Von Mexiko nach China und zurück: Der Niedriglohnsektor zieht weiter

28.08.2013

Nach den Lohnsteigerungen in den Fertigungszentren der chinesischen Küstenregion suchen zahlreiche Hersteller inzwischen neue Standorte mit niedrigeren Löhnen. Ist der chinesische Fertigungsboom schon zuende?

Vom Staubsauger über das Mobiltelefon bis zum Farbfernseher: Zuletzt sah es so aus, als kämen elektrische und elektronische Geräte nur noch aus der Volksrepublik China. Dabei ist die Geschichte der Fertigungsverlagerung in das aufstrebende Riesenreich erst vor einem Jahrzehnt so richtig in Fahrt gekommen. Als sich die USA nach dem 11. September 2001 mit aller Kraft auf ihre Homeland Security und die Krieg in Afghanistan und Irak stürzten, verschwand die heimische Fertigung ziviler Güter aus dem Fokus der Regierung.

Zwar gab es damals schon einige ausgelagerte Fertigungsstandorte in Mexiko, doch die gerieten gegenüber den preisaggressiven fernöstlichen Lohnfertigern schnell ins Hintertreffen. So lagen die Stundenlöhne in China 2002 bei 60 US-Cent gegenüber 2 US $ in Mexico. Die Transportkosten für die Seefracht aus China waren bei den steigenden Stückzahlen auch kein besonders großes Hemmnis, das von einer Fertigungsverlagerung nach Asien abhielt. Zudem boten chinesische Auftragsfertiger oft einen umfassenden Service, der den Auftraggebern viel Arbeit abnahm - allerdings übernahmen die Fertiger damit auch viel Know-how. Und so manches Band lief dann auch länger, als für die bestellte Auftragsfertigung benötigt. Der Überschuss wurde auf unterschiedlichsten Wegen vermarktet. Zudem wanderte so mancher Mitarbeiter samt Fertigungsunterlagen zum nächsten Arbeitgeber oder machte sich gleich als Wettbewerber selbständig. Dazu kamen gerade bei Markenprodukten noch Komplettfälschungen in minderwertiger Qualität.

Für Außenstehende war vielfach nicht erkenntlich, wer wirklich produzierte und wer faktisch nur als Handelsagentur tätig war. Versuchte der Auftraggeber an der Preisschraube nach unten zu drehen, reduzierte der Fertiger die Qualität oder verlagerte Teile der Produktion auf einen noch billigeren Zulieferer. Gleichzeitig stiegen die Löhne, was nicht zuletzt einem von der Regierung geförderten gestiegenen Arbeitsplatzangebot im chinesischen Hinterland geschuldet war. Zum Ausgleich der durch die gestiegenen Kosten und den Preisdruck der Auftraggeber drastisch gesunkenen Margen der Auftragsfertiger steigerten diese die Mindestabnahmemengen im Laufe der Zeit in Größenordnungen, die für viele Auftraggeber nicht mehr geordnet abzusetzen waren. Verramschte Overstocks waren die Folge und sinkende Preis erfreuten nur die Schnäppchenjäger.

Lohnkostensteigerung in China

Während sich in Mexiko die durchschnittlichen Stundenlöhne im vergangenen Jahrzehnt nur von 2 auf 2,5 US $ erhöhten, stiegen sie im Osten Chinas in der gleichen Zeit auf 2,4 US $. Mit den gestiegenen Löhnen schwand der Kostenvorteil der chinesischen Produktion wie der Schnee in der Sonne. Japanische Hersteller suchten neue Fertigungsstandorte in Südostasien und erobern derzeit nach Thailand und Malaysia die Länder Kambodscha und Laos.

Bei den US-amerikanischen Auftraggebern begann eine Rückbesinnung auf die vor zehn Jahren fluchtartig verlassenen Standorte in Mittelamerika. Mit dem Erreichen weitgehender Lohnkostenparität traten andere Standortbedingungen wieder stärker in der Vordergrund. Jetzt erhält einerseits das schon 1994 abgeschlossene Freihandelsabkommen NAFTA (North American Free Trade Agreement) mehr Gewicht, andererseits die schnelle Erreichbarkeit und die einfachere sprachliche Verständigung.

Im Gegensatz zum chinesischen Yuan bietet der mexikanische Peso für die amerikanischen Auftraggeber den Vorteil, dass er bei steigenden Löhnen in Mexico gegenüber dem US $ abwerten kann, sodass sich eventuelle mexikanische Lohnsteigerungen für die US-Auftraggeber weniger drastisch auswirken. Da viele Fertiger Vorkasse bei Auftragserteilung fordern, reduzieren sich aufgrund der verkürzten Transportwege aus Mexico in die USA auch die Kosten für die Finanzierung. Das in Mexiko noch fehlende Fertigungs-Know-how hofft man aufgrund der räumlichen Nähe zu den USA leicht und schnell mit aus den USA eingeflogenen Trainern aufholen zu können.

Die Auftragsfertiger wandern mit

Verwöhnt vom Rundum-Service der chinesischen Produzenten werden die Rückkehrer mit hoher Wahrscheinlichkeit keine eigenen Produktionsstätten in Mexiko aufbauen, sondern sich wieder der Auftragsfertiger bedienen, die schon in Fernost das Handwerk übernommen hatten. Und so sind heute schon üblichen Verdächtigen in Mexiko ansässig: Der aus den USA stammende und heute in Singapur angesiedelte Auftragsfertiger Flextronics oder der in der Öffentlichkeit weniger bekannte US-amerikanische Fertiger Jabil haben sich ebenso in Mexiko niedergelassen wie der taiwanesische Auftragsfertiger Hon Hai, der in der Öffentlichkeit meist unter dem Namen Foxconn als Auftragsfertiger für Apple wahrgenommen wird.

Das Fertigungs-Know-how ist (vor Allem im Bereich der Consumer Electronics) inzwischen in so großem Umfang bei den Auftragsfertigern angesiedelt, dass die Auftraggeber offensichtlich kaum mehr in der Lage sind, eine eigene Produktion aufzubauen. So griff auch Apple nach der Entscheidung, einen Teil der Fertigung wieder in die USA zu holen, auf die US-amerikanischen Werke der taiwanesischen Fertiger Quanta und Foxconn zurück. Bislang haben praktisch alle großen OEM- (original equipment manufacturer) und ODM- (original design manufacturer) mit neuen Standorten in Mexiko reagiert. Hon Hai hat jedoch kürzlich angekündigt, dass man mit Hilfe eigener Fertigungsroboter in China die Produktionskosten wieder senken will. Die Wanderungsbewegung dürfte weitergehen. Die Produktionsverlagerungen nach Mexiko betreffen derzeit schwerpunktmäßig Produkte, die für den US-Markt bestimmt sind. Für Europa ist China derzeit noch näher. Mit dem derzeit geheim verhandelten Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU könnte sich dies jedoch handelsrechtlich ändern.

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