Anatomie der Familienauslöscher

27.10.2013

Britische Kriminologen haben versucht, Männer, die ihre Familie und meist auch sich selbst töten, als eigenständigen Mördertypus zu charakterisieren

Amokläufer, Serienmörder, Selbstmordattentäter oder so genannte Ehrenmörder ticken sehr unterschiedlich, Väter, die ihre Familie töten und meist auch sich selbst, kommen hingegen aus der Mitte der Gesellschaft und sind bislang als eigenständige Kategorie von Mördern nicht wirklich untersucht worden. Sie werden gerne, aber fälschlicherweise als Amokläufer oder Massen- bzw. Serienmörder bezeichnet oder als Menschen, die nach dem Töten der Familie einen Schusswechsel mit der Polizei provozieren, um selbst dabei umzukommen. Das sagen Kriminologen der Birmingham City University, die erstmals eine Studie über britische Familienauslöscher (family annihilators) zwischen 1980 und 2012 vorgelegt und neben gemeinsamen Merkmalen vier unterschiedliche Typen gefunden haben.

Familienauslöscher (family annihilators) sind meist männlich. Von den 71 Mördern, die die Wissenschaftler in ihrer Studie , die im Howard Journal of Criminal Justice erschienen ist, untersucht haben, waren 59 Männer. Die 12 Frauen wurden allerdings nicht einbezogen. Das ist bedauerlich, weil dies den Blick trüben könnte. Als Quelle für die Hintergründe dienten den Wissenschaftler oft Medienberichte, weil die meisten keine kriminelle Karriere hatten und auch nicht psychisch erkrankt waren, es also keine offizielle Vorgeschichte gibt. Ebenso wie Amokläufer in den westlichen Gesellschaften und Selbstmordattentäter in den islamischen Kulturen mehr geworden sind, ist die Zahl der Familienauslöschungen angestiegen, die Hälfte fand allein nach 2000 statt. Die Wissenschaftler finden dies beunruhigend, allerdings liegen Zahlen aus anderen Ländern nicht vor.

Wochenenden scheinen für Familienmorde gefährlich zu sein, fast die Hälfte der Morde fand hier statt, besonders am Sonntag und meist Zuhause, vermutlich wenn sich das Zusammensein verdichtet hat. Allerdings reicht die gefährliche Zeit von Donnerstag bis Sonntag. Im August gab es mit 19 Prozent mach dem Juli - und dem Februar! - die meisten Morde. Wochenende und Ferien sind auch die Zeit, in denen geschiedene/getrennt lebende Männer damit konfrontiert sind, die Kinder wieder an die Frau abgeben zu müssen. Opfer wurden Kinder am meisten im Alter zwischen 2 und 7 Jahren, was darauf hindeuten könnte, dass Beziehungen strapaziert werden, wenn Kinder den Alltag verändern. Fast alle Kinder waren die leiblichen des Mörders, die Mutter wurde in der Hälfte der Fälle mitgetötet.

Über die Hälfte der Mörder (55%) war zwischen 30 und 40 Jahre alt, der älteste war 59 Jahre alt, nur 10 Prozent waren unter 30. Es braucht also Zeit, bis der Entschluss reift, Mann sich aber noch nicht abgefunden hat und die Kinder noch jung sind (unter 7 Jahre). 80 Prozent haben versucht, sich nach der Tat selbst zu töten. Über 70 Prozent der Täter waren angestellt und hatten oft gut bezahlte Jobs, sie waren also keineswegs gescheitert oder karrieremäßig frustriert. Die meisten wollten mit ihrer Tat die ganze Familie und sich selbst auslöschen, es handelt sich also um einen erweiterten Suizid. Zwei Drittel begingen meist sofort nach der Tat Selbstmord, 13 Prozent versuchten dies, scheiterten aber, nur 18 Prozent hatten keinen Selbstmord(versuch) begangen.

Finanzielle Probleme waren für die Mördermänner denn auch nur das zweithäufigste Motiv, in zwei Drittel der Fälle ging dem Mord das Auseinanderfallen der Familie voraus, wozu auch der Zugang zu den Kindern gehört. Die Wissenschaftler wollen trotz der wenigen Fälle vier Tätertypen unterscheiden. Da gibt es den Selbstgerechten, der meint, die Frau sei am Zerbrechen der Familie schuld. Für sie sei der Status desjenigen, der das Geld für die Familie verdient, wichtig. Insgesamt würden sie der Vorstellung einer "idealen" Familie anhängen, das Scheitern der Familie oder die Selbständigkeit der Frau würden hier eine Herausforderung für die Männlichkeit darstellen, da der Mann nicht mehr die Familie kontrollieren kann. Fast 60 Prozent würden unter diese Kategorie fallen.

Dann gibt es den Enttäuschten, der glaubt, dass seine Familie sein Ideal eines Familienlebens zerstört. Da brauchen die Kinder nur mal nicht den religiösen oder kulturellen Orientierungen des Vaters zu folgen. Oder den Paranoiden, der von einer äußeren Bedrohung der Familie ausgeht und fürchtet, dass etwa Behörden sich gegen ihn stellen und ihm seine Kinder wegnehmen. Am wenigsten verständlich ist der Typus, der die Familie mit seinem wirtschaftlichen Erfolg verbindet. Wenn der einbricht, sinkt auch der Wert der Familie.

In allen Fällen, so die Wissenschaftler, würden die Männlichkeit und die Vorstellung von Macht bzw. der Kontrolle über die Familie ausschlaggebend für die Männer sein. Diese würden versuchen, durch den Mord ihre männliche Rolle wiederherzustellen, wenn alle anderen Versuche gescheitert sind. Genau bei dieser Interpretation wäre die Betrachtung der Mörderfrauen interessant geworden, schließlich dürften sie kaum aus männlichen Motiven heraus handeln. Die Frauen als Täter nicht berücksichtigt zu haben, könnte die Wissenschaftler verleitet haben, eine einseitige Interpretation zu favorisieren.

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