchtliches Vermögen verwaltet, das auf etwas über 3 Milliarden Dollar geschätzt wird. Horten, der zuletzt im Tessin lebte, hinterließ auch zwei medizinische Stiftungen, die nach eigenen Angaben bisher 120 Millionen Franken für medizinische Forschung aufgewendet haben.

Zuletzt hörte man in Wirtschaftskreisen von Heidi Horten als Mitglied der Investorengruppe von Tilo Berlin, die erfolgreich mit der Hypo-Alpe-Adria Bank die Bayerische Landesbank über den Tisch zog.

Weitere Portraits widmeten Wallraff und Engelmann den Familien Guttenberg, Oetker, Henkel und Flick - Stoff für weitere Updates, auf die wir hier verzichten müssen.

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