Unter Verletzten

07.08.2013

Ein Besuch bei Gustl Mollath in Bayreuth

Die Zufahrt zur Postanschrift "Nordring 2" in Bayreuth befand sich nicht in meinem Navi der Marke Tom-Tom. Dennoch besuchte ich am 31. Juli von 11 bis 17 Uhr 30 die Forensische Psychiatrie des Bezirkskrankenhauses Bayreuth. Dabei konnte ich mit beiden Chefärzten, mit Pflegern und Patienten sprechen. Um 15 Uhr teilte mir die Klinikleitung mit, dass Gustl Mollath mich um 16 Uhr treffen würde. Wir unterhielten uns bis 17 Uhr 30, dem Ende der Besuchszeit. Was er in diesen, rückwirkend betrachtet möglicherweise letzten Tagen seines Aufenthaltes in der geschlossenen Psychiatrie über diese sagte, bildet das Zentrum meines Berichtes.

Alexander Dill beim Besuch der Forensischen Psychiatrie im Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Bild: A. Dill

Um sich verletzt zu fühlen, bedarf es keiner Absicht des Verletzenden. Ein "falsches" Wort, das wohl nicht gesagt worden wäre, wenn es der Aussprechende vorher für falsch befinden konnte. Eine "unbedachte" Geste. Eine durchgeführte oder unterlassene Handlung. Das Gefühl des Verletzt-worden-Seins entzieht sich stets der bewussten Kontrolle. Im Falle Mollath gibt es viele, nein, es gibt nur Verletzte. Die Richter sind verletzt, dass ihnen die Justizministerin zu lange Verfahrensdauer vorwirft. Die Justizministerin ist verletzt, dass man sie der Lüge und Unmenschlichkeit bezichtigt. Die Psychiater sind verletzt, dass sie als Folterer in einer Zwangspsychiatrie beschimpft werden. Journalisten sind verletzt, dass man ihnen schlechte Recherche, Populismus und Parteilichkeit vorwirft.

Inmitten dieser vielfältigen, durchweg negativen Befindlichkeiten erscheint Gustl Mollath selbst als stabiles Zentrum eines Ringens um Deutungshoheiten. Mollath auf meine Bemerkung, die handelnden Personen würden nicht als autonome Persönlichkeiten in individueller Freiheit, sondern als Teile eines Systems agieren: "Man kann gut auf Systemzwänge schieben, was eigentlich Katastrophen sind."

Eine enorme Distanz spricht aus dieser Feststellung, ist doch Gustl Mollath nach sieben Jahren in der Forensischen Psychiatrie selbst der Hauptbetroffene dieser Katastrophe. Als solcher ist von ihm emotionale Betroffenheit, eben aktive Verletztheit zu erwarten, eben jene Betroffenheit, die Tausende von Leserbriefschreibern, Kommentatoren und Foristen spüren, wenn sie ihre Wut, ihr Unverständnis und ihren Ärger über die Systeme artikulieren, deren Zusammenspiel (oder wahlweise: fehlendes Zusammenspiel) das bewirkt, was als "Mollath-Skandal" von Justiz, Politik und Psychiatrie bürgerliche Widerstandspotentiale erweckt. Sogar Demonstrationen für die Freilassung von Mollath gab es bereits.

Eine surreale Welt

Nun hat Gustl Mollath eine Mineralwasserflasche auf den Besuchertisch im Besucherraum der Station FP 6 der geschlossenen Psychiatrie des Landeskrankenhauses Bayreuth gestellt. Ein Pfleger stellt zwei Gläser dazu. Mollath spricht mit mir über Systeme und deren Effektivität: "Das System haben sie sich ja selbst geschaffen. Die Stationsordnung. Es ist eine surreale Welt." Die Ordnung lässt nach seiner Einschätzung eine grosse Bandbreite für Willkür. "Haben Sie schon einmal eine Hausdurchsuchung erlebt? Oder einen Einbruch?" Beides habe ich nicht. Dementsprechend bin ich für die Erfahrung der traumatisierenden Verletztheit, die aus solchen Akten entspringen kann, nicht hinreichend qualifiziert.

"Die Leute, die hier arbeiten, bringen ihre eigenen Probleme mit", stellt Mollath fest. Im nur für Mitarbeiter zugänglichen Treppenhaus entdecke ich einen Stehaschenbecher, der von über 200 Zigarettenkippen überquillt. Ich bemerke zum stellvertretenden Chefarzt Dr. Michael Zappe: "Die sind aber nicht nur von Patienten?" Zappe: "Patienten können hier gar nicht herein. Es sind nur die Mitarbeiter." Ich bin überrascht. Nicht über den Aschenbecher, sondern darüber, dass dieser offensichtlich nicht täglich geleert wird. Es ist ja nur ein Aschenbecher zwischen zwei Trakten des durch viele Schleusen verschachtelten Gebäudes, dessen Mitte zwei Höfe bilden, in die man von den Zimmern blickt. 200 verzweifelte kleine Suchttaten in einem ausweglosen Environment. 200 kleine Freiheiten.

Mollath schildert mir eine Szene, die er beobachtete: "Im Hof steht ein Paar. Ich frage mich, was sie da machen. Da zieht die Frau ein Bündel aus ihrem Mantel. Es ist ein Neugeborenes. Sie hält es hoch. Ich verstehe erst jetzt: Sie ist die Schwester des Gefangenen Cia, den ich am Fenster entdecke. Sie wollten es ihm zeigen" Cia, das ist einer der Schicksale, die Mollath als wacher Chronist und teilnehmender Beobachter derart präzise schildern kann, dass man gebannt zuhört. Cia, der aus Antiochia in der Türkei, nicht weit von der syrischen Grenze stammte. "Er siezte mich immer. Für ihn war ich der Herr Mollath. Er hatte eine ausgesuchte Höflichkeit."

Dr. Zappe führt mich durch die Stationen der Klinik. Was mir sofort auffällt: Alle Etagen sind offen. Die Patienten laufen frei, einzeln und in Gruppen herum. Sie grüßen scheu den "Herren von der Presse". Einer zischt für mich hörbar: "Zappe, jetzt schwimmen dir die Felle davon, nicht, jetzt gehn' dir die Patienten aus, du Folterer." Psychiater müssen ein dickes Fell haben, nicht nur in der Zwangspsychiatrie.

Nachdem ich zwei Stationen gesehen hatte, bestätigt mir Dr. Zappe, dass die meisten Insassen aus der Unterschicht stammen und oft selbst desolate Biographien erlebt haben. Ich frage Mollath nach seinem Abschluss an der Nürnberger Waldorfschule und erwähne meine Großmutter Eleonore Dill, die eine Förderin der Nürnberger Anthroposophie war. "Ich bin auf die Hibernia-Schule in Herne gewechselt und habe dort Fachabitur gemacht.", bemerkt Mollath. Die 1952 gegründete Hibernia-Schule ist eine berufspraktische Förderschule, in der man unter anderem Feinwerkmechaniker lernen kann.

Gustl Mollath sieht sich als Supervisor, keineswegs nur selbst als Opfer

Mollaths Mitpatient Cia stand unter schweren Psychopharmaka. Neuroleptika. Eines Tages, so erzählt Mollath, habe Cia sich mit Sekundenkleber die Augenlider zugeklebt. Als er aus der Chirurgie zurückkam, sagte er laut Mollath: "Ich wollte nicht mehr gefährlich sein. Als Blinder bin ich doch nicht mehr gefährlich." Mollath schrieb einen Brief für Cia, der nicht Deutsch schreiben konnte. Aber er wusste niemanden, an den er den Brief hätte geben können. Keine Namen, keine Adressen. Zwei Wochen später, fährt Mollath fort, fand man Cia im Bad (Mollath sagte übrigens: "Nasszelle"), das von zwei Zimmern aus benutzt wurde. Er hatte sich erhängt und zusätzlich eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt.

Eine solche Erzählung kann nicht nur, sie muss jeden berühren. Das in ihr ausgedrückte Leid ist zwingend. Es lässt keinen Ausweg, keine Entschuldigung, keine Relativierung zu. Leid spricht und seine Sprache ist mächtig.

Gustl Mollath ist nicht nur der erfahrenste, sondern vor allem der am stärksten durch seine Sensibilität wahrnehmende und seine Situation reflektierende Patient in der geschlossenen Abteilung der Forensischen Psychiatrie im Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Seine Wahrnehmung der Mitpatienten, der Pfleger, der Sozialarbeiter und Therapeuten ist allein deshalb bereits eine wertvolle Quelle, weil Artikulationsfähigkeit und Erinnerung an jeden Namen, jedes Detail unter Menschen selten vorkommt, die aufgrund schwerer Delikte - meist Körperverletzung - unter Medikamenten stehen und die die am schwersten zu therapierenden psychopathologischen Krankheitsbilder aufweisen, Menschen, die kaum in der Lage sind, ihre Umgebung reflexiv einzuordnen. Gustl Mollath sieht sich als Supervisor, keineswegs nur selbst als Opfer. Er bekommt und nimmt übrigens keinerlei Psychopharmaka. Da er auch die psychiatrische Behandlung in der Gesprächstherapie ablehnt, gewinnt das böse Wort der "Zwangspsychiatrie" hier eine andere Bedeutung: Er wird zwar unter Zwang in einer psychiatrischen Klinik festgehalten, nicht aber zwangstherapiert.

Als Gustl Mollath 2005 zur Zwangsbeobachtung eingewiesen wurde, stand - so sagt es mir Mollath - in der Überweisung "Bedarfsmedikation: Haldol". Dem darin enthaltenen Wirkstoff Haloperidol wird tatsächlich zugesprochen, gegen "Wahnvorstellungen" zu wirken. Aber Mollath verblüfft mich mit der Frage: "Und, was ist eine extreme Nebenwirkung von Haldol?" - "Wahnvorstellungen?" "Ja, genau."

Später recherchiere ich und finde tatsächlich für Haldol (R) unter den "häufig" auftretenden Nebenwirkungen: "Psychotische Störungen (wie Wahnvorstellungen, ungewöhnliches Misstrauen, Halluzinationen)." Es sind solche zutreffenden Ungeheuerlichkeiten, die von Mollath sachlich, fast trocken vorgebracht werden, die den Fall Mollath nicht auslösten, aber zu einem öffentlichen Fall machten. Die Verblüffungs- und Empathiepotentiale solcher Fakten sind in einer Gesellschaft, in der sogenannte "asymmetrische" Information, also Desinformation, weite Teile von Wirtschaft, Medien und Gesellschaft prägt, Katalysatoren für einen Aufstand des Gewissens, der sich aus der Sehnsucht nach Wahrheit speist.

Als mir Mollaths Gutachter Karl-Ludwig Kröber als Beispiel für einen weiteren Wahnkomplex Mollaths die Rüstungsfirma Diehl in Nürnberg nannte, gegen die Mollath zu einer großen Friedensdemonstration aufrief, stellte sich heraus, dass es tatsächlich eine Friedensdemonstration vor deren Werk in Röthenbach gegeben hatte und tatsächlich der Firmengründer mit den beiden Oberfinanzdirektoren im gleichen Rotary-Klub war, die Diehl eine Steuerstrafe von 60 Millionen Mark erlassen hatten.

Mollath hält die Mitarbeiter für ungeeignet, den Kontakt mit psychisch kranken Menschen zu pflegen

Bei schwerer Körperverletzung an der Grenze zum versuchten Totschlag, so Dr. Zappe, fällt vom Täter immer wieder dieser Satz: "Ich hab' mich doch nur gewehrt." Die vieldiskutierten Gefährlichkeitsprognosen beruhen nun auf der Abweichung des beurteilten Täters - oder besser: Patienten - von der durchschnittlichen Rückfallquote bei diesem Delikt. Nur, wenn er voraussichtlich deutlich unter der Quote liegt, könnte eine gesunkene Gefährlichkeit angenommen werden - angenommen, denn für solche Prognosen gibt es keine Gewähr.

Da es aber nicht nur die Einstellung des Täters ist, die die potentielle Ausführung einer neuen Tat bestimmt und kontrolliert, sondern die explosive soziale Konstellation, in der er sich aus seiner Sicht "wehren musste", muss weiterhin beurteilt werden, ob er sich in einer ähnlichen oder gleichen Konstellation nun - eben therapiert - anders verhalten würde. Dieses andere Verhalten soll in der Klinik erlernt werden. Dazu gibt es zahlreiche Beschäftigungsgruppen etwa in Küche und Gärtnerei, Kunsthandwerk und Sport. Ergotherapeuten warten auf Termine. Psychologen. Sozialarbeiter zur Erledigung von Ämter- und Finanzfragen. Der Klinikalltag, wie ich ihn in Bayreuth besichtigen konnte, ist durch viele Routinen und Angebote bestimmt.

Der psychiatrische Chefgutachter nun beurteilt die Gefährlichkeit selbstverständlich nicht nur aus persönlichen Gesprächen mit dem Patienten. Dr. Michael Zappe: "Auch wir wissen, dass wir den ganzen Tag angelogen werden." Er zieht für sein Gutachten auch die Berichte der anderen Mitarbeiter heran.

So erst versteht man, was Hans-Ludwig Kröber, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Charité Berlin und Mollath-Gutachter mir sagte: "Es hat sich dort niemand gemeldet, der sagt: Wir beobachten Mollath schon seit Jahren in der Klinik und er ist völlig gesund." Das stimmt vermutlich - und es ist eigentlich sehr schade, denn es ist durchaus interessant, sich mit Mollath über sein Fachthema, nämlich über die geschlossene Psychiatrie in all ihren Dimensionen zu unterhalten. Mollath hält die Mitarbeiter für ungeeignet, den Kontakt mit psychisch kranken Menschen zu pflegen. Sie seien, so Mollath, selbst nur aus sozialer Not dort und würden somit ihre Probleme mitbringen.

Damit sind wir beim "Omon"-Mann angelangt. Mollath nennt seinen wirklichen Namen. Der Pfleger trug ein auffälliges T-Shirt mit der Aufschrift OMOH (H ist in kyrillischer Schrift ein "N"). Mollath beschreibt es als aufwändig mit Gold und Silber gestickt. Ein wertvolles Liebhaberstück, kein Alltagskleidungsstück. OMOH bedeutet aber "Otrjad Mobilny Osobogo Nasnatschenija", eine berüchtigte Sondereinheit des russischen Innenministeriums. Mollath: "Dass ein öffentlich Bediensteter in einer Demokratie so ein T-Shirt trägt, ist ein Skandal." Der Pfleger erklärte Mollath, dies sei sein Hobby. Wieder eine kleine Ungeheuerlichkeit. Wieder durch Fakten unterlegt.

"Denken Sie an ein Königreich"

Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, dass Mitarbeiter der Klinik zu Mollath nicht nur Distanz halten, sondern ihn in seiner Rolle als Supervisor und Kontrolleur des Betriebs ablehnen. Mollath zu mir: "Denken Sie hier an ein Königreich, ein Herzogtum". Die Hierarchien sind deutlich spürbar. Sicher sind sie in erster Linie dem enormem Druck geschuldet, unter dem Mitarbeiter wie Patienten stehen. Sie sind kein Selbstzweck. Sie sind Folge eines künstlich erzeugten Ausnahmezustandes. Anders als Mollath dürfen die Mitarbeiter nicht und vor allem niemandem sagen, was sie denken.

Eine untergeordnete Ärztin sagt mir bei der Verabschiedung: "Ich werde hier nur noch kurz sein." Es klingt wie eine Entschuldigung. Eine Assistenzarztstelle ist ausgeschrieben. Mollath ist in seinen Äußerungen freier als seine Betreuer, denn er muss keinen Daten- und Vertrauensschutz einhalten. Keine rechtsrelevanten Prozessroutinen befolgen. Dass er auch physisch Ausgang hat, also auf das riesige Klinikgelände und in das Café dort gehen dürfte, dass er in Begleitung nach Bayreuth oder in die nahegelegenen Felder gehen könnte, ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Das Gelände ist völlig offen, das heißt: Wer auf das Gelände darf, könnte auch das Gelände verlassen. Es gibt keine Wachen und große, offene Lücken zwischen den Gebäuden und der Außenwelt. Aber Mollath möchte nicht.

"Wissen Sie, was das größte Problem der Psychologie ist?", fragt mich Mollath. Natürlich weiß er die Antwort: "Der Bestätigungsfehler". Dieser besteht in der Neigung, solche Informationen zu bevorzugen, die die eigene Erwartung stützen. Wer ist schon im Sinne von Karl Popper ein derartiger "kritischer" Rationalist, dass er vor der Aufstellung von Thesen zunächst versucht, diese zu falsifizieren, also Gegenhypothesen aufzustellen und solange andere Lösungen auszuschließen, bis als einzige die richtige übrigbleibt? Dass Vorurteile Urteile werden, prägt nicht nur den Alltag, sondern auch Recht und Medizin. Jeder hat bereits erlebt, wie ein gutmeinender Doktor eine schnelle Diagnose stellte und daraufhin verordnete. Dass die Diagnose falsch ausfiel, merkt der Patient erst beim Ausbleiben des therapeutischen Effekts.

In der forensischen Psychiatrie aber geht es gar nicht primär um die richtige Diagnose, denn der Grund, warum Patienten hier eingewiesen wurden, ist der, dass sie eine Straftat begangen haben, man aber die JVA (Justizvollzugsanstalt) nicht als die gesellschaftlich erwünschte, optimale Antwort auf diese Straftat ansah. Stattdessen hofft man, über eine - übrigens weitaus teurere - psychiatrische und gruppentherapeutische Behandlung einen Rückfall zu verhindern.

Rund 6750 Menschen wurden 2012 in Deutschland nach §63 in der Forensischen Psychiatrie behandelt, davon etwa 115 in Bayreuth. Vor zehn Jahren waren es erst 3500. Es heißt, der Zuwachs beruhe auf dem steigenden Abbruch freier Therapien, da diese oft nicht mehr von den Kassen finanziert würden. Dr. Klaus Leipziger, Chefarzt der Klinik, stimmt dieser Interpretation teilweise zu. Ein Team um den Psychiater Hans-Ulrich Wittchen von der Technischen Universität Dresden veröffentlichte 2011 eine Studie, wonach jährlich 38,2 Prozent aller Europäer an einer neuropsychiatrischen Störung gelitten hätten, darunter 14 Prozent an Angstzuständen, gefolgt von Depression (7 Prozent) und Schlaflosigkeit (7 Prozent).

Reizbegriffe wie "Burnout", "Stress" und "Mobbing" beherrschen fast jedes Bürogespräch. Titel wie "Irre, Wir behandeln die Falschen" von Manfred Lütz bestätigen uns, was wir intuitiv schon immer zu wissen glaubten: Die Normalität selbst ist reiner Wahnsinn. Der Normale gehört behandelt, weil er nicht merkt, welchen Wahnsinn er täglich produziert. Der Wahnsinnige dagegen zeigt an seinen Symptomen, dass er den Wahnsinn des Normalen nicht erträgt. Er ist der Sensiblere, der Aufmerksamere. Diese Umdeutung ist allgemeines Volkswissen, also common sense.

Eine viel weniger beachtete Studie erschien 2012 an der Psychologischen Hochschule Berlin. Frank Jacobi konnte dabei statistisch nachweisen, dass psychische Erkrankungen insgesamt nicht zugenommen hatten, sondern stattdessen nur die Diagnosen von Hausärzten, die bei Krankschreibungen gerne "Burnout", "Stress", "Erschöpfungssysndrom" und seit neustem "Gratifikationskrise" auf den Zettel schreiben, ohne dass diese Symptome in die Diagnose oder Behandlung einer psychischen Krankheit mündeten.

"Wegschließen - und zwar für immer"

Der Wandel von der schweren, behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung zum Zipperlein in der Leistungsgesellschaft ist ein soziologisches Phänomen und Teil eines Paradigmenwechsels. Der Blick auf die Geschichte der Psychiatrie in westlichen Wohlstandsstaaten nach dem II. Weltkrieg zeigt, dass sich dabei auch die Psychiatrie von der Aufbewahrungsstätte für "Irre" zur Therapieeinrichtung wandelte. Dabei spielten zumindest in den USA die Psychopharmaka eine tragende Rolle. So sank die Zahl der stationär betreuten psychiatrischen Patienten in den USA von 558.239 im Jahre 1955 auf nur noch 71.619 im Jahre 1994. Viele psychische Krankheiten, etwa Depressionen, wurden seitdem mit starker medikamentöser Unterstützung behandelt. Oder, unfreundlicher formuliert: Es gibt eine maßgebliche Industrie, deren Interesse es ist, Millionen Junkies für Psychopharmaka mit dem unschlagbaren Argument versorgen zu dürfen, dass deren psychotherapeutische oder gar psychoanalytische Behandlung ungleich teurer käme.

Wie Dr. Klaus Leipziger ausführt, haben nach den 70er Jahren Sozialpsychiatrie und die Einführung von Psychotherapie in die Psychiatrie zu einem starken Rückgang der Verweildauer und Patientenzahlen geführt. Erst ab 2001 sei mit Gerhard Schröders Ruf, Kinderschänder sollten "für immer weggesperrt" werden, durch steigendes Sicherheitsbedürfnis eine Verschärfung des Strafrechts entstanden. "Vor fünfzehn Jahren", so Klaus Leipziger, "haben wir Reformüberlegungen zu Paragraph 63 an die Politik herangetragen. Aber die Liberalisierung kam wegen den Ängsten nicht."

P 63 - das ist ein Kürzel, das auch Mollath beherrscht.

Hat jemand eine rechtswidrige Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit (§ 20) oder der verminderten Schuldfähigkeit (§ 21) begangen, so ordnet das Gericht die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an, wenn die Gesamtwürdigung des Täters und seiner Tat ergibt, daß von ihm infolge seines Zustandes erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist.

Tatsächlich wird damit die ständige Überprüfung der Gefährlichkeit zu einem kaum lösbaren Problem für die Psychiater wie für ihre Patienten. Dort, wo eigentlich freiwillige Gespräche und die Erprobung neuer Lebenskonzepte im entlasteten Raum einer Klinik stattfinden sollten, dreht sich nun alles um Sicherheit und Gefährlichkeit. Die Öffentlichkeit, die sich freut, wenn ein Bundespräsident wegen 719,40 Euro angeblicher Vorteilsnahme beim Besuch des Oktoberfestes in München sein Amt verliert, lauert auf rückfällige Sexualstraftäter und Mörder.

Direkt neben der Klinik möchten die Bayreuther Forensiker eine Wohngemeinschaft einrichten, mit der psychisch Kranke noch während der Behandlung auf ihr Leben in Freiheit vorbereitet werden können. Doch dagegen hat sich eine Bürgerinitiative gegründet, die sich in Anlehnung an Stuttgart 21 "Bürgerinitiative Quartier 21" nennt. In einer großen Zeitungsannonce forderte sie 2012 die Bayreuther Oberbürgermeisterin Merk-Erbe auf, das Rathaus müsse mehr "zum Schutz seiner Bürger" unternehmen. Die Bürgermeisterin beschied die doch ziemlich dünne Initiative, dass sie nicht den Eindruck hätte, diese spräche für eine nennenswerte Zahl von Anwohnern.

Ängste behandelt die Psychiatrie nicht, sie symbolisiert sie. Seit Jack Nicholson in "Einer flog über das Kuckucksnest" 1975 durch Elektroschocks dauerhaft ruhiggestellt wurde, steht Psychiatrie einerseits für Zwangsbehandlung, anderseits für die Gefährlichkeit nicht behandelter Patienten, die man "nicht auf die Menschen" loslassen dürfe. 2001 sagte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder dem Spiegel angesichts des Falles der ermordeten 8-jährigen Julia in Hessen: "Deswegen kann es da nur eine Lösung geben: wegschließen - und zwar für immer."

Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Bild: A. Dill

"Wahnhafte Störungen sind schlecht behandelbar"

Seitdem sind Richter, Gutachter und Betreuer jeder Art in einer permanenten Bringschuld, ihre Delinquenten nachhaltig zu rehabilitieren. Klaus Leipziger: "Wahnhafte Störungen sind schlecht behandelbar." Wer also aufgrund eines als wahnhaft erkannten Begründungszusammenhangs Gewalt an anderen ausübt, gerät durch §63 in die Bringschuld, nicht nur die bewusste Negierung jeder weiteren Gewalt nachzuweisen, nicht nur seine Friedlichkeit zu demonstrieren und zu praktizieren, sondern auch, den Wahn als Wahn zu erkennen und ihn damit zu überwinden.

Psychiatriekritiker, etwa René Talbot von der Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrieerfahrener, sprechen deshalb von einem "Geständniszwang", wobei nicht nur das Geständnis der ursprünglichen, strafrechtlich verfolgten Tat, sondern das Geständnis des Wahnes in seiner Begründung gemeint ist. Wenn nun aber die Begründung der Tat in einem als Wahn erkannten Beziehungsgeflecht aufrecht erhalten wird - etwa in Gestalt einer Verschwörungstheorie - dann ist aus psychiatrischer Sicht die Gefahr neuer Gewalt dann nicht gebannt, wenn die Konstellation aus der Sicht des Patienten wieder auftritt, wenn also eine als Gewalt gegen ihn empfundene Handlung mit subjektiv gerechtfertigter Gegengewalt beantwortet wird.

Es gibt Staaten und Weltmächte, deren Namen wir hier nicht nennen möchten, die nach dieser Definition als kollektiv paranoid bezeichnet werden müssen, indem sie ihre Gewaltakte immer und ausschließlich als Reaktion auf die vermeintliche Gewalt gegen sie deuten und begründen. Sie entziehen sich jedoch der Justiz und damit der möglichen Behandlung in der Forensischen Psychiatrie. Stattdessen besitzen sie Vetorecht im Weltsicherheitsrat.

Wenn allerdings die Erkenntnis eigener Wahnhaftigkeit keine Leistung mündig-reflexiver Anstrengung mehr ist, sondern zum reinen Anpassungsritual wird, dürfte sie an der Gefährlichkeitsprognose streng genommen nichts ändern. Gefährlichkeit, so verlangt es die Sorgfalt ihrer Überprüfer, kann nicht an Lippenbekenntnissen abgelesen werden.

Nach Aussage der Ärzte der Forensischen Psychiatrie in Bayreuth wählen Drogenhändler gerne den §64, um als Süchtige in die Forensische zu kommen. Sie haben dort Privilegien wie freien Besuch und Telefon, die ihnen in jeder JVA verwehrt werden. Zudem hoffen sie darauf, durch kommunikativ-kooperative Heilungsbeweise vorzeitig entlassen werden zu können. Ein Delinquent etwa war im Besitz von einem Kilo Heroin. Ein echter Heroinabhängiger hätte diese Menge weder erwerben noch verteilen können.

Die Welt der Paragraphen 63 und 64 ist wie die vieler Paragraphen eine künstliche, eine verdrehte Welt, die möglicherweise falsche Anreizsysteme schafft: Warum nicht lieber einen Wahn, also eine Krankheit gestehen, wenn das zur vorzeitigen Entlassung führt?

Wer, warum auch immer, in einem Zustand emotionaler Erregung eine Beziehungstat verübt hat, zerstörte damit meist auch die Beziehung. Die Diagnose einer verminderten Schuldunfähigkeit aber reicht über diese Phase hinaus. Sie begleitet ihn über das Strafmaß hinweg oft über Jahre. Sie setzt damit einen mit der Beziehung verbundenen Emotionshintergrund fort, anstatt ihn zu beenden. Es ist fraglich, ob die dadurch erzwungene Therapieleistung wirklich zu einer geringeren Rückfallquote führt, oder ob dabei nicht neue Symptome und Problemkomplexe entstehen. Auch in den JVA stehen längst Psychologen, Sozialarbeiter und Therapeuten vieler Disziplinen bereit, ein Leben danach denkbar und möglich zu machen.

Nur Unschudige

Der Paragraph 63 verlangt einen eigentlich nur freiwillig erzielbaren Therapieerfolg auf dem Wege gesetzlichen Zwangs. Dadurch entsteht der falsche Eindruck, die forensische Psychiatrie, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich wirklich um den einzelnen Patienten bemühen, sei eine Strafeinrichtung. Nicht nur Dr. Leipziger, alle Gutachter hatten bisher unter diesem, dem juristischen Begründungszusammenhang geschuldeten Eindruck zu leiden. Professor Kröber bezeichnete dadurch die Psychiatrie mir gegenüber selbst als "unschuldiges Opfer"; eine Bezeichnung, die als provozierend empfunden werden kann. Aber sie trifft auf alle beteiligten Systeme zu, also auch für Justiz, Politik und Medien. Nur Verletzte. Nur Unschuldige. Könnte diese Beobachtung zu einem neuen Verständnis des Falles Gustl Mollath beitragen?

Mollath, auch das zählt zu seinen Qualitäten, stellt die Effizienz der Psychiatrie in Frage: "Man muss doch Aufwand und Ergebnis betrachten. Wo sind die Statistiken? Ich habe Dr. Zappe nach den Kosten gefragt. Er hat nie geantwortet."

Mir nannte Zappe den Betrag von 230 Euro pro Tag. Auf meine Nachfrage räumte er ein, dass das Gebäude und dessen Abschreibung und Verwaltung in diesem Betrag nicht enthalten sei. Der Personalschlüssel beträgt eins zu eins. Und wie viele Verwalter sitzen auf den etwa 200 Beschäftigten?

Erfolgskontrolle in einem derart unzugänglichen Bereich wie dem individuellen Lebensschicksal würde einen Orwellschen Polizeistaat erfordern. Würden wir tatsächlich gerne einem Effizienzwettbewerb zwischen JVA und forensischer Psychiatrie beiwohnen, mit 40-prozentigem Stellenabbau bei Misserfolg und "Exzellenzkliniken" mit Zusatzförderung?

Strafjustiz und Psychiatrie sind die Verwalterinnen der letzten Reste von Unwägbarkeiten im Zusammenleben der Menschen. Der Rest ist derart straff und effektiv organisiert, dass nur eine schwere Krankheit oder eben ein Verbrechen einen aus der Bahn werfen kann. Dabei stellen die Weltanschauungen, insbesondere unsere beiden Konfessionen, immer weniger Hilfe bereit. Auch hier ist Mollath zur Stelle: "Die CSU heißt eigentlich Christlich Soziale Union. Aber wissen Sie, was hier an Karfreitag los ist?" Ich weiß es natürlich nicht und bin schon wieder gespannt auf eine überraschende und weiterbildende Antwort. "An Karfreitag wurde hier ein Wettbewerb ausgeschrieben. Billard. Dart. Kicker. Das ist doch der höchste christliche Feiertag. Als ersten Preis gab es eine Packung Drehtabak. Und Süßigkeiten."

Ich schweige. Es ist mir so peinlich, das hören zu müssen. In einem Land mit fast 48 Millionen Kirchenmitgliedern. Auf dem Klinikgelände gibt es eine Kirche. Mollath hat sich 2010 vor ihr filmen lassen. Die Psychiatrie versteht sich aus ihrer Geschichte naturwissenschaftlich-biologisch-medizinischen Fortschritts als eigene, aufgeklärte Form der Seelsorge. Sie ist in einem pathologischen Sinne chronisch atheistisch, pathologisch in der Zwanghaftigkeit, in der sie Religion ablehnt. Nur ein Patient außer ihm, erzählt Mollath, habe den Wettbewerb an Karfreitag abgelehnt. Mollath: "Kennen Sie das Bild 'Der Schrei' von Edvard Munch?" - "Ja". - "So sah er aus."

Er sieht sich jeden Sonntag im Fernsehen den Gottesdienst an. Wie nur wenige Bilder der Kunstgeschichte wird "Der Schrei" von Munch seit Jahrzehnten als Ausdruck seelischer Nöte in die Ikonographie der Therapien mit einbezogen. Dieses Jahr erschien ein Buch von Frank Wilbrandt mit dem Titel "Edvard Munch - Das gemalte Wort", indem Wilbrandt Munch durch die Lehre Rudolf Steiners interpretiert. Es gibt kaum eine Waldorfschule, in der nicht die Werke Munchs im Sekretariat, im Lehrerzimmer und im Kunstunterricht präsent sind. Es sind der Argumentation entzogene Assoziationsketten, die Bilder, Formen und Musik als alternative Ausdrucksformen seelischer Zustände würdigen. In der Anthroposophie überwiegt die Praxis. Das ist ein Erfolgsgeheimnis der Waldorf-Schulen. Auch Wilbrandt betreibt eine sozialtherapeutische Lebensgemeinschaft auf Gut Adolphshof bei Lehrte in Niedersachsen. Das Gut ist auch ein erfolgreicher Demeter-Fachbetrieb.

Mollath besitzt das Talent, zielgenau die größten Schwächen seiner unfreiwilligen Gastgeber bloßzulegen. Ihre unhinterfragten Hierarchien und Herrschaftsrituale. Ihre Bestätigungsfehler. Ihre formal-systemische Unbarmherzigkeit. Ihren Atheismus. Es entsteht für den Außenstehenden deshalb ein kaum zu verdrängender Kontrast zwischen den vielfältigen Interessen und Beobachtungen des Patienten Gustl Mollath zu jenen, die eigentlich nur auf diesen Interessen und Beobachtungen ihren persönlichen Kontakt zu Mollath herstellen könnten, der wiederum die Voraussetzung für irgendeine therapeutische oder soziale Perspektive wäre.

Dieser Kontrast, diese Fallhöhe verleitet Journalisten, Juristen, Politiker und Sympathisanten bis hin zum bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer zu der Feststellung, Mollaths Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie sei eine umgehend zu beendende Unverhältnismäßigkeit der Mittel.

Die damit verbundene Verletzung der mit dem Fall Betrauten besteht dann in der Unterstellung einer inhumanen und bürokratischen Betriebsblindheit, einer Totalität der Sachzwänge und einer Missachtung der humanen Bedürfnisse des Patienten. Sie wehren sich auf ihre Weise, nämlich durch den Nachweis der Korrektheit aller Verfahrensschritte. Jeder Nachweis aber führt zu einer Fortsetzung und Verschärfung des Vorwurfes. So schaukelt sich der Fall Mollath hoch, eskaliert geradezu.

Paradox der Mündigkeit in der Psychiatrie

Ich frage Mollath, ob er Geld benötige. In meinem Jackett steckt ausreichend Bargeld. Mollath verneint indirekt. "Wir bekommen alle 50 Euro Taschengeld. Andere kaufen Tabak, Kaffee und Süßigkeiten. Ich wüsste nicht, was ich kaufen sollte."

Die Definition, die Immanuel Kant für Aufklärung gab, sie sei der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, trifft für den Patienten Gustl Mollath zu. Er möchte die von Kant als "bequeme Unmündigkeit" verspottete Haltung der Anpassung, des Kompromisses, des Duckmäusertums nicht einnehmen. Er zwingt die Therapeuten damit in ein kaum zu bewältigendes Paradox. Dieses besteht darin, dass doch das oberste Ziel der Forensischen Psychiatrie gerade darin besteht, dass ihre Patienten möglichst bald wieder draußen in der Welt auf eigenen Füßen stehen. Dort aber müssen sie selbst entscheiden und sich auch wehren können, wozu sie wiederum aufgeklärt und mündig werden müssen.

Mollath zeigt bereits in der Klinik eine Mündigkeit, die möglicherweise auch draußen einen Wert, eine Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben bilden könnte. Da aber draußen auf ihn keine Familie, kein Beruf, kein Vermögen, kein Einkommen warten, befürchten die Therapeuten, Mollaths Stärke, die er als mündiger Vorzeigepatient zeigt, könnte durch ungünstige Konstellationen wieder verloren gehen. Als ich gegenüber Professor Kröber erwähne, Mollaths Rolle als öffentliche Person sei doch durchaus therapeutisch wünschenswert, räumte Kröber ein: "Es gibt jetzt eine thematische Verlagerung in ein Feld, in dem es insgesamt unklug wäre, mit Gewalt zu agieren."

Dass sich so eine Stärke im entlasteten und unterstützenden Raum der geschlossenen Psychiatrie entwickeln kann, spricht nicht dafür, dass deren Settings und Bedingungen "krank machen" müssen. Vielmehr scheint es, als ob die Bedingungen der Forensik dem mündigen, sich wortmächtig und öffentlich artikulierenden Patienten entgegen kämen, während andere Patienten in ihrer Sprachlosigkeit zwar den erwünschten Anpassungsleistungen genügen, nicht aber das Selbstbewusstsein zu einem kollisionsfreien Leben draußen entwickeln.

Bei meiner Visite durfte ich auch Patienten in deren offenen Zimmern besuchen und sprechen. Es war mir ungewohnt und unangenehm, so in Privatsphären von Menschen einzudringen, die ihre Privatsphäre nur eingeschränkt schützen können. Nach Angabe der Klinik war ich der vierte Journalist, der von dem Angebot einer Führung durch die Stationen Gebrauch gemacht hatte. Schließlich landete ich im Zimmer eines schmächtigen Mannes aus einem entlegenen Land. "Können Sie nachts schlafen?", fragte der Arzt. "Ja, kann ich." Der Chefarzt ließ mich mit ihm einige Minuten alleine.

In der geschlossenen Psychiatrie bleiben die Türen der Patientenzimmer, auch die der Einzelzimmer in der Nacht offen. So können Kontrollgänge durchgeführt werden, bei denen aber die Patienten nicht geweckt werden. Mollath hatte diese Kontrollgänge als nächtliches Wecken empfunden und bezeichnet. Das lässt sich kaum leugnen, denn ich frage mich, ob ich nicht selbst - wie übrigens oft bei frühen Weckterminen für morgendliche Flüge - in vorauseilendem Gehorsam zum Kontrollzeitpunkt aufwachen würde, um anschließend das Gefühl haben zu können, ungestört weiterschlafen zu können. Wieder die Fallhöhe.

Im Zimmer des Patienten liegt der "Pons" für Russisch. "Ich möchte hier Deutsch lernen und dann Geld verdienen", sagt er mir. Auf ihn warteten in seinem Land eine Frau und drei Kinder. Ich berichte ihm, dass ich auch drei Kinder habe und bemerke, dass sich dafür alles lohne, jede noch so große Anpassung und Leistung. Für seine Verhältnisse und wohl auch für die seines Landes ist das Zimmer in der Bayreuther Forensik sicher jeder Gefängniszelle vorzuziehen, sind die Angebote der Klinik, am PC zu arbeiten und den Hauptschulabschluss, den "Quali" zu schaffen, ein unschlagbares Angebot. Betriebe in der Gegend von Bayreuth, so Dr. Zappe, nähmen gerne Praktikanten und Mitarbeiter aus der Klinik. Für Drogenhändler, die gewohnt waren, zwanzigtausend Euro im Monat zu verdienen, seien 900 Euro netto im Monat allerdings kein Anreiz.

Die Patienten stammen aus einfachen Verhältnissen und es bedeutet keine Missachtung ihrer Persönlichkeit anzunehmen, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit in einfachen Verhältnissen bleiben werden. Die Körperverletzung als sanktionswürdige Form gesellschaftlicher Devianz war zu allen Zeiten ein Delikt der unteren Schichten. Dies macht Prävention, Bestrafung und Rehabilitation als Aufgabe von Akademikern, die höheren Schichten angehören, anfällig für den von Mollath bemerkten Bestätigungsfehler.

Gerade die Interpretation von Verhaltensweisen als "schichtenspezifisch" nämlich würde strenggenommen als stärkstes Moment der Prävention die Entfernung aus den Biotopen der angeblich deliktfördernden Schicht nahelegen. Da die Schichten in Deutschland aber 2013 genauso undurchlässig sind wie vor vierzig Jahren, als Günter Wallraff und Bernt Engelmann ihr Buch "Ihr da oben - wir da unten" schrieben, besteht keine Möglichkeit, schichtenspezifische Delikte sozusagen sozialpsychiatrisch zu therapieren. Stattdessen wird die potentielle Gewalt als Persönlichkeitsstörung individualisiert, die der Einzelne "selbst in den Griff" bekommen muss.

Dass diese Einsicht ausgerechnet bei einem schichtenspezifischen, zumindest gruppendynamisch geförderten Delikt - etwa dem "Ehrenmord" - möglich sein soll, ist eine hohe, wohl eine zu hohe Erwartung. Ihr Scheitern wiederum wird dann von den diagnostizierenden Akademikern wiederum gerne damit erklärt, dass auch das Fehlen der sittlichen Reflexivität für die Folgen der eigenen Handlung wiederum typisch für eine Schicht sei, in der Reflexion als verpönter Ausdruck von Schwäche empfunden wäre.

In diese Schemen der Diagnose und der Enttäuschungen passt der eloquente Waldorfschüler Gustl Mollath, der Munchs Schrei als Analogiebild verwendet, nicht hinein. Warum ausgerechnet bayerische Multimillionäre wie Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß Uhren durch den Zoll schmuggeln und Steuern in der Schweiz hinterziehen, wird nicht als soziopathologische Frage aufgeworfen. Mollath: "Wer Steuern hinterzieht, schädigt damit den, der ehrlich und fleißig von kleinem Einkommen Steuern bezahlt." Wieder schäme ich mich, weiß ich doch nicht zuletzt als ehemaliges Mitglied des Wirtschaftsbeirates der CSU, dass Steuerhinterziehung in Bayern bisher eine als religiöse Pflicht zu bezeichnende Tugend der nicht angestellten oberen Schichten darstellte, nicht ein gemeinschaftsschädliches und daher hart zu bestrafendes Delikt.

Dem Vater der drei Kinder in der Bayreuther Psychiatrie habe ich zum Abschied scheinbar hilflos gesagt, dass ich dafür bete, dass seine Familie nach seinem Aufenthalt noch da sei und er ihr helfen könne. Scheinbar, weil die Quellen motivierender Hoffnung auf ein "Danach" durchaus kulturell sehr unterschiedlich ausfallen können.

Solche Menschen auf einen "Arbeitsmarkt" zu schicken, geht an dem Anspruch, sie konfliktfrei in die Gesellschaft zu integrieren, völlig vorbei. Der Arbeitsmarkt ist Schauplatz von Betrug, Intrige und Krieg und bringt nur in wenigen Fällen die erhoffte Beruhigung und entspannte Sicherheit, die ein Mensch bei der Erholung von einer als traumatisch empfundenen Tat und derer nicht minder traumatischen Folgen benötigt.

Deshalb sind die Ansätze, anstelle eines "Arbeitsmarktes" in Landwirtschaft und Handwerk ohne Druck der Leistung und Wirtschaftlichkeit einen Platz im Leben zu finden, möglicherweise in vielen Fällen dem Hamsterrad der beruflichen Weiterbildung und Höherqualifikation vorzuziehen. Warum? In den einfachen Arbeiten entsteht weniger Konkurrenz und damit weniger Streit und Enttäuschung - und damit weniger Anlass, sich verletzt und benachteiligt zu fühlen.

In der Anthroposophie wird Heilpädagogik meist mit landwirtschaftlichen und handwerklichen Betrieben verknüpft. Der Personalschlüssel in der Heilpädagogik ist viel geringer. Aber welcher Richter, welche Vollzugskommission möchte solchen Einrichtungen, die über keine Security und Sanktionen verfügen, riskante Patienten anvertrauen? Welche Politik möchte riskieren, in den Medien von einem Mörder zu lesen, der nicht in die geschlossene Psychiatrie, sondern auf ein Hofgut kam und dort mit einer Spitzhacke eine Beschäftigungstherapeutin oder einen Mitpatienten erschlägt?

Die von Dr. Klaus Leipziger beschriebene, seit Gerhard Schröder vollzogene Wende zum maximalen Sicherheitsdenken schadet den Patienten. Sie schadet aber auch der Justiz und der Psychiatrie. Sie baut Hürden und Mauern dort auf, wo skandinavische Gelassenheit gefragt wäre. Anders Breivik ließ verlautbaren, nun im Fernstudium Politik studieren zu wollen. Staaten wie Russland oder die USA, in denen Breivik vermutlich bereits bei der Verhaftung hingerichtet worden wäre, können so eine intelligente Perspektive nicht verstehen. Sie sind in ihrer eigenen, dumpf-paranoiden Gedankenwelt gefangen, in der Schwerstdelikte nur mit Rache und damit mit anderen Schwerstdelikten beantwortet werden können. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Überall Bestätigungsfehler

Die Art der Behandlung von Gustl Mollath in Bayreuth, wo er täglich Post und Besuch empfangen kann, nicht zwangsbehandelt wird und ein Einzelzimmer bewohnt, ist durchaus Ausdruck einer Humanisierung der einst düsteren Welt der Psychiatrie. Es kann aber nicht von ihm verlangt werden, diese formale Einschätzung zu teilen.

Die ihn vertretenden Anwälte und Sympathisanten haben ihren Schwerpunkt auf die Rüge der Mängel des juristischen Verfahrens gelegt, das zur Einweisung nach § 63 geführt hat. Verfahrensmängel, selbst wenn sie rechtskräftig festgestellt würden, heilen aber keine Verletzungen und noch weniger psychische Krankheiten. Die Herstellung der Erfahrung einer Versöhnung mit einer Welt, in der es keine Verabredung gegen dich und zu deinem Nachteil gibt, ist kein Ergebnis eines Urteils von Rechtsinstanzen.

Vielmehr besteht sie in dem Gefühl, die eigene Verletztheit anzuerkennen und zu ertragen und nicht mehr nach außen als fremdbestimmte Einwirkung von sich fern zu halten. Dr. Klaus Leipziger muss inzwischen selbst nicht nur eine Strafanzeige von Mollaths Verteidigerin Erika Lorenz-Löblein wegen uneidlicher Falschaussage, sondern sogar den Vorwurf des Plagiates in seiner Doktorarbeit erfahren. Ein Leserbrief an den Nordbayerischen Kurier, die Leipziger gegen den Vorwurf verteidigt, stellt fest, bereits das Foto von Leipziger zeige ja, was das für einer sei. Ferndiagnose per Zeitungsfoto.

Ich habe von dem Plagiatsvorwurf bereits nach wenigen Stunden erfahren und überprüfte sofort die inkriminierte Textstelle. Obwohl sich der Vorwurf als völlig haltlos erwies, berichteten neben der Abendzeitung auch der Bayerische Rundfunk, der Stern und Telepolis von der Anzeige des selbsternannten "Plagiatsjägers" Martin Heidingsfelder bei der Universität Ulm, wo Leipziger promoviert wurde. Daraufhin rief ich Heidingsfelder an, um ihn darauf hinzuweisen, dass das von ihm veröffentlichte Beispiel kein Plagiat, sondern die Schilderung eines Sachverhaltes aus Sicht der zitierten Autoren darstellte. Heidingsfelder zu mir: "Dann sollten Sie mal wissenschaftliches Arbeiten lernen! Wie heißen Sie? Alexander Dill? Wo und wann promoviert?"

Der Autor des Schavanplag, der Bundesbildungsministerin Annette Schavan ihren Job kostete, sagt auf seinem Lammertplag über Heidingsfelder, diesem fehle es "an dem erforderlichen Urteilsvermögen". Er sei für "unhaltbare Plagiatsvorwürfe notorisch".

Um wie viel mehr gilt die Diagnose des Fehlens des erforderlichen Urteilsvermögens für Journalisten und Leser, die die Neuigkeiten im Falle Mollath verfolgen, ohne je mit den Beteiligten und Betroffenen gesprochen zu haben? Eine ganze Armada von Ferngutachtern betätigt sich in einer Form der Schwarmintelligenz, in der eben jener Fehler entsteht, den Mollath zu Recht als "Bestätigungsfehler" benennt: Eine bereits vorhandene Erwartung, ein Vorurteil durch jeden neuen Fakt zu stützen.

Ein Journalist, der relativ viel zu Mollath veröffentlicht hat, schrieb mir, eine echte Recherche zu Mollath bräuchte 3-4 Wochen und verursache Kosten im höheren vierstelligen Bereich. Dass diese Recherche unterbleibt, obgleich sich zahlreiche Premium-Medien - etwa die Süddeutsche Zeitung - mit Mollath-News verkaufen, macht die Kritik an den angeblich oberflächlichen Verfahren der Justiz wie die an den angeblich ohne Prüfung abgeschriebenen psychiatrischen Gutachten zu Mollath unglaubwürdig. Ist es nicht gerade vom außenstehenden Beobachter oder Investigator zu erwarten, dass er tiefer und genauer recherchiert? Dass er sich die Mühe macht, die Komplexität des Gesamtfalles nicht auf eine oberflächliche Message wie "Justizirrtum" oder "Zwangspsychiatrie" zu reduzieren?

So überfordert Juristen und Psychiater mit der sich auf schon lange nicht mehr aktuelle Quellen stützenden Fallgeschichte sind, so überfordert sind die Journalisten, nicht ihrerseits wiederum nur auf den gleichen Akten und Dokumenten aufzubauen. Da aber die Foristen und Leserbriefschreiber nur durch den Strom der journalistischen Begleitberichterstattung versorgt werden, verdichten sich Bestätigungsfehler zu nicht mehr hinterfragbaren Ansichten.

Mollath bemerkt, was ich über meine anthroposophische Großmutter in Nürnberg erzähle, mache sie für ihn sympathisch. Wir gleichen einige Namen ab, die Mollath als 1956 geborener Nürnberger auch kennen könnte: Charly Schwemmer etwa. Englisch von den Nürnberger Nachrichten. Den Architekten Hans Herbert Hofmann. Die Welt der Nürnberger Ober- und Bildungsschicht ist überschaubar. Sie weist keine starke Fluktuation anders vielleicht als die in München, Köln, Leipzig oder Berlin. Mein Vater, Jahrgang 1932, hat kaum ein Klassentreffen seines Nürnberger Gymnasiums versäumt. Dass in Nürnberg "kurze Wege" gegangen werden, liegt an dem zähen Soziotop, nicht an der CSU, zumal Nürnberg ja seit 1945 mit der kleinen Unterbrechung von 1996-2002 von der SPD regiert wird.

Nürnberg kennt keine barock auftretende, parasitäre Schickeria, sondern pflegt den mittelständischen und gemäß Max Weber noch immer als Ausdruck "protestantischer Ethik" zu bezeichnenden Fleiß. Die Arbeit bildet darin den Mittelpunkt jeglichen Lebens. Nicht Genuss oder Politik. In seiner bescheidenen Sachlichkeit ist Gustl Mollath durchaus ein typischer "Nämbercher". Ihm fällt sofort auf, dass ich als geborener Münchner nicht Bayerisch spreche. Stattdessen hört er meine sächsische Mutter in meinem Hochdeutsch heraus.

So verfliegen anderthalb Stunden im Nu und erst ein überzeugend aussehender Muskelprotz bereitet unserem Gespräch ein jähes Ende. Das Ende der Besuchszeit. Ob er einen Computerzugang wolle, frage ich noch. Der Computerzugang. 2009, so Mollath, habe er noch bestanden. Doch er ertappte den Pflegeleiter, wie dieser Daten auf einem Stick mitnahm. Der Zugang wurde eingeschränkt. Nein, einen ungeschützten Computerzugang wolle er nicht.

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