Milliardäre in Blue Jeans

12.08.2013

Chrystia Freeland kennt die Welt der Globalmilliardäre: Zwei Jahrzehnte lang hat sie die neuen Supereliten begleitet und erforscht

Pittsburgh war einer der Schmelztiegel von Amerikas vergoldetem Zeitalter. Als die industrielle Revolution hier Fuß fasste, war Andrew Carnegie über den Gegensatz "zwischen dem Palast des Millionärs und der Hütte des Arbeiters" erstaunt. Menschen hatten nie in so frappant unterschiedlichen materiellen Verhältnissen gelebt, glaubte er, und das Ergebnis waren "strenge Kasten", die in "gegenseitiger Unkenntnis" und "gegenseitigem Misstrauen" lebten.

Hochhaus von Mukesh Ambiani. Bild: Jhariani/CC-BY-SA-3.0

Das 27-stöckige Hochhaus von Ambani-Familie in Mumbai, das eine Milliarde Dollar gekostet haben soll, ist nur rund zehn Kilometer von Dharavi entfernt, einem der berühmtesten Slums der Welt. Die Kluft zwischen diesen beiden Lebensstilen ist größer als alles, was Carnegie in Pittsburgh erleben konnte. Dasselbe gilt für den Unterschied zwischen Bill Gates' High-Tech-Haus mit dem Spitznamen Xandadu 2.0 auf einem Grundstück von 6200 Quadratmetern mit Blick auf den Lake Washington - in der Bibliothek des Hauses befindet sich eine Inschrift aus "Der große Gatsby" - und den Wohnungen der Armen des Hauptstadtdistrikts, unter denen die Arbeitslosigkeit 2012 noch etwas höher als im nationalen Durchschnitt lag.

Dennoch, die korrekte Etikette unter den heutigen Superreichen, besonders unter dem am meisten bewunderten Stamm, der High-Tech-Elite der Westküste, ist das Bestreben, die persönlichen Vorteile ihres gewaltigen Reichtums herunterzuspielen. Im April 2010, als ihn Studenten vom Massachusetts Institute of Technology fragten, wie es sich anfühle, der reichste Mann der Welt zu sein, legte Bill Gates nahe, dass das keine große Sache sei. "Nun, der Grenzertrag zusätzlicher Dollar lässt tatsächlich nach", scherzte er. "Ich habe noch keine Hamburger zu einem beliebigen Preis gefunden, die besser sind als die von McDonald's." Sicher, es gebe schon einige große Vorteile, zum Beispiel mit einem Privatjet zu reisen, nach "ein paar Millionen oder so" gehe es jedoch "nur noch darum, wie man es wieder zurückgibt".

Wer Eric Schmidt in Mountain View besuchte, als er noch Vorstandschef von Google war, fand ihn in einem engen Büro, in das kaum drei Leute hineinpassten. Die Gleichungen an der Tafel mochten von einem der Ingenieure nebenan stammen, die sein Büro benutzen durften, wann immer er nicht da war. Es ist zwar in Ordnung, einen Privatjet zu unterhalten, aber über einen Wagen mit Chauffeur rümpft man die Nase. "Während man in anderen Kulturen seinen Rolls-Royce herumfahren kann und einfach irgendwie reich aussehen und das Leben genießen kann, ist es im High-Tech-Sektor gesellschaftlich nicht in Ordnung, einen Fahrer zu haben, der einen jeden Tag zur Arbeit fährt", erzählte mir Schmidt. "Ich weiß nicht warum, aber Ihnen wird auffallen, dass es niemand tut."

Dieser egalitäre Stil kann sich mit der Realität der extremen Einkommensspreizung in Silicon Valley beißen. "Viele High-Tech-Unternehmen haben dieses Problem gelöst, indem sie die niedrigstbezahlten Arbeiter nicht selbst beschäftigen. Sie werden ausgegliedert", erklärte Schmidt. "Wir können sie anders behandeln, weil wir sie nicht selbst anwerben. Die Person, die die Toilette reinigt, ist nicht exakt die gleiche Art von Mensch. Was ich irgendwie abstoßend finde, aber so wird es gemacht."

In seiner Zeit als Vorstandschef von Bain Capital, als er sein Vermögen von heute 200 Millionen Dollar aufbaute, fuhr Mitt Romney einen Chevrolet Caprice Kombi mit roten Vinylsitzen und einem verbeulten Kotflügel. Carlos Slims Markenzeichen ist leicht ungepflegt wirkende Freizeitkleidung, und gern erzählt er Journalisten, dass er keine Häuser außerhalb von Mexiko besitzt. Aber selbst wenn er sich zwanglos kleidet, bewohnt ein Milliardär eine andere Welt.

Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt fragte ich Michail Chodorkowski, damals der reichste Mann Russlands (und zufällig auch jemand, der legere Kleidung bevorzugte und in einem bescheidenen Haus wohnte), was er von uns übrigen hielt. "Wer kein Oligarch ist, mit dem stimmt etwas nicht", erwiderte Chodorkowski. "Alle hatten dieselben Startbedingungen, alle hätten es erreichen können." (Chodorkowskis spätere Erfahrungen - sein Unternehmen wurde 2004 vom Staat enteignet, und er sitzt gegenwärtig wegen Betrug und Veruntreuung im Gefängnis - haben seine darwinistische Weltsicht gemildert: In seiner Korrespondenz aus der Zelle gab er zu, dass er "die Wirtschaft wie ein Spiel" betrachtet und sich "nicht viel um soziale Verantwortung geschert" habe.

Das Kapitel wurde mit freundlicher Genehmigung des Verlags dem Buch: Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite von Chrystia Freeland entnommen, das eine interessante und längst fällige "Reise in die unbekannte Welt der Superreichen" bietet (368 Seiten, EUR 22,99). Zwei Jahrzehnte lang hat sie die neuen Supereliten begleitet und erforscht. Dadurch kann sie einzigartige Einblicke in die Welt der Superreichen liefern, die sich ansonsten lieber abschotten und unerkannt bleiben wollen. Vor allem aber macht sie die gesellschaftlichen Konsequenzen dieses Superreichtums deutlich.

Diese Weltsicht scheint direkt den Büchern der radikalen russischamerikanischen Autorin Ayn Rand entsprungen, aber Chodorkowski versicherte mir, dass seine harte Haltung nicht aus Büchern stamme, sondern aus seiner Lebenserfahrung. Während der russischen Finanzkrise von 1998 hatten einige seiner Günstlinge Fehler begangen, die ihn Hunderte von Millionen kosteten. Im Rückblick gab er sich selbst die Schuld daran: Sie waren keine Oligarchen, deshalb stimmte etwas nicht mit ihnen, und man hätte sie gar nicht mit so großen Befugnissen betrauen dürfen.

Das erinnert ein wenig an den Kommentar des rumänischen Tennisspielers Ilie Nastase über Björn Borg: "Wir spielen Tennis, er spielt etwas anderes." Das extreme Selbstbewusstsein, das aus Chodorkowski spricht, entspringt zum Teil dem Glauben, eine einmalige Begabung zum Geldverdienen zu besitzen, eine, die ganz unabhängig von Zeit und Umständen sei.

Die Räuberbarone dachten ähnlich. "Dass solches Organisations- und Verwaltungstalent unter den Menschen selten ist, erhellt die Tatsache, dass es seinem Besitzer, gleichviel wo und unter welchen Gesetzen und Bedingungen, stets einen außerordentlich hohen Lohn sichert", schrieb Carnegie. "Die in Geschäften Erfahrenen betrachten in erster Linie stets die Persönlichkeit, die mit ihren Diensten als Gesellschafter gewonnen werden kann, so dass die Frage des Kapitals daneben kaum mehr von Belang bleibt, denn: Befähigte Männer schaffen bald Kapital; in den Händen solcher ohne die erforderliche, besondere Gabe verfliegt das Kapital dagegen bald."

Wer dieses besondere Talent besitzt, schätzt es auch an anderen. Chodorkowski vertraute nur Oligarchen wie ihm selbst. Steve Schwarzman glaubt, dass Oligarchen gute Präsidenten abgeben würden. Auf die Frage von Bloomberg TV, warum er einen Wahlkampfspendensammler von Mitt Romney in seinem mehrstöckigen New Yorker Apartment wohnen lasse, antwortete er, Mitt Romney und er hätten einmal bei einer gemeinsamen Investition das 24-Fache ihres Einsatzes herausbekommen. "Im Finanzgeschäft ist das die Art, wie man sich Freunde macht."

Die Kehrseite dieser hohen Meinung von den anderen Plutokraten kann ein Mangel an Sympathie für alle anderen sein, der bisweilen in Verachtung übergeht. Der Eindruck hoher meritokratischer Leistung kann - besonders wenn er durch die eigene Isolation unter gleichgesinnten Ebenbürtigen verstärkt wird - in der Superelite leicht zu einer Selbstüberhöhung führen, die dem Leiden anderer mit Gleichgültigkeit begegnet.

Ex-Google-Boss Eric Schmidt, heute Chef des Verwaltungsrats der Firma, gab im Dezember 2011 gegenüber einem Journalisten zu, dass niemand auf der Welt viel auf die Occupy-Bewegung und den Unmut der 99 Prozent gegeben hatte. "Wir leben in einer Blase", sagte er. "Und ich meine nicht die Technologieblase oder die Bewertungsblase. Ich meine eine Blase in unserer eigenen kleinen Welt." Und er zählte einige der zerplatzten Illusionen auf: "Unternehmen können nicht schnell genug Leute einstellen; hart arbeitende junge Leute können schnell ein Vermögen machen; Häuser behalten ihren Wert." Erstaunlich an diesem Eingeständnis ist, dass die Arbeitslosenrate in Santa Clara County, wo Googles Hauptquartier Mountain View liegt, 8,6 Prozent betrug, etwas über dem Landesdurchschnitt. Und einige der gewalttätigsten und umstrittensten Occupy-Demonstrationen fanden in Oakland statt, 45 Autominuten von Schmidts Büro entfernt.

Matt Rosoff, ein Wirtschaftsjournalist aus San Francisco, glaubt, dass selbst in Silicon Valley, dem Epizentrum der zweiten Gründerzeit des Westens, Schmidts Perspektive die spezielle Erfahrung des obersten Prozents widerspiegelt. "Ich habe kürzlich mit einem IT-Ingenieur in einer mittelgroßen Finanzdienstleistungsfirma gesprochen, der sich beklagte, dass sein Budget jedes Jahr zusammengestrichen werde, weil man erwarte, dass er aus weniger mehr macht", schrieb Rosoff in seinem Blog Business Insider. "Er ist über 40 und sieht keine Chance, von einer dieser geilen Start-up-Firmen eingestellt zu werden, die von 20-Jährigen betrieben und von Risikokapitalisten finanziert werden, die jünger sind als er. Vielleicht sprechen Eric Schmidt und die Leute, mit denen er zu tun hat, also wirklich nicht über die Occupy-Bewegung. Aber das hat nichts mit Silicon Valley zu tun - das gilt nur für die Kreise, in denen er sich bewegt."

Bei der plutokratischen Blase geht es nicht bloß um die Abkapselung einer Superelite, die lieber unter ihresgleichen bleibt, sie entsteht auch dadurch, wie man von allen anderen behandelt wird. Ein Finanzier sagte über seinen Freund, einen der fünf führenden Hedgefonds-Manager der Welt: "Er ist ein guter Mann - jedenfalls so gut, wie man sein kann, wenn man von Kriechern umgeben ist."

Ein paar Tage nach der Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn wegen Verdachts der sexuellen Nötigung einer Hotelangestellten saß ich zufällig mit einem amerikanischen Technologiemanager im Auto. Wenn man ein bestimmtes Niveau der Superelite erreicht habe, meinte er, bewohne man eine Welt, in der für alle Bedürfnisse gesorgt ist, und das könne zu dem gefährlichen Gefühl verleiten, ein Anrecht auf alles zu haben. Zur Veranschaulichung erzählte er mir, dass er bei einem Urlaub kurz zuvor in einem Four-Seasons-Hotel übernachtet habe. Der Service sei außergewöhnlich gewesen: Einmal, als er am Pool saß und ihm der Löffel aus der Hand fiel, mit dem er eine Melone aß, sprang sofort ein Kellner mit einer Auswahl von drei Ersatzlöffeln verschiedener Größe herbei.

Sich wieder an ein normales Leben zu gewöhnen, gestand der Manager aus Silicon Valley, sei ihm schwergefallen: Bei der kleinsten Verzögerung oder Unannehmlichkeit sei er ungeduldig und grob geworden. "Wenn man daran gewöhnt ist, rund um die Uhr versorgt zu werden, entsteht das Gefühl, dass die Welt um die eigene Person und die eigenen Bedürfnisse kreisen sollte. Man verliert jeden Sinn für Perspektive. Ich glaube, dass ist es, was Strauss-Kahn passiert ist." Privilegien, so meinte er, entfalteten eine unbewusste Wirkung. Kurz zuvor hatte er selbst unfreiwillig ein Beispiel dafür geliefert. Wir hatten ein paar Minuten Probleme gehabt, das Auto mit Chauffeur zu finden, das ihn vom Flughafen zu unserer Konferenz bringen sollte (ich durfte mitfahren). Er kochte vor Wut über die Verzögerung und verfluchte sich, nicht wie sonst üblich seinen Assistenten in Mountain View zu jeder Tag- und Nachtzeit abrufbereit zu halten, um für einen glatten Transfer zu sorgen (wir befanden uns zu frühmorgendlicher Stunde am Londoner Flughafen Heathrow).

Einige Studien aus jüngster Zeit legen nahe, dass mein Bekannter mit seiner Vermutung, dass Privilegien zur Verrohung führen, womöglich auf der richtigen Fährte war. Paul Piff, ein Psychologe vom Berkeley-Campus der Universität von Kalifornien, und vier weitere Forscher stellten sieben verschiedene Experimente an, um zu testen, welche Auswirkungen Reichtum auf die Behandlung anderer hat. "Sticht der gesellschaftliche Adel tatsächlich durch nobles Verhalten hervor?" , fragten die Forscher (Wer reicher ist, soll auch egoistischer und unmoralischer sein).

Ihre Antwort war ein schallendes Nein: "Im Verhältnis zu Menschen aus der unteren Mittelschicht verhielten sich Menschen aus der Oberschicht weniger ethisch." In ihrer Erklärung für das Verhalten dieses "unedlen Adels" klang die Beobachtung meines Bekannten vom Flughafen Heathrow an. "Wir vermuten, dass größere Ressourcen und größere Unabhängigkeit von anderen dazu führen, dass Menschen ihr Eigeninteresse über das Wohlergehen anderer stellen und Gier als positiv und nutzbringend wahrnehmen, was wiederum vermehrt zu unethischem Verhalten führt."

Bei einem der Experimente wurden Straßenkreuzungen in San Francisco beobachtet. Das Team stellte fest, dass Fahrer neuer, teurer Autos doppelt so häufig anderen Fahrzeugen oder Fußgängern die Vorfahrt nahmen wie Fahrer alter, billiger Gefährte. Bei einem anderen Test waren Versuchspersonen mit einem höheren tatsächlichen Einkommen eher geneigt, einen hypothetischen Stellenbewerber zu täuschen, um sie oder ihn zur Hinnahme eines niedrigeren Gehalts zu bewegen - eine Leistung, die dem Manager im Experiment einen Bonus einbrachte. In einer anderen Studie sollten Teilnehmer sich vorstellen, entweder sehr reich oder sehr arm zu sein, und wurden dann aufgefordert, sich Süßigkeiten aus einem Glas zu nehmen, dessen verbleibender Inhalt danach an Kinder verteilt werden sollte. Die Versuchspersonen, die sich vorstellten, sehr reich zu sein, nahmen sich mehr Süßigkeiten.

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