"Wenn der Polizeistaat zum kleineren Übel wird"

12.08.2013

Wie zuvor im Irakkrieg häufen sich jetzt in Syrien die Entführungen

Viele Entführungen werden in der Berichterstattung kaum wahrgenommen, weil es "nur um Geld geht". Allerdings sind dabei größere Summen im Spiel, bei dem französisch- amerikanischen Fotografen waren es 450.000 Dollar Lösegeld. Andere haben Pilger im Visier und spekulieren mit einem Gefangenenaustausch. Und es gibt Entführungen, bei denen die Berichtsquelle nicht unbedingt verlässlich ist, weswegen die großen Zahlen - 250 entführte Kurden - mit Vorsicht zu behandeln sind.

Entführungen in Syrien, bzw. in Nachbarländern, die in Verbindung mit dem syrischen Krieg stehen, sind ein Phänomen, das eher beiläufig vermerkt wird. Nach Beobachtungen des irischen Reporters Patrick Cockburn, der früher unerschrocken aus dem Irak berichtet hat, wie er dies nun aus Syrien tut, tragen die Kidnappings mehr zum Klima von Unsicherheit und Instabilität im Land bei als dies von außen wahrgenommen würde.

Das Risiko, entführt zu werden, ist gewachsen, so Cockburn, bedroht seien immer häufiger Zivilisten. Dass davon nur wenig an die Öffentlichkeit gerät, liege daran, dass Entführer und ihre Opfer in vielen Fällen darauf achten, dass die Geiselnahmen nicht gemeldet werden. Die Sache wird meist informell mit großen Geldzahlzungen geregelt. Die Wirkung der Entführungen sei nicht geringzuschätzen: der Polizeistaat werde angesichts solcher Bedrohungen zur akzeptierten Alternative.

Die Herausbildung von Gangs

Wie zuvor in Tschetschenien nach 1999 und im Irak nach dem Einmarsch der US-Truppen und ihrem internationalen Gefolge sieht Cockburn ein Muster sich nun auch in Syrien verbreiten: der Weg von Teilen der oppositionellen Gruppen in die Kriminalität, die Herausbildung von auf Entführungen spezialisierter Gangs - und Warlords, die über ein bestimmtes Territorium herrschen, wie hinzugefügt werden kann.

In allen drei Fällen - Tschetschenien, Irak und Syrien - sind heroische Milizen, die als Verteidiger ihrer Gemeinschaften begonnen haben mögen, ununterscheidbar von Banditen geworden. Ihre früheren Unterstützer haben nun das Gefühl, dass, so grausam und gewalttätig die Regierung gewesen sein möge, sich die Alternative als noch schlimmer herausstellt.

Entführungen seien nun "Big Business" in Syrien, beobachtet der Reporter, jeder könne dem zum Opfer fallen, besonders Familien mit Geld, da die meisten Entführungen von kriminellen Gangs durchgeführt werden, die Verbindungen zu den Oppositionsgruppen haben, zum Teil spielen politische Gegnerschaften und Racheakte mithinein. Da es auch in den Regierungstruppen Abspaltungen und zwielichtige Gruppen gibt, ist nicht ausgeschlossen, dass auch von solcher Seite Entführungen durchgeführt werden. Die Unterscheidung zwischen kommerziellen und politischen Entführungen, schreibt Cockburn, sei nicht eindeutig zu treffen. Wie überhaupt vieles im Obskuren bleibe, angefangen von der Identität und der Motive der Entführer bis zum Wissen darüber, ob die Geisel überhaupt noch am Leben sei.

Auswirkungen auf die Berichterstattung

In der Folge führt dies nach Ansicht des Reporters dazu, dass immer weniger Journalisten die von den Rebellen kontrollierten Zonen besuchen, weil sie ebenfalls gutes Lösegeld versprechen. So komme es, dass "die Rebellen einen großen Vorteil verlieren, der darin bestand, den Journalisten Zugänge zu eröffnen, während die Regierung nur spärlich Visa herausgab." Der Informationsvorteil, den die Gegner Assads dadurch hatten und der sich auch in entsprechender Tendenz in den Berichten niederschlug, werde damit beendet. Selbst "Rebellen-Bastionen" versprechen keine Sicherheit mehr.

Two weeks ago, a Polish journalist called Marcin Suder was kidnapped from an opposition media centre by a gang of gunmen in the rebel-held town of Saraqeb in the north-western Idlib province. An opposition militant who tried to stop the kidnappers was beaten to the ground with rifle butts.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen, wo dieser Fall ebenfalls geschildert wird, zählt derzeit 15 Fälle von verschwundenen oder entführten ausländischen Journalisten in Syrien.

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