Im Krieg mit Deutschland

15.08.2013

Während WK II lieferten namhafte Mitarbeiter des Frankfurter "Instituts für Sozialforschung" den Amerikanern wertvolle Hinweise, wie sie mit den Deutschen nach dem Krieg verfahren sollten

Vor gut einem halben Jahrhundert galt das Institut für Sozialforschung, das Max Horkheimer gemeinsam mit Theodor W. Adorno damals in Frankfurt nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil revitalisiert hatte, noch als intellektuelle Hausnummer. Die studentische Revolte, die Neue Linke und die spätere Gründung der Verbotspartei "Die Grünen" wären ohne die Ideen und dem Ehrgeiz seiner Gründer, die moderne Gesellschaft in ihrer Ganzheit anzuschreiben, wohl nicht denkbar gewesen.

Und auch der handfeste Streit mit dem weltweit vielleicht besten und originellsten Soziologen der Nachkriegszeit, mit Niklas Luhmann über "Sozialtechnologie oder Theorie der Gesellschaft", der in den 1970ern die Bundesrepublik intellektuell bereicherte und zu den ganz wenigen Sternstunden in der selten glorreichen Debattenkultur der Bundesrepublik gehörte, dürfte zumindest bei unseren älteren Beobachtern und Lesern gewiss noch in lebhafter Erinnerung sein.

Zu theorielastig

Aktuell fristet das Institut in Frankfurt unter seinem neuen geschäftsführenden Leiter Axel Honneth ein intellektuell wenig aufregendes und daher eher kümmerliches Dasein. Wäre es nicht vor ein paar Jahren zu einem handfesten Streit mit Peter Sloterdijk um dessen Gedanken zur "gebenden" statt "nehmenden Hand" gekommen, die breitere Öffentlichkeit wüsste gar nicht mehr, dass es das Institut dort überhaupt noch gibt.

Immerhin hat der neue Geschäftsführer, der wie seine Gründerväter von Haus aus Philosoph ist, mit einer Kritik gebrochen, die die Mitarbeiter des Instituts sich in seiner Blütezeit der 1950er und 1960er Jahre immer wieder anhören und gefallen lassen mussten, nämlich, dass die Forschung dort viel zu theorielastig sei und man in Frankfurt auf empirische Forschung nahezu gänzlich verzichte.

Dieser berechtigten Kritik der "bürgerlichen Soziologie" an der marxistisch orientierten, die damals meist aus Köln und Umgebung zu hören war, versucht Axel Honneth mittlerweile zu begegnen und hat bei seinem Arbeitsantritt vor gut zehn Jahren deswegen die Mitarbeiter verstärkt zu einer von Daten und Statistiken, Querschnitten und Kurvenverläufen unterfütterten Forschung angehalten.

Intellektuell langweilig

Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, und ob man damit das Institut vor dem Fall in die intellektuelle Bedeutungslosigkeit bewahren kann, ist mehr als fraglich. Zumal ihm seine Kernthemen: die "Theorie der Gesellschaft" und das Bedienen "sozialer Utopien" abhanden gekommen sind. Auch in Frankfurt musste man die schmerzliche Erfahrung machen, dass Gesellschaft (vorausgesetzt es gibt so etwas überhaupt) weder vernünftig noch anderweitig planbar ist, dass Zukunftsentwürfe und gesellschaftliche Horizonte dem politischen Pragmatismus und/oder Opportunismus anheim gefallen sind und der soziale Utopismus von der Trendforschung kassiert worden ist.

Immerhin hat man jetzt in Frankfurt als neues Forschungsfeld die "soziale Gerechtigkeit" entdeckt, was jedoch den unangenehmen Nebeneffekt hatte, dass man sich vom gesellschaftlichen Optimismus, den Jürgen Habermas mit seiner Diskurs- und Rechtstheorie noch während der 1980er inmitten der Debatte um den "Eintritt in die Postmoderne" ausgestrahlt hatte, wieder entfernt hat und sich vermehrt auf die Spuren der "Dialektiker der Aufklärung" begeben hat.

Mittlerweile sorgt man sich verstärkt um die moralischen, rechtlichen und materiellen Fortschritte der modernden Gesellschaft, die angeblich und nach Ansicht des Institutsleiters nicht mit den Freiheitsversprechen der Aufklärung in Einklang zu bringen sind. Erneut muss der Kapitalismus, der Neoliberalismus oder überhaupt jeglicher Fortschritt, den er oder die Technik angeblich in Gang setzen, für alle Schandtaten in und auf der Welt herhalten. Als ob man Wirtschaftssysteme und/oder Ideologien dafür verantwortlich machen könnte, dass jemand sein Leben nicht auf die Reihe bringt, etwas gegen Andersfarbige hat, seine Frau schlägt oder in der Schule nicht klarkommt.

Den Schuldigen identifiziert

Missachtung, Demütigung oder Marginalisierung von menschlichen Subjekten oder der Mangel an sozialer Anerkennung, den Honneth und seine Männer und Frauen allerorten feststellen wollen, kann man bekanntlich überall auf der Welt machen. Im kommunistischen China genauso wie im Klassen bewussten Indien oder im sozialpopulistischen Venezuela. Das dürfte allerdings auch schon in Frankfurt vor dem Fall der Mauer bekannt gewesen sein.

Warum die neue Institutsleitung das um die Jahrtausendwende zu einem gigantischen Forschungsvorhaben aufgeblasen hat und dafür auch noch reichlich Knete von Gönnern, Stiftungen oder dem Staat einsammelt, bleibt außenstehenden Beobachtern wie mir schleierhaft. Über diese intellektuelle Zukunftslosigkeit und neu erwachte Spießigkeit, die sich in solchen Totaltheorien äußern, helfen auch gut- oder bestgemeinte Hausbesuche von befreundeten Redakteuren und politisch geneigten Wochenzeitungen nicht hinweg.

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