Geld stärkt das Gemeinschaftsgefühl

29.08.2013

Beim Geld endet die Freundschaft, Geld regiert die Welt, Geld verdirbt den Charakter – Kies, Mammon, Knete haben keinen guten Ruf. Tatsächlich macht Geld in größeren Gruppen Kooperation erst möglich.

Geld entstand, als der direkte Tauschhandel zwischen zwei Menschen zur Versorgung einer wachsenden Gesellschaft nicht mehr genügte. Statt zwei Waren gleichen Wertes gegeneinander zu tauschen, setzte man eine mehr oder weniger universelle Mittel-Ware ein. Das waren nicht von Anfang an Edelmetalle oder gar Papiergeld (das es seit etwa 1000 Jahren gibt): In Mikronesien etwa fungierten bis zu vier Meter große Steinscheiben als Geld, anderswo Muscheln, Schneckengehäuse, Pelze oder Nutztiere.

Es dürfte viele Ursachen dafür geben, dass Geld heute keinen guten Ruf mehr hat. Dazu gehört wohl sein längst virtueller Charakter, der keine Wertbeständigkeit mehr garantiert. Neid trägt sicher ebenso seinen Teil dazu bei – ebenso aber das teils skurrile Benehmen von Menschen mit viel Geld. Es gibt sogar Belege dafür, dass Reichtum sich negativ auf die soziale Kompetenz auswirkt – Menschen mit einem höheren gesellschaftlichen Status zeigen demnach weniger Mitgefühl.

Geld heute: Wertbeständigkeit nicht garantiert.

Tatsächlich würde die Wirtschaft ohne Geld jedoch nicht funktionieren. Eine Rückkehr zum Tauschhandel ist nicht möglich. In den Veröffentlichungen der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS) zeigen Forscher jetzt, dass Geld zudem eine wichtige Funktion bei der Vermittlung von Kooperation hat. Dazu haben sich die Ökonomen ein Spiel ausgedacht, das die Funktionsweise unserer Gesellschaft nachahmt. Die Spieler, die sich nicht kannten, wurden in Gruppen mit fester Mitgliederzahl eingeteilt.

In jeder Runde wählten die Forscher zufällig zwei Spieler aus, denen unterschiedliche Rollen zugewiesen wurden – Geber und Nehmer. Der Geber konnte entscheiden, ob er dem Nehmer helfen wollte oder nicht. Die Hilfe kostet den Geber etwas, bringt dem Nehmer aber mehr, sodass sich in der Gruppe insgesamt ein Plus ergibt – für den Geber allerdings ein Minus. Da bei der nächsten Runde die Rollen gewechselt wurden, konnte der Geber darauf hoffen, dass ihm als Nehmer ebenfalls geholfen werde – eine Garantie gab es aber nicht, zumal die Spieler anonym blieben. Das Ergebnis: Je größer die Gruppe wurde, desto geringer kooperierten die Spieler untereinander. Das Eigenwohl überwog immer stärker das Vertrauen darin, dass ein Fremder kooperiert.

Nun führten die Forscher allerdings eine neue Komponente ein: an sich wertlose Tokens, eine Art Währung also. Jeder Nehmer bekam in der allerersten Runde zwei dieser Geldstücke. Mit diesen Tokens konnten sich die Nehmer nun Hilfe vom Geber erkaufen. Der Geber hatte zwar dieselben Kosten wie zuvor, besaß danach aber ein Token, mit dem er sich später in der Nehmer-Rolle ebenfalls Hilfe sichern konnte. Die Tokens fungierten, obwohl ohne eigenen Wert, damit als eine Art Schmiermittel, das das Vertrauen innerhalb der Gruppe erhöhte.

Spielgruppen, die mit diesen Tokens arbeiteten, erzielten im Experiment denn auch signifikant bessere Ergebnisse als zuvor. Dabei war die Kooperationsrate nicht mehr von der Größe der Gruppe abhängig. In großen, mit Tokens arbeitenden Gruppen erfolgte doppelt so oft Zusammenarbeit wie im Fall ohne Tokens. Allerdings änderte sich auch das Verhalten der Spieler: Plötzlich half fast niemand mehr freiwillig – Hilfe gab es nur noch gegen Geld.

Gleichzeitig zeigte sich jedoch auch, dass das alte Sprichwort "Beim Geld hört die Freundschaft auf" einen wahren Kern hat: In Zweiergruppen, der kleinsten Gruppengröße, verringerten Tokens die Wahrscheinlichkeit einer Kooperation. Die Forscher interpretieren die Rolle von Geld denn auch als eine Art von Vertrauens-Vermittler. In kleinen Gruppen wird er nicht gebraucht, in größeren ist er unumgänglich.

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