Das Duell, die Kette, der Medienzirkus

02.09.2013

Politik sollte im Parlament stattfinden, im Colloseum ging es interessanter und unausgewogener zu

Auftritt Bundeskanzlerin. Angela Merkel steigt aus einem schwarzen Wagen und lächelt. Insignien der Macht, aber ohne Prunk. Protestantisch kühl. Irgendein dunkles Kostüm. Darunter etwas Helles. Kein auffallendes Dekolleté. Auftritt Peer Steinbrück. Zu Fuß, dynamische Schritte, hinter ihm ein Team. Dunkles Jackett, weißes, dezent gestreiftes Hemd, Krawatte in dezenten Farben. Ein volksnaher Politiker also, der gern in einem erfolgreichen Parteikollektiv arbeitet?

Screenshots von der Aufzeichnung des Duells

Warum tun sich Politiker das eigentlich an - ein Fernsehduell? Jeder, der Medienwissenschaft im ersten Semester studiert, weiß, dass Medien keine Meinungen ändern, sondern die schon vorhandenen stärken. Oder auch: Man sieht und hört nur das, was man auch sehen und hören will. Duelle kann man sich also schenken, außer sie würden mit Pistolen ausgetragen. Um Argumente geht es ohnehin nicht - das hieße ja, dass die Wählerinnen und Wähler draußen im Lande rational entscheiden würden, wer sie regiert. Tun sie aber nicht. Sie fühlen.

Konrad Adenauer hatte Recht: Politik sollte im Parlament stattfinden und nur da. Hinzuzufügen wäre: Unterhaltung gehört in den Zirkus. Heute finden Politik-Simulationen im Medienzirkus statt, leider mit geringerem Unterhaltungswert als im altrömischen Colosseum. Da ging es nicht fair und wohlausgewogen zu, aber man erinnert sich noch nach 2000 Jahren daran.

Draußen in Neuland, wo das gesunde 120-Zeichen-Nerdempfinden regiert, ist man sich schnell einig: Merkel trägt Klunker mit schwarzen, goldenen und roten Elementen. Gut, dass Steinbrück keinen roten Schlips umgebunden hat. Die CDU-Wähler würde sich Hammer und Sichel dazu denken. Je nachdem, wie man guckt, erkennt man am Hals der Kanzlerin die belgische oder die deutsche Fahne. Das ist doch mal eine wirkmächtige Metapher: Es kommt auf die Perspektive an. Die Kette Merkels hat auf Twitter bald schon mehr Follower als Martin Sonneborns "Die Partei" Parteimitglieder.

Steinbrück redet. Sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis. Jetzt müsste er noch "Durchführungsbestimmung", "Ausführungsverordnung" und "Telekommunikationsüberwachungsverordnung" erwähnen - und seine Redezeit wäre schon fast um.

Sozial gerecht. Diese exakte Zeichenkette (englisch: phrase) musste er offenbar auswendig lernen und möglichst früh in den Raum schleudern. Der Wähler kann von 90-minütigem Gerede nach einem Tag nur noch maximal fünf Worte erinnern. Sozial. Gerecht. SPD. Wenn es hochkommt: Wir. Mehr brauchte der unentschiedene Wähler auch gar nicht zu wissen. Wer intellektuell überfordert wird, ist schlecht gelaunt und wählt dann die Regierenden. Keine Experimente!

Jetzt müssten doch mal aggressive Fragen kommen. Maybrit Illner kann das nicht, weil sie beim Fragen meistens die Augen schließt, als fürchte sie, ihr Gegenüber würde sie gleich schlagen. Anne Will ist Partnerin von Stefan Raab, dramaturgisch muss sie also sachlich bleiben, während Raab den bad guy spielen darf, allein schon wegen seines Furcht erregenden Zähnefletschens. Raab unterbricht aber nur, vielleicht weil er denkt, so agierte ein scharfer Hund. Bei Merkel läuft er aber gegen eine Wand. Auch Peter Kloeppel will nur nett sein: Er schlingt seine Arme um den Bauch, als müsse er sich vor etwas schützen oder als wenn es zu kalt wäre. Hat man den Journalisten nicht vorher ein paar Fakten über Körpersprache beigebracht und was sie aussagt?

Der Wahlomat sei online, wird Merkel gefragt: Wenn sie nicht wisse, was das sei - eine Art Analyseinstrument im Internet. Ergib dich, Gag, du bist umzingelt! Dann folgen Wörter irgendwie als Antworten auf irgendwelche Fragen: "Wachstumsmotor" und "Stabilitätsanker".

Großer Irrtum Peer Steinbrücks: "Die Leute wollen über Politik reden." Es widerspricht ihm aber niemand. Ist das wirklich wahr? Die tun doch nur so. In Wahrheit wollen sie über Sex reden und Vampire, über den neuesten Klatsch und soziale Geräusche auf Facebook und Kinder von Prinzessinnen.

Man sollte nicht so schlecht über das Land reden

Erster Eindruck: Merkel und Steinbrück haben keine Lust, auf Fragen der Moderatoren zu antworten. Wer hätte das gedacht. Niedriglohnsektor. Energiepreisentwicklung. Tarifpartner. Wieso haben Goethe, Marx und Freud diese Worte nie benutzt, sondern elegantes, klares Deutsch geschrieben?

Jetzt ist Ökonomie dran. Wieder ein Punkt für Merkel. Die kann Kapitalismus besser verkaufen: Die Löhne könnten nicht durch die Politik festgelegt werden, also auch nicht die Mindestlöhne, sondern durch die Tarifpartner. Jawohl, das Wir entscheidet eben zwischen Kapital und Arbeit. Man dürfe auch die Reichen nicht mehr besteuern, sagt Angela Merkel, weil die dann keine Arbeitsplätze mehr schaffen würden. Wo kämen wir denn dann hin. Die Kapitalisten heißen jetzt bei den Angehörigen der Glaubensgemeinschaft Freier Markt "Arbeitsplätzegeber und Arbeitsplätzegeberinnen".

Man sollte nicht so schlecht über das Land reden. Drei Viertel der Deutschen seien zufrieden. Das sitzt. Wie kann der Herausforderer das Worthülsen-Teflon zerkratzen? Wenn Steinbrück etwas beklagt, kann Merkel meistens kontern: Die SPD hat das verabschiedet oder hat mit uns gestimmt. Das gilt auch für die Programme, über die im Bundestag abgestimmt wurden, um europäischen Banken, die sich verzockt hatte, mit Steuergeldern wieder aufzupäppeln. Niemand kritisiert und fragt nach, als die Bundeskanzlerin sich als Hilfswichtel der Europäischen Zentralbank outet: Die Regierung tut, was die sagt. Gut, dass wi darüber geredet haben.

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