Psychoanalyse und Todestrieb

08.09.2013

"Der Fall Wilhelm Reich" Teil 2

Freud sah in Reich seinen begabtesten Schüler, der Libidotheorie, Sexualwissenschaft und den Begriff der psychischen Gesundheit entfaltete. Selbst für orthodoxe Freudianer bleibt Reichs "Charakteranalyse" ein Basiswerk ihrer Lehre. Reich verwissenschaftlichte die psychoanalytische Behandlungstechnik und formulierte Grundlagen psychotherapeutischer Methoden überhaupt. Viele seiner Ideen wurden nach seiner Ausschließung aus den Zirkeln der Psychoanalyse von anderen Analytikern übernommen - fast immer ohne auf ihren verfemten Urheber hinzuweisen.

Teil 1: Reich, die CIA und MKULTRA

Die erste Szene von Svobodas Film "Der Fall Wilhelm Reich" zeigt den jungen Protagonisten 1925 in Wien vor einer Versammlung von Psychoanalytikern. Er hält einen Vortrag über Sexualität und Wahrheit in der Therapie. Als er das Thema des Orgasmus anschneidet, erhebt sich Protest in der Versammlung, die schon zuvor Anzeichen von Ablehnung und Empörung zeigte - immerhin hört Freud selbst weiter interessiert zu.

Die Gesellschaft muß sich im Widerstand gegen uns befinden, denn wir verhalten uns kritisch gegen sie; wir weisen ihr nach, daß sie an der Verursachung der Neurosen selbst einen großen Anteil hat.

Sigmund Freud 1910, zit.n. Peglau S.19

Leider begnügt sich Svoboda mit dieser knappen Andeutung der Auseinandersetzung Reichs mit den Freudianern und der Eindruck entsteht, die Psychoanalytiker wären ein Haufen puritanischer alter Trottel gewesen. Tatsächlich waren sie jedoch gewissermaßen eine Vorhut der sexuellen Aufklärung und ihr Gründervater Freud hatte selbst unter Anfeindungen zu leiden, weil er erstmals die Sexualität in den Mittelpunkt medizinischer und psychologischer Forschung gestellt hatte. Er sah im jungen Reich, der aus medizinischem Interesse an der Sexualität zur Psychoanalyse kam, einen würdigen Nachfolger dieser Bestrebungen und schickte dem erst 23-Jährigen schon 1920 erste Patienten zur Analyse (Cremerius S.143). Doch ein Jahrzehnt später intrigierte Freud selbst gegen seinen politisch unbequem gewordenen Lieblingsschüler Reich.

Sigmund Freud (1926). Bild: Ferdinand Schmutzer. Public Domain

Die Hintergründe der Intrige, die 1934 zum Ausschluss des führenden Linksfreudianers Wilhelm Reich aus den Psychoanalytischen Vereinigungen führten, schütteln bis heute die organisierte Psychoanalyse. 1991 musste Helmut Dahmer seinen Posten als Chefredakteur der Fachzeitschrift "Psyche" räumen, weil er ab 1983 versucht hatte, die NS-Jahre der Vereinsgeschichte aufzuarbeiten. Der Ausschluss Reichs war Teil einer Gleichschaltung der "Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft" mit dem Medizinbetrieb des NS-Staates, den Freud um des "Überlebens" seiner Schule willen mittrug. 1996 und 2002 sorgte die Publikation der Affäre Dahmer im Band Der 'Fall' Wilhelm Reich für Unruhe unter den Psychoanalytikern (Fallend/Nitzschke, Neues Vorwort 2002, S.13-24).

Analytikerstreit: Libido versus Todestrieb

Reichs Studien zum Orgasmus fielen in eine Phase der Abkehr Freuds von der früheren Libidotheorie, hin zur Theorie eines Todestriebs. Der Fokus wurde von der Unterdrückung des Sexualtriebs als Wurzel der Neurosen auf das Phänomen des "Widerstands" verschoben, den die Patienten einer Heilung durch den Psychoanalytiker entgegensetzen. Im "Widerstand" sah Freud nun die Manifestation eines Gegenspielers zur Libido, eben des Todestriebs. Entwickelt hatte Freud den Begriff auch unter dem Eindruck der Gemetzel des Ersten Weltkriegs, in dem sich die Europäer, die sich für den Gipfel menschlicher Zivilisation und Vernunft hielten, in ungeheurem Ausmaß gegenseitig abgeschlachtet hatten.

Reich lehnte die "Metaphysik des Todestriebs" ab, den Freud selbst als an Schopenhauer angelehnt bezeichnet hatte. "Widerstand" beruhte für Reich auf Angst vor der Aufgabe neurotischer Abwehrpanzer gegen sexuelle Impulse und er konzentrierte sich auf die physiologische Untersuchung der Libido. Dabei drang er tiefer in die Geheimnisse insbesondere der weiblichen Sexualität ein, als die Psychoanalyse es bis dahin gewagt hatte.

Für die Diagnose "gesundes Liebesleben" genügte aus freudianischer Sicht, dass ein ehelicher Verkehr bis zur Ejakulation vollzogen wurde - die Frage nach dem Orgasmus galt selbst Analytikern als zu obszön. Reich berichtet in der Filmszene bei Svoboda dem Auditorium von einer Patientin, die für sexuell gesund erklärt worden war, weil sie Sex mit vielen Männern hatte, obwohl sie keine Befriedigung dabei fand. Die Szene fängt geschickt nebenher auch die Eifersüchtelei der Freud-Jüngerschaft um den Ruhm gelungener Heilungen und um die Gunst des Meisters ein.

Der tägliche Umgang mit einer Theorie, die Triebbefreiung als Neurosetherapie verstand und die Aufhebung der restriktiven Gesellschaftsmoral zum Ziel hatte, wirkte auf ihr Leben zurück: Liebes- und Eifersuchtsexzesse, Affären mit Patientinnen, Liebestragödien, Geschwisterrivalität, Buhlen um die Gunst von Vater Freud, der sich immer aufs neue in unbewußte Übertragungen mit seinen Jüngern verstrickte, Mißgunst und Eifersucht waren alltäglich. Die Situation, daß immer einer beim anderen oder, wenn nicht selbst, so seine Ehefrau, auf der Couch lag, schaffte ein Klima, in dem Klatsch und Indiskretion mit entsprechenden Folgen blühten. Es war das Bühnenbild zu Freuds Inzesttheorie vor ödipalem Hintergrund.

So der Psychoanalytiker und Medizin-Professor J. Cremerius über die "Psychoanalytische Vereinigung" (S.168)

Doch Reich schockierte die in dieser Hinsicht unbedarften Analytiker nicht nur mit dem weiblichen Orgasmus, er untersuchte auch den der Männer. Wenn Neurosen aus dem unterdrückten Sexualtrieb resultieren, warum zeigen dann auch solche Menschen neurotische Symptome, die Orgasmen erleben? Reich differenzierte neurotisch verflachte Orgasmen von gesunder orgasmischer Potenz. Er fand Blockaden, die einen voll ausgeprägten Orgasmusreflex verhindern, in körperlichen Verspannungen, mit denen sich der Neurotiker gegen seine jeweiligen Ängste "panzert". Dieser Körper- bzw. Charakterpanzer ist bis heute Ansatzpunkt von psychologischen Körpertherapien wie der Bioenergetik, die den "Widerstand" der Neurotiker gegen ihre Heilung durch direkte Arbeit an Muskelverspannungen auflösen wollen.

Die psychoanalytische Technik

Die Psychoanalyse verdankt Reich eine Verwissenschaftlichung, die sie erst zu dem führte, was man heute unter Psychotherapie versteht. Im "Wiener technischen Seminar", wo Svoboda seinen Film 1925 beginnen lässt, wurde erstmals der Therapieprozess systematisch erforscht - treibende Kraft war der mit 28 Jahren sehr junge Nachwuchs-Analytiker Wilhelm Reich. Heute gehört es zum Standardverfahren, dass sich Psychotherapeuten in Gruppen treffen und gemeinsam die Erfahrungen analysieren, die sie mit ihren Patienten machen ("Supervision"). Damals war das Interesse der Analytikerzunft eher gering, Berühmtheiten wie Anna Freud oder Theodor Reik beteiligten sich gar nicht, berichtet Konitzer (S.22). Man begnügte sich lieber damit, gegen üppiges Honorar hinter verschlossenen Türen pikanten Beichten aus dem Traum-, Phantasie- und Sexualleben der betuchten Wiener Patientenschaft zu lauschen. Der postmoderne Macht- und Sexualtheoretiker Michel Foucault sollte sich später mit seinem Bonmot vom "profitablen Bettgeflüster" über die Psychoanalyse lustig machen.

Wilhelm Reich Mitte der 20er Jahre in Wien. Bild: Public Domain

In seinem Buch "Charakteranalyse" bemüht sich Reich, die im "technischen Seminar" gewonnenen Erkenntnisse zu systematisieren und verdichten. Er beginnt mit der Entdeckung der "Übertragung" von Gefühlen auf den Analytiker - "Übertragung" ist bis heute ein Schlüsselbegriff der Psychologie. Die mangelhaft befriedigte Libido des Neurotikers sucht nach Abfuhr und findet diese in Liebe, Angst oder Hass, die sich in der Behandlung auf den Therapeuten richten, so die "Charakteranalyse" (Reich 1933a S.24). Die Konzentration auf den Körper und insbesondere die Sexualität leitete Reich zu seiner Orgasmustheorie. Mit ihr führte Reich erstmals ein wissenschaftliches Kriterium für psychische Gesundheit ein - bis dahin hatten Psychoanalytiker ihre Patienten schlicht als "geheilt" betrachtet, wenn diese sagten, dass es ihnen besser ginge bzw. das zunächst behandelte Einzelsymptom gebessert war (Laska S.26).

Als Therapieziel definierte Reich die orgastische Potenz, die nicht mit einem leistungsbezogenen Penetrationsvermögen zu verwechseln sei (Geuter/Schrauth S.200): Vielmehr geht es dabei um vollständige "vegetative Hingabe" an unwillkürliche Muskelbewegung nebst kurzer Bewusstseinstrübung im Höhepunkt. Heutige Kritiker werfen Reich dabei eine biologistische Normierung der Sexualität vor (Hartmann/Zepf S.231), Anna Bergmann geht sogar soweit, diese mit der rassisch-eugenischen Normierung der Bevölkerung durch die Nazis zu vergleichen (Bergmann S.292). Solche Vorwürfe, die ähnlich aus marxistischer Sicht schon in den 70ern geübt wurden (Burian S.57), entsprechen heute unserem aufgeklärteren Bild vom Sexus, ob sie in Ausmaß und Schärfe eine zeitgeschichtlich faire Bewertung Reichs darstellen, muss bezweifelt werden.

Auch Reichs Zeitgenossen waren nicht uneingeschränkt begeistert von den Neuerungen des jungen Überfliegers. Altgediente Psychoanalytiker und selbst sein kongenialer Weggefährte Otto Fenichel, mit dem Reich sich später zerstritt, mühten sich, die Fortschritte kleinzureden. Solche Debatten waren jedoch nicht Reichs Sache und er entgegnete Fenichel, produktive Arbeit am Ausbau neuer Erkenntnisse sei besser als "Tüftelei darüber, was alles schon in Nebensätzen beim alten Freud steht" (zit.n. Fallend S.63).

Der orthodoxe Freudianer Charles Rycroft bemühte sich noch 1971, möglichst viel vom "frühen Reich" doch noch Sigmund Freud gutzuschreiben, möglichst viel vom "späten Reich" für Wahnsinn zu erklären. Aber selbst Rycroft gibt zu, dass Reich in seiner Charakteranalyse den "Encounter"-Faktor der Therapie entdeckte: Behandlungserfolge sind zentral auf die Beziehung Patient-Analytiker, auf Begegnung und Konfrontation zweier Menschen zurückzuführen, so Rycroft in seinem Buch "Reich" (S.28f.). Weiter lobt Rycroft Reichs physiologische Ansätze zur Erklärung der Neurosen, die plausibel machen, warum neurotische Strukturen aus der Kindheit auch beim Erwachsenen erhalten bleiben (Rycroft S.31); ferner sei Reichs einst absurd scheinende Kombination von Freud und Marx inzwischen Allgemeingut geworden (S.100).

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