Projektionsfläche Amerika

21.08.2013

Was der deutschlandweit grassierende Antiamerikanismus über die Zustände in der machtpolitisch aufstrebenden Bundesrepublik verrät

Wohl niemals zuvor in der jüngsten Vergangenheit schien es bessere Gründe gegeben zu haben, den weitverbreiteten antiamerikanischen Vorurteilen und Klischees aus voller Überzeugung zuzustimmen. Die Enthüllungen der Whistleblower Bradley Manning und Edward Snowden haben das ohnehin bereits arg ramponierte Image der USA nachhaltig beschädigt.

Die mörderische Praxis der US-Besatzungstruppen im Irak und Afghanistan, die massiven Menschenrechtsverletzungen in Guantanamo Bay und insbesondere der gigantische Skandal um die globalen Überwachungsprogramme Prism und Tempora entfachten eine Welle der Empörung, die insbesondere in der Bundesrepublik hohe Wellen schlägt.

Diese Enthüllungen der vergangenen Monate und Jahre scheinen all jene antiamerikanischen Klischees zu bestätigen, die Amerika-Hasser seit jeher zu einem Wesensmerkmal der Vereinigten Staaten erklären. Hinzu kommen die sich häufenden Berichte über den allgegenwärtigen Rassismus, überhandnehmende Polizeiwillkür, die schreiende soziale Ungleichheit und den schleichenden gesellschaftlichen Zerfall in der Vereinigten Staaten. Dazu gesellen sich die üblichen europäischen Ängste vor dem amerikanischen "Kulturimperialismus", vor der Dominanz der US-Kulturindustrie, die im Zusammenhang mit den Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA wieder aufkommen.

Aus dieser Gemengelage aus Fakten, Stimmungen und Ängsten kristallisiert sich ein Amerika-Bild, dass die USA als eine imperialistische, polizeistaatliche, rassistische und von einer abgekapselten Oligarchie beherrschte globale Hegemonialmacht zeichnet, die zugleich von inneren Zerfallstendenzen und eskalierenden sozialen Widersprüchen geprägt ist. Der Antiamerikanismus scheint somit von der Realität eindrucksvoll bestätigt zu werden - diese Enthüllungen und Berichte sind ja nicht erfunden.

Dennoch handelt es sich beim Antiamerikanismus in seinen vielfältigen Spielarten um reine Ideologie, um eine verzerrte Realitätswahrnehmung, die wenig über das Wesen Amerikas, aber verdammt viel über denjenigen verrät, der das antiamerikanische Ressentiment äußert.

Antimerikanismus als Projektionsfläche

Der Antiamerikanismus in seinen mannigfachen Variationen, die ein breites politisches Spektrum von Links bis Rechtsaußen bedienen, sieht in der bloßen Existenz der USA die letzte Ursache für die oben dargelegten Entwicklungen und Verwerfungen. Totale Überwachung, mörderischer Imperialismus, Raubtierkapitalismus, Aushöhlung der Demokratie und sozialer Zerfall wandeln sich innerhalb dieser Ideologie zu "Exporten" Washingtons oder wahlweise der Wall Street, mit denen die gesamte Welt nach dem Ebenbild der USA umgeformt würde. Phänomene wie Entdemokratisierung oder Militarismus werden letztendlich auf eine - je nach politischer Orientierung unterschiedlich imaginierte - innere Verfasstheit, gar ein inneres Wesen der Vereinigten Staaten zurückgeführt.

Die Ausdifferenzierung des Antiamerikanismus ist in Deutschland besonders ausgeprägt. Die Spannbreite reicht von der verkürzten Kapitalismuskritik linker Strömungen bis zum rechtsextremen Wahngebilde, das kaum noch Berührungspunkte mit der Realität aufweist. Während innerhalb der Linken auf die - ja tatsächlich gegebenen - enormen Klassenwidersprüche und die Herrschaft einer oligarchischen Oberschicht verwiesen wird, die die globalen imperialistischen US-Abenteuer befördern sollen, finden sich im rechten Antiamerikanismus genuin völkische, kulturalistische und antisemitische Argumentationsmuster. Rechtsextreme sehen in den USA einen "synthetischen" und deshalb zum Untergang verurteilten Staat, der nicht auf einer einheitlichen kulturalistischen oder völkischen Grundlage fuße - hinzu gesellen sich oft antisemitische Ressentiments gegen den angeblich übermächtigen Einfluss einer "zionistischen Lobby", die oft auch mit dem "raffenden" Finanzkapital, mit der Wall Street, assoziiert wird.

Doch auch der linke, scheinbar "fortschrittliche" Antiamerikanismus, der sich über die schreiende Widersprüche in den USA und über deren brutale Außenpolitik empört, stellt eine verzerrte Realitätswahrnehmung dar. Die Grundprämise auch des "linken" Antiamerikanismus besteht nun mal darin, dass die Vereinigten Staaten die letzte Ursache der zunehmenden Krisenerscheinungen - von der Erosion demokratischer Standards bis zur Zunahme militärischer Auseinandersetzungen - darstellen. Im Umkehrschluss hieße das, dass ein machtpolitischer Niedergang der USA oder gar deren Auslöschung, zu einem Ende dieser gegenwärtig global eskalierenden Widersprüche und Verwerfungen führen würden. Die Existenz der USA wird zur Ursache der von den USA ausgehenden, negativen Gesellschaftstendenzen imaginiert. Der Tod der Vereinigten Staaten, die so zur Projektionsfläche für die zunehmenden Krisentendenzen im Spätkapitalismus werden, käme innerhalb der antiamerikanischen Ideologie der Befreiung der Menschheit gleich.

Dabei befinden sich die USA schon seit längerer Zeit - beschleunigt durch das Desaster im Irak - im machtpolitischen Abstieg; ihre globale Machtfülle schwindet somit rapide, ohne dass die Welt ihrer "Erlösung" auch nur nähergekommen wäre. Im Gegenteil: Mit dem Ende der unumschränkten US-Hegemonie, mit dem Zerfall der imperialistischen "Pax Americana", nimmt die globale Instabilität, nehmen Auseinandersetzungen und Chaos sogar noch zu (der Amerika-Hasser kann dahinter selbstverständlich nur das finstere verdeckte Wirken Washingtons sehen).

Die tatsächlich oftmals von den USA ausgehenden Krisentendenzen und sonstigen Verwerfungen resultieren nicht aus einer - wie auch immer konkret halluzinierten - inneren Verfasstheit der Vereinigten Staaten, sondern aus deren Stellung im kapitalistischen Weltsystem. Die USA sind einerseits die - im Abstieg begriffene - Hegemonialmacht des kapitalistischen Weltsystems: Sie profitieren von dieser Stellung am meisten, etwa durch den Dollar als Weltgeld, aber sie müssen auch die Hegemonialkosten in Form des "Weltpolizisten" tragen, der die kapitalistische Ordnung notfalls mit militärischer Gewalt durchzusetzen hat. Die "unsichtbare Hand" des Marktes bedarf vor allem in Krisenzeiten immer wieder der eisernen Faust militärischer Intervention oder autoritärer polizeistaatlicher Disziplinierung.

Die Rolle der jeweiligen Hegemonialmächte im kapitalistischen Weltsystem

Das ist aber nun wahrlich keine neuartige Konstellation, sondern integraler Bestandteil des kapitalistischen Weltsystems. Seit seiner Entstehung im 15. Jahrhundert ist das kapitalistische Weltsystem durch einen Mehrwertabfluss von der Peripherie ins Zentrum und hier insbesondere zu den Hegemonialmächten charakterisiert: Von den Goldraubzügen Lateinamerikas über die Plantagen- und Sklavenwirtschaft der frühen Neuzeit, die britische Auspressung Indiens und die Opiumkriege gegen China bis zu dem gegenwärtigen Rohstoffimperialismus verlaufen die Metamorphosen dieser globalen Unterwerfungs- und Ausbeutungsstruktur. Bei deren konkreter Ausprägung spielten die jeweiligen Hegemonialmächte eine zentrale Rolle.

Im Verlauf der Expansion des kapitalistischen Weltsystems treten sogenannte Hegemonialzyklen auf, bei denen eine bestimmte Macht eine dominierende Stellung innerhalb des Systems erringt. Nach einer gewissen Periode geht diese Macht in den imperialen Abstieg über und wird von einem neuen Hegemon abgelöst. Im Folgenden soll die von dem Sozialwissenschaftler Giovanni Arrighi ausgearbeitete Periodisierung und Lokalisierung dieser Zyklen wiedergegeben werden, der vier solcher - von ihm als "systemische Zyklen der Akkumulation" bezeichneten - Hegemonialzyklen identifizierte: "Einen genuesisch-iberischen Zyklus, der die Spanne vom 15. bis ins frühe 17. Jahrhundert abdeckte; einen holländischen Zyklus vom späten 16. bis ins späte 18. Jahrhundert; einen britischen Zyklus von der Mitte des 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert und einen US-amerikanischen Zyklus vom späten 19. Jahrhundert bis zur letzten finanziellen Expansion," die ja spätestens in den 80ern des 20. Jahrhunderts einsetzte. 1

Alle Hegemonialmächte haben auf dem Zenit ihrer Machtentfaltung unvorstellbare Massenverbrechen begangen: Erinnert sei nur an die Auslöschung eines Großteils der Ureinwohner Lateinamerikas im 16. Jahrhundert durch die Spanier oder an den spätviktorianischen Holocaust (David Harvey), den Großbritannien im okkupierten und gnadenlos ausgeplünderten Indien an Millionen von Menschen durch gezielte Hungerpolitik beging. Und gerade hierzulande sollte die Erinnerung an den deutschen Griff nach der Welthegemonie, dem rund 60 Millionen Menschen zum Opfer fielen, noch nicht ganz verblasst sein.

Der permanente Massenmord, den das kapitalistische Weltsystem seit seiner Entstehung betreibt, bildet somit eine Konstante dieser Gesellschaftsformation, die aber von wechselnden Hegemonialmächten konkret exekutiert wird. Dieser bluttriefende, seit einem halben Jahrtausend fortdauernde Status quo gründet in der bipolaren inneren Struktur des kapitalistischen Weltsystems: Den einen Pol bildet das Kapital, mit einem uferlosen drang das immer neuer Selbstverwertung, den zweiten Pol der Staat, der diesen Expansionstrieb immer wieder militärisch nachzuhelfen trachtet.

Die USA nehmen auf globaler Ebene eine machtpolitische Position ein, die es immer im Kapitalismus gegeben hat: die der Hegemonialmacht. Der heutige "linke" Antiamerikanismus hält hingegen die USA für den letzten Urgrund der - krisenbedingt eskalierenden! - Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaftsweise, wodurch die systemischen Ursachen der zunehmenden globalen Instabilität und der polizeistaatlichen Tendenzen ausgeblendet werden. Zugleich befördert der Antiamerikanismus verhängnisvolle Solidaritätsreflexe, bei denen die Gegenspieler der USA (von Saddam Hussein bis Gaddafi) zu fortschrittlichen oder gar emanzipatorischen Kräften ideologisiert werden, was ja innerhalb der antiamerikanischen Binnenlogik stimmig ist: Wenn die USA der Urgrund allen Übles sind, dann müssen deren Gegenspieler ja notwendig die Seite des Guten und Wahren repräsentieren.

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