Gehirndoping und die süchtige Arbeitsgesellschaft

23.08.2013

Die AOK berichtet neue Zahlen zum Tabak-, Alkohol- und Medikamentenkonsum Erwerbstätiger

Eine neue Befragung unter gesetzlich versicherten Erwerbstätigen hat ergeben, dass etwa ein Drittel regelmäßig oder gelegentlich raucht, etwa fünf Prozent regelmäßig Alkohol trinken und ebenso viele innerhalb eines Jahres schon einmal Medikamente zur Steigerung der Arbeitsleistung genommen haben. Nach Sprechern der Krankenkasse verursacht dies durch direkte und indirekte Folgen von Sucht jährliche Kosten im Milliardenbereich. In einem anschließenden Kommentar wird diskutiert, ob diese Entwicklung auf Stress in der Studier- und Arbeitswelt zurückzuführen ist.

Der Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) lässt über sein eigenes wissenschaftliches Institut WIdO seit 1999 den Fehlzeiten-Report anfertigen. Ziel des Reports ist es, Trends bei der Entwicklung der Fehlzeiten am Arbeitsplatz aufzuzeigen und die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Zur Aufklärung sowie zur Prävention bietet die AOK betriebliche Gesundheitsseminare und Weiterbildungsangebote für Präventionskräfte an. Der gestern in Berlin vorgestellte Fehlzeiten-Report 2013: "Verdammt zum Erfolg - die süchtige Arbeitsgesellschaft?" stand unter dem Zeichen von Sucht und Leistungsdruck.

Hohe volkswirtschaftliche Kosten

Der Studie zufolge gab es unter AOK-Versicherten im Jahr 2012 2,42 Millionen Fehltage durch die Einnahme von Suchtmitteln. Dies sei, gegenüber dem Stand von 2002, ein Anstieg um rund 17%. Allein auf psychische Störungen und Verhaltensstörungen durch Alkohol seien 2012 über eine Million Arbeitsunfähigkeitstage entfallen.

Uwe Deh, geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbandes, machte anhand der folgenden Kostenschätzungen die volkswirtschaftliche Bedeutung dieser Zahlen deutlich: Hochgerechnet auf alle gesetzlich versicherten Erwerbstätigen hätte der Verlust von Arbeitsproduktivität damit über das Jahr hinweg 1,3 Milliarden Euro betragen. Tatsächlich sei aber aufgrund der Dunkelziffer von noch höheren Kosten auszugehen. Insgesamt würden Alkohol- und Tabaksucht die deutsche Volkswirtschaft jährlich mit Kosten in Höhe von rund 60 Milliarden belasten. Einen besonders hohen Anteil daran hätten indirekte Kosten, zum Beispiel durch Arbeitsunfähigkeit oder Frühberentung.

Wer raucht, trinkt, dopt wie viel?

Zusätzlich zur Auswertung der Versichertendaten wurden für den Fehlzeiten-Report rund 2000 Erwerbstätige im Alter von 16 bis 65 Jahre zu ihrem Suchtverhalten befragt. Von ihnen gaben 32,8% an, regelmäßige oder gelegentliche Raucher zu sein. In der Woche vor der Befragung haben 5,3% der Befragten nach eigenen Angaben täglich Alkohol konsumiert. Dieser Alkoholkonsum sei bei Männern mit 8,9% beinahe viereinhalbmal so hoch wie bei den Frauen (2%). Unabhängig vom Geschlecht steige die Wahrscheinlichkeit des regelmäßigen Alkoholkonsums mit dem Bildungsstand; beim Tabakkonsum verhalte es sich genau umgekehrt, Menschen mit höherem Bildungsstand würden seltener rauchen.

Der Report bezog in der Befragung diesmal auch Medikamente wie beispielsweise Psychopharmaka oder Amphetamine zur Leistungssteigerung bei der Arbeit mit ein. Die Frage, in den letzten zwölf Monaten Medikamente zur Steigerung der Arbeitsleistung eingenommen zu haben, beantworteten 5% der Befragten mit "ja". Hier lag die Quote mit 6% tendenziell bei den Frauen höher als bei den Männern (4%). Besonders häufig gaben mit 8% aber die unter-dreißigjährigen Erwerbstätigen diesen Konsum zu. Bei den 50- bis 65-jährigen betrug dies 6%, bei den 30- bis 49-jährigen 3,7%.

Hoher Konsum bei Desillusionierten und übermäßig Arbeitsorientierten

Die Autorinnen und Autoren verwendeten ferner die in den Niederlanden entwickelte Dutch Work Addition Scale zur Messung von "Workaholismus" beziehungsweise Arbeitssucht, um die Befragten anhand der beiden Dimensionen Getriebenheit und Arbeitseifer in vier verschiedene Arbeitstypen zu unterscheiden: die Entspannten (56,6%), Enthusiastischen (28,5%), übermäßig Arbeitsorientierten (10,8%) und Desillusionierten (4,1%). Beim Tabak- und Alkoholkonsum unterschieden sich diese Gruppen leicht voneinander: Während von den Entspannten nur 30,4% regelmäßig oder gelegentlich rauchten und nur 5,1% regelmäßig Alkohol tranken, gaben dies bei den übermäßig Arbeitsorientierten 37,8% beziehungsweise 6,0% an.

Grafik: Fehlzeiten-Report 2013

Am deutlichsten waren die Unterschiede aber für die Frage nach der Einnahme von Medikamenten zur Steigerung der Arbeitsleistung: Von den Entspannten und Enthusiastischen bejahten dies nur 3,4% beziehungsweise 4,7%. Bei den Desillusionierten und übermäßig Arbeitsorientierten waren dies ganze 14,6% beziehungsweise 10,6%. Erwerbstätige dieser beiden Gruppen, die gemäß der Klassifikation über eine starke Getriebenheit verfügen, sich jedoch durch ihren Arbeitseifer (deillusioniert: niedrig; übermäßig arbeitsorientiert: hoch) unterscheiden, konsumieren gemäß diesen Zahlen also insgesamt mehr Medikamente, Alkohol und Tabak. Der AOK-Studie zufolge berichten sie aber auch deutlich häufiger über körperliche gesundheitliche Probleme und psychosomatische Beschwerden wie Erschöpfung, Nervosität oder Schlafstörungen.

Helmut Schröder, Herausgeber des Fehlzeiten-Reports 2013, setzt diese Ergebnisse zum sogenannten Neuroenhancement als Mittel der Selbstoptimierung in Bezug, das neuerdings in den Fokus der Suchtforscher gerate. Er warnt, dass ein Griff zu Drogen oder leistungssteigernden Mitteln zwar kurzfristig über Defizite oder persönliche Krisensituationen hinweghelfe, dabei jedoch häufig die Gefahr der Abhängigkeit unterschätzt werde. In der Arbeitswelt sieht er aber nicht nur den möglichen Anlass für das suchtgefährdende Verhalten, sondern auch die Chance zur Aufklärung und Reflexion psychischer Probleme und besondere Belastungen. Dementsprechend werde die AOK dieses Themengebiet weiterverfolgen.

Gehirndoping und die süchtige Arbeitsgesellschaft

Kommentar: Neuroenhancement und Leistungsdruck

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