Psychologie der Begrenzung
Lorenz Graf 15.08.2013
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Wenn Selbstbegrenzung nicht ausreicht

Unglücklicherweise ist eine solche Selbstbegrenzung aber kein Allheilmittel. Erstens macht Selbstbegrenzung heute schlicht keinen Spaß, weil der Nutzen ja erst zu einem späteren Zeitpunkt entsteht. Wer heute Rad fährt statt Auto, der rettet damit vielleicht die Welt für seine Kinder, verzichtet dafür aber heute selbst auf Bequemlichkeit. Und das ist natürlich zunächst unangenehm. Wer hat es schon gerne weniger bequem als vorher? Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen jedoch, dass Menschen sich an die widrigsten Umstände gewöhnen. Der unmittelbare Effekt ist daher nicht von Dauer.

Viel schwerer wiegt der Umstand, dass die Verzichtenden auf einmal relativ zu ihren Mitmenschen ein umständlicheres Leben führen. Und dieser Effekt von sozialem Vergleich nutzt sich kaum ab. Wer also das Auto stehen lässt, den Einkauf aus dem Baumarkt mit dem Rad nach Hause balanciert, und dabei vom Nachbarn im SUV überholt wird, der fühlt sich nachvollziehbarerweise wie der Dumme.

Zweitens ist es häufig nicht ausreichend, sich selbst zu beschränken. In Fällen wie Umweltschutz genügt es oft nicht, wenn sich eine kleine Gruppe von Individuen selbst beschränkt und beispielsweise beschließt, auf PKWs zu verzichten. Die positiven Auswirkungen auf die Luftqualität wären in diesem Falle schlicht zu klein. Erst wenn alle mitmachen, kann das Ziel erreicht werden. Selbst wenn sich jedoch eine hinreichend große Gruppe findet, auf dass der Effekt spürbar wird, so ist dieser Zustand instabil. Schließlich profitieren auch diejenigen, die nicht auf ihr Auto verzichten, von der allgemeinen Verbesserung der Luftqualität. Warum sollte der Einzelne also mitmachen?

In den Politikwissenschaften wird dieses Problem als die Tragik der Allmende bezeichnet. Ein bekanntes weiteres Beispiel ist die Überfischung der Weltmeere, die sich ebenso wenig dadurch beenden lässt, dass ein einzelner Staat den Fischfang einstellt.

Auch unter diesem Aspekt sind gesetzliche Begrenzungen häufig eine effiziente Lösung, weil sie alle binden. Wenn ein allgemeines Nachtflugverbot herrscht, dann sind die Regeln klar. Keine Airline muss sich überlegen, ob sie freiwillig auf ein paar Nachtflüge verzichtet, damit die Anwohner nicht auf die Barrikaden gehen - und sich dabei über die andere Airline ärgern, die nicht verzichtet und trotzdem vom Frieden am Gartenzaun profitiert.

Sanfte Alternativen zu harten Gesetzen?

Ob nun die Vorschläge der Grünen sinnvoll sind oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber natürlich ist jede explizite Selbstbeschränkung, die durch Mehrheitsentscheid zu Stande kommt, potenziell ein Eingriff in die Freiheit der anders denkenden Minderheit. Was also tun?

In vielen Fällen könnte es die Möglichkeit geben, das anzuwenden, was die Forscher Richard Thaler und Cass Sunstein als "Nudges", zu Deutsch etwa "Stupse", bezeichnen. Sie empfehlen, mit psychologischen Methoden das Verhalten von Menschen im Durchschnitt gezielt zu beeinflussen, ohne dem einzelnen aber in letzter Konsequenz die Wahl zu nehmen.

So zeigen etwa Untersuchungen, dass Menschen in Auswahlsituationen sich stark von vorausgewählten Alternativen leiten lassen. In Ländern, in denen man explizit angeben muss, kein Organspender zu sein, sind zum Beispiel dramatisch viel mehr Menschen Organspender, als in Ländern, in denen man sich explizit für Organspende aussprechen muss - obwohl in beiden Fällen die identische Entscheidung zu treffen ist: Organspender oder nicht.

Das Verhalten anderer ist ebenso relevant: Empirische Ergebnisse zeigen, wie man Erinnerungsschreiben für noch nicht eingereichte Steuererklärungen effektiver gestaltet. Wenn nämlich die Schreiben einen Hinweis darauf enthalten, dass der Großteil der Bürger des Postleitzahlengebietes oder der Stadt ihre Steuererklärung bereits eingereicht haben, dann steigt ihre Wirksamkeit deutlich.

Im Vereinigten Königreich hat die Regierung von David Cameron das sogenannte "Behavioural Insights Team" ins Leben gerufen. Es soll die Erkenntnisse der Verhaltensforschung nutzen, um genau solche Nudges wie oben beschrieben zu implementieren. Und tatsächlich ist das Team derart erfolgreich, dass es inzwischen seine Dienste auch der freien Wirtschaft und ausländischen Regierungen anbietet.

Vielleicht bieten solche Nudges also tatsächlich eine versöhnliche Alternative zumindest für Ziele, auf die sich eigentlich fast alle einigen können, wie etwa Umweltschutz oder gesunde Ernährung: Zielerreichung durch Selbstbeschränkung; aber ohne Einbuße von Wahlfreiheit. Und zumindest wenn nicht gerade Wahlkampf herrscht, könnten damit vielleicht sogar die Herren Trittin und Fuchs leben.

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