Telepolis Gespräch

02.09.2013
Telepolis-Gespräch

Warum musste John F. Kennedy sterben?

50 Jahre nach der Ermordung des Präsidenten wird mehr denn je über die Hintergründe spekuliert - und es werden immer noch neue Fakten bekannt

Verschwörungstheorien erfüllen ein menschliches Grundbedürfnisse nach Sinn in der Sinnlosigkeit, ähnlich wie die Religion. Jim Lewis formulierte das 1996 wie folgt: "The only thing more frightening than the idea of vast and powerful plots holding sway over the course of history is the idea that, after all, there aren't any". Und sie sind die bessere Unterhaltung.

Das heißt jedoch nicht, dass Verschwörungstheorien notwendigerweise unwahr sein müssen. Regierungen, Bürokratien, Unternehmen - aber auch alle anderen Menschen und Gruppen lügen und vertuschen nämlich viel und ständig. "Everybody lies" - wie Dr. House immer wieder sagt (und wie man durch regelmäßige Enthüllungen wie die NSA-Affäre immer neu vorgeführt bekommt).

Aus diesem Grund können Verschwörungstheorien zu akzeptierten Darstellungen werden und umgekehrt. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist die Ermordung von John F. Kennedy im November 1963, die sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt: 1964 befand die Warren Commission, dass Lee Harvey Oswald ein Alleintäter war. 15 Jahre später kam das House Select Committee on Assassinations (HSCA) zum Ergebnis, dass das Attentat "wahrscheinlich Resultat einer Verschwörung" gewesen sei. Die öffentliche Meinung in den USA war einem ähnlichen Wandel unterworfen: Kurz vor der Veröffentlichung des Warren Reports ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Gallup, dass 52 Prozent der Amerikaner an eine Verschwörung zur Ermordung Kennedys und nur 29 Prozent an einen Einzeltäter glaubten.

Nachdem US-Medien ausführlich über den offiziellen Bericht informiert hatten, änderte sich dieses Bild radikal und 87 Prozent der Befragten zeigten sich überzeugt, Lee Harvey Oswald sei alleine für die Tat verantwortlich. Als Mark Lane 1966 seinen Millionenseller Rush to Judgement veröffentlichte, glaubten bald wieder weniger als 50 Prozent, dass im Warren Report die Wahrheit steht. Und 1983 kam eine Newsweek-Umfrage zum Ergebnis, dass nur 11 Prozent der Amerikaner Lee Harvey Oswald die Alleinschuld am Attentat von Dallas gaben, während 74 Prozent der Meinung waren, es seien noch weitere Akteure involviert gewesen.

Ein sehr wichtiger Grund für die Beliebtheit von Verschwörungstheorien im Fall Kennedy ist die extreme Schwäche der zur Einzeltätertheorie gehörigen Magic-Bullet-Erklärung, nach der eine von drei Kugeln einen ausgesprochen ungeraden Weg zurückgelegt haben soll, um den Schaden anzurichten, der entstand. An sie zu glauben fällt - so hat es der Historiker Steven Ambrose einmal treffend formuliert - ähnlich schwer (oder leicht) wie der Glaube an Komplotte aus Mafia, Behörden und Regierungsmitarbeitern. Eine ähnliche Schwachstelle haben jedoch auch die Erklärungsmodelle vieler Verschwörungstheoretiker: Um ein Motiv für die Ermordung Kennedys zu finden, leiten sie aus einer einzigen Rede, die der Präsident am 10. Juni 1963 an der American University hielt, sehr weitreichende Spekulationen über Abrüstungsvorhaben und einen Abzug aus Vietnam und ab, für die sich sonst recht wenige Anhaltspunkte finden.

Mathias Bröckers. Bild: © Mathias Bröckers

Dass bei dieser Sachlage die Spekulationen über die Ermordung Kennedys auch 50 Jahre nach der Tat nicht abreißen, verwundert deshalb wenig. Tatsächlich nehmen sie sogar zu, weil immer wieder neue Ungereimtheiten bekannt werden und weil man manche Dokumente immer noch unter Verschluss hält. Mathias Bröckers hat solche Ungereimtheiten und Spekulationen in seinem Buch JFK - Staatsstreich in Amerika gesammelt, das im August im Westend Verlag erschien. Darin hält er andere Hintergründe der Ermordung Kennedys für wahrscheinlich als der Historiker Dr. Andreas Etges in seiner Kennedy-Biografie von 2003. Am 23. September diskutieren beide im Münchner Amerika Haus im Rahmen der Gesprächsreihe, die Telepolis zusammen mit der Bayerischen Amerika-Akademie durchführt. Die Veranstaltung, bei der sich auch das Publikum zu Wort melden kann, beginnt um 19 Uhr 30.

Das Telepolis Gespräch fand am Montag, den 23. September, um 19 Uhr 30 im Foyer des Amerika Hauses, Karolinenplatz 3, 80333 München, statt.

BAA

Veranstalter waren Telepolis.de, die Bayerische Amerika-Akademie und der Westend Verlag.
Organisiert wurde die Veranstaltung von heise events.

WESTEND

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige
Cover

Cold War Leaks

Geheimnisvolles und Geheimdienstliches aus dem Kalten Krieg

Noch schlimmer als zuvor

Peter Mühlbauer 30.10.2009

Was Banken und Banker aus der Krise gelernt haben

Heute ist Weltspartag. Früher kamen zu diesem Ereignis Vertreter von Geldinstituten in die Grundschulen und erklärten den Kindern in einer Art Religionsunterricht II, dass sie bei ihnen auf wundersam einfache Weise ihr Geld vermehren könnten. Dazu passend gab es Märchenbücher mit Bildern zum Einkleben und bunte Metallsparbüchsen mit beweglichem Henkel, die man hin- und herschwingen konnte.

weiterlesen
bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS