"In einer Utopie der Idioten sehe ich die größte Gefährdung für die kapitalistische Maschinerie"

Hans-Christian Dany über die Wurzeln der sich selbst kontrollierenden Gesellschaft in der Kybernetik

Anfang der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts tauchte ein Forschungsansatz auf, der das wissenschaftliche Denken nachhaltig verändern sollte: die Kybernetik. Angelehnt an den griechischen Begriff des "Steuermann" beschäftigte sich die neue Disziplin mit der Regelung von Maschinen, Organismen und Organisationen. Die Grundannahme: Alles ist ein System und funktioniert nach den Prinzipien von Rückkopplung, Selbstregulation und Gleichgewichtserhaltung. Das oft genannte Beispiel eines kybernetischen Systems ist der Thermostat. Dieser vergleicht den Istwert der Raumtemperatur mit dem Sollwert, der als gewünschte Temperatur eingestellt wurde. Der Temperaturunterschied führt den Thermostaten in einen Regelkreis, bei dem Ist- und Sollwert ständig angeglichen werden. Ahnherr der Disziplin ist Norbert Wiener, ein US-amerikanischer Mathematiker, der über die Analyse von automatischer Zielerfassung von Militärflugzeugen zum Begriff der Kybernetik kam. Die Kybernetik befruchtete zahlreiche andere Domänen, ihre Ideen und Begriffe flossen in Management- und Therapieschulen, Erkenntnistheorien und die soziologische Systemtheorie ein.

Hans-Christian Dany. BIld: Lily Wittenburg

Der Hamburger Autor Hans-Christian Dany hat die Geschichte der Kybernetik in seinem Buch Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft neu erforscht und sieht eine starke Verbindung zwischen dem Modell selbstregulierender Systeme und der heutigen, auf ständige Selbstoptimierung ausgerichteten Gesellschaft. Mehr noch, seine These ist, dass die Kybernetik ein ideologischer Grundstein des aktuellen, informationstechnischen Kommunikations-Panoptikums ist, in dem jeder nun Beobachter aller anderen und ein von allen anderen Beobachteter ist. Demnach wären wir in eine kybernetische Kontrollmaschine eingeschlossen, die jedwedes zivilgesellschaftliches Engagement als funktionale Störung integriert und die durch die Forderungen nach Transparenz noch stabilisiert wird.

Die Kybernetik gilt als theoretische Grundlage für technische Regelkreisläufe, wie beispielsweise Thermostaten. Durch was bist Du auf den Zusammenhang zwischen kybernetischer Wissenschaft und einer sich selbst optimierenden und kontrollierenden Gesellschaft gestoßen?

Hans-Christian Dany: Hellhörig wurde ich zuerst du das immer öfter auftauchende Wort "Feedback". Was ich früher aus der Musik kannte, tauchte verstärkt auf, als mein Sohn in den Kindergarten kam. Die Pädagogen baten immer um Rückmeldung. Zugleich wurden im Internet die Mechanismen etabliert, in denen sich Käufer, Verkäufer und Dienstleister gegenseitig bewerten. Im beruflichen Bereich musste ich als Lehrbeauftragter im Rahmen des Bologna-Prozess Evaluationsbögen an meine Studenten austeilen. Das löste eine gewisse Spannung aus: Ich bewerte sie durch meine Noten, sie mich durch das Feedback. Wir formalisierten unsere gegenseitige Beobachtung zu einer Observationssituation. Einerseits ganz gut, denn es half, mich als Lehrenden zu optimieren, andererseits war klar, dass wir uns von nun an in einer polizeilichen Überwachsituation bewegten und aktiv daran mitarbeiten.

Regelkreisläufe tauchen in der Natur und überall auf. Führen sie automatisch zu Überwachungssituationen?

Hans-Christian Dany: Nein, Regelkreisläufe können durchaus positiv sein. Sie wenden sich im Sozialen schnell zu einer Form der gegenseitigen Kontrolle. Eingeführt werden sie meist durch Konsumverhältnisse, sind aber auch in pädagogischen und universitären Bereich mit einer ökonomischen Sprache verbunden. Als Lehrender bin ich die Stelle, an der der Student oder die Studentin Credit Points erhält. Sehr früh kommt von den Studenten die Frage: "Was wollen sie von uns?" Die Euphorie des Lernens geht verloren, man erfüllt Erwartungen.

Der Kontrollkreis wurde geschlossen.

Hans-Christian Dany: Und genauso beginne ich jemanden durch schlechte Bewertungen im Internet vom Markt auszuschließen - mein wertender Blick wird zur Bedrohung. Kurzum: Die kybernetischen Regelkreise sind nicht losgelöst von der Ökonomie zu sehen. Deswegen sind die positiven Erwartungen, die es an die Kybernetik einmal gegeben hat, wie beispielsweise , dass sie helfen kann, eine freiere, basisdemokratischere Gesellschaft zu formen, nicht erfüllt worden. Die Aneignung durch das kapitalistische System verschließt alle Potentiale.

Ist das bei der Piratenpartei mit ihrem "Liquid Feedback" anders?

Hans-Christian Dany: Die Piratenpartei betreibt keine Wendung der Perspektive, sondern will durch diese Feedback-Methoden einen besseren Kapitalismus ermöglichen.

Aus dieser Logik heraus wäre die Arbeit von autonomen Gruppen und Graswurzelbewegungen obsolet, weil sie dem System zuarbeiten und als Störung integriert werden.

Hans-Christian Dany: Weil die kybernetisch-kapitalistische Regulationsmaschine so groß und so stabil geworden ist, hat sie viele anders ausgerichtete Aktivitäten vereinnahmt. Ich würde nicht sagen, dass sie alle vereinnahmt hat und es geht darum, ein Außerhalb herzustellen. Ich glaube durchaus, dass Selbstorganisation noch möglich ist, aber es gibt genug Beispiele für kommunikativ repräsentierende Selbstorganisation, die wie ein Exempel des Freiraums im Sinne einer funktionalen Störung wirkt. Die kybernetische Maschine braucht funktionale Störungen, die sie integrieren kann, um am Leben zu bleiben. Wenn sie nur innerhalb ihres geschlossenen Kreislauf agiert, kommt es zur Ermüdung.

Neue Generation von Kapitalisten, die sich gegen die engen Kontrollkreisläufe wehren

Ist die mangelnde Innovationskraft der letzten Jahrzehnte ein Zeichen solcher Ermüdung?

Hans-Christian Dany: Regelkreislaufsysteme tendieren zur Ermüdung und zum späteren Wärmetod, sie müssen sich offen halten für Einflüsse. Seit drei Jahrzehnten hat das ökonomische System aber die Tendenz zur Kontrolle, verstanden im Sinne der gegenseitigen Kontrolle der Teilnehmer. Das führt zu Innovationsmangel. Um die geschlossen Kreisläufe zu beleben, versuchen systemtheoretisch geprägte Manager sie durch Störungen zu öffnen und beleben. Bei diesen Störungen handelt es sich oft um durch Umdeutungen vereinnahmte Widerstände.

Welche vereinnahmten Störungen meinst Du genau?

Hans-Christian Dany: Wenn man betrachtet, wie die Aufstände der letzten Zeit beispielsweise in Brasilien oder der Türkei von Wirtschaftsmagazinen gefeiert werden, dann ahnt man, wo die Hoffnungen des Managementtheorie liegen. Die Magazine sehen dort eine neue Generation von Kapitalisten heranwachsen, die sich gegen die engen Kontrollkreisläufe wehren. Das sind Formen der Protests, die im hohen Maße lesbar sind und daher gut integriert werden können. Demnach kämpfen in der Türkei die Modernisierer gegen die Konservativen, die Korrupten oder den zu starken Islam und in Brasilien die Mittelschicht gegen die alten Eliten. In den Bewegungen selbst mag es sehr viel vielschichtiger sein, aber die Interpretation ist eindeutig. Andere Formen des Widerstands, die sich gegen die engen Kontrollkreisläufe wehren, um sie für überlebensnotwendige Innovation zu öffnen, sind gefährlicher.

Du spielst auf die Aufstände in London und den Pariser Banlieus an, die von den Medien als blindwütiger Mob interpretiert wurden.

Hans-Christian Dany: Diese Bewegungen sind viel weniger eindeutig und agieren aus einer starken Negativität. Die Verweigerung des Sprechens und der Forderung nach sozialer Mobilität fand ich interessant. Das massenhafte Anzünden von Autos in Paris als Verweigerung des Bewegungsgedankens bringt zum Ausdruck: "Wir bleiben hier." Das bleibt natürlich irrational und ist nicht genau greifbar. "Wir wollen nicht mehr arm sein, aber wir zerstören auch das klein bisschen Reichtum, das ihr uns anbietet", ist noch so ein irrationales Bild, das hängen geblieben ist. In London deutet die Plünderung auf ein komplettes Ja zum Kapitalismus hin, gleichzeitig wird das Zeug verbrannt: ein Oszillieren zwischen Negation und Affirmation. Das sind Figuren, die sich zu Störungen auswachsen und Felder des Undurchsichtigen erzeugen können.

Proteste sind Meldungen, dass etwas reguliert werde muss

Spielt es eine Rolle, was die Akteure sich dabei denken?

Hans-Christian Dany: Im Gegenteil: Es kann eher etwas zu Störung werden, das keine Intention hat. Denn dann laufen die Sensoren ins Leere.

In Hamburg diskutiert man seit einigen Jahren unter dem Titel "Recht auf Stadt" die städtische Umstrukturierung und kämpft gegen steigende Mieten. Auch da haben Du und andere dem Aktionsbündnis vorgeworfen, dem System nur Frischluft zuzufächeln und Reparaturdienstleister zu sein. Das führte verständlicherweise zu Widerspruch bei den Beteiligten und zu Frust bei jedem Sozialarbeiter.

Hans-Christian Dany: Es gab damals eine große Aufmerksamkeit für politische Bewegungen, die als widerständische Form auftraten. Die Besetzung des Gängeviertels und die Recht-auf-Stadt-Initiative waren zwei Akteure. Die Bewegung "Not in Our Name", in der sich vor allem Künstler- und Kulturschaffende engagiert haben, wollte sich nicht vom Stadtmarketing vereinnahmen lassen. Ich sage nicht, dass man sein Bemühen, gut miteinander umzugehen, einstellen oder gar aufhören sollte, ethisch zu handeln. Damals ging es aber um sehr symbolisches Auftreten, denn das Manifest kam rotzig daher, schmiegte sich aber gleichzeitig an den Tonfall einer postdemokratischen Medialität. Daher wurde es begeistert aufgegriffen und es kam zu einer Debatte im Senat. Es benötigte jemanden, der diese Fragen damals so aufwarf. Das Gängeviertel hätte von der Stadt Hamburg erfunden werden müssen, wenn es denn nicht selbstorganisiert entstanden wäre. Es tauchte eine neue Ästhetik für Hausbesetzer auf, es gab einen Plan, wie man sich durch das Viertel bewegen kann, es gab einen unheimlich intensiven Kontakt zur Springer-Presse. Heute ist das Gängeviertel ein hoch subventioniertes städtisches Projekt. Das sind sich wiederholende Strukturen, der ewige Runde Tisch, die im Grunde nur eine Entsorgung der gesellschaftlichen Probleme auf einer symbolischen Ebene betreiben.

Die herrschende Ordnung lässt immer nur die Information beziehungsweise Störung zu, die für sie noch erträglich ist?

Hans-Christian Dany: Man dämmt die Mietpreise etwas ein, weil der Markt sonst auch völlig überhitzt. Die politisiert-widerständischen Initiativen dienen als Sensoren der kybernetischen Maschine und sondieren das Gelände. Es gibt einen Slogan dieser Initiativen, der lautet: "Stell dir vor, die Wünsche gehen auf die Straße." Das war mal eine Vorstellung, wie ein Aufstand aussieht. Wenn heute die Wünsche ans Licht gehen, dann ist das nur die Meldung: Hier muss was reguliert werden. Dabei könnte es darum gehen, die Störung im Dunklen zu halten, damit sie anschwillt und zur Explosion kommt.

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