100 Prozent tödlich

03.09.2013

Die Energie- und Klimawochenschau: Extreme Strahlungswerte in Fukushima, Offshoreziele "unrealistisch", Braunkohleproteste gehen weiter und China übernimmt EEG-Ideen, die die FDP gerne abschaffen möchte

Es leckt und leckt und leckt. Japans Havarie-Experten von Tepco bekommen, wie berichtet, weder ihre strahlenden Ruinen, noch das verseuchte Grundwasser und auch nicht die zahlreichen Tanks mit kontaminiertem Wasser in den Griff. Doch nun naht die Rettung: Die japanische Regierung will 47 Milliarden Yen (350 Millionen Euro) zur Lösung des verseuchten Wassers investieren, weil Tepco damit nicht mehr zurechtkommt.

Reaktor 1 nach der Explosion. Bild: Tepco

Im Zentrum des neuesten Skandals im Skandal stehen neben leckenden Tanks mit hochgradig kontaminiertem Wasser die Strahlenmessungen in der Nachbarschaft dieser provisorischen Kühlwasserbehälter. Wie ebenfalls berichtet sind dort Strahlendosen von bis zu 1.800 Millisievert gemessen worden. Zuvor war stets von Werten um die 100 Millisievert ausgegangen worden, schreibt der Guardian.

Allerdings war das einem besonderen Fall kreativer Metrologie geschuldet. Auf den bisher eingesetzten Messgeräten konnten gar keine höheren Werte abgelesen werden, wie Tepco inzwischen habe zugeben müssen. Die neuesten Werte würden sogar bis zu 10.000 Millisievert (zehn Sievert) betragen. Laut den Angaben auf Wikipedia über die Strahlenkrankheit bedeutet schon eine kurzzeitige schutzlose Exposition gegenüber einer solchen Strahlendosis den sicheren Tod nach spätestens 14 Tagen.

Aber nun will sich Japans Premierminister Shinzo Abe der Sache annehmen. Ansonsten ist dieser ja eher mit dem Hätscheln Japans darniederliegender Atomindustrie, dem Gedenken an Kriegsverbrecher und Aufrüstungsplänen beschäftigt, doch jetzt verspricht Abe schnelles Handeln".

Aber so genau kann man es ja bei Politiker, für die das Internet Neuland ist und die "zu Wikipedia gehen", wenn sie googeln wollen, nicht wissen. Jedenfalls führt hierzulande mancher die energiepolitische Debatte mit ähnlicher Chuzpe wie Abe. Schließlich ist Wahlkampf, da darf man nicht allzuviel Tiefgang erwarten. Gebetsmühlenartig wiederholen Koalitionspolitiker und Industrielobbyisten ihre Angriffe gegen die Energiewende. Wie praktisch, dass sie bei Zeiten es einzurichten wussten, dass deren Kosten allein die privaten Verbraucher und kleinen Gewerbetreibenden zu tragen haben. Die zahlen sie nun, und dazu noch manches mehr, über die Stromrechnung, und die Mövenpick-Partei kann den Robin Hood der Hartz-IV-ler mimen.

Gabriel will Kohle

Und die SPD? Deren Chef Sigmar Gabriel, der als ehemaliger Umweltminister eigentlich wissen sollte, wovon er redet, will den Ausbau der Erneuerbaren drosseln und Kohlekraftwerke noch auf Jahrzehnte weiter nutzen. Das verwundert nicht weiter, denn der mitgliederstarke SPD-Landesverband NRW setzt noch immer voll auf die im Rheinland reichlich vorhandene Braunkohle. Dort finden sich auch noch Gewerkschaften, die gegen Umweltschützer demonstrieren. Ganz so wie in den 1970ern, als die DGB-Gewerkschaften noch für Atomkraftwerke auf die Straße gingen.

Interessant ist an Gabriels Vorschlägen immerhin die Überlegung, die Förderung der Offshore-Windparks aus der Finanzierung über die EEG-Umlage herauszunehmen. Stattdessen sollten sie durch Steuermittel unterstützt und die "sehr unrealistischen" Ausbauziele gekürzt werden. Das würde insofern Sinn für die anderen erneuerbaren Energieträger und den Umbau der Stromversorgung machen, als der Offshore-Ausbau sich bei den derzeitigen Voraussetzungen zum großen Preistreiber entwickeln wird. Da wäre es zumindest gut, wenn die Finanzierung aus unterschiedlichen Töpfen erfolgt, sodass der Sachverhalt für den Bürger transparenter ist.

Preisentwicklung für die Haushalte, 2005 = 100. Nicht nur der Strom wird teurer. Besonders Haushalten mit niedrigem Einkommen machen die steigenden Energiepreise zu schaffen, doch geredet wird nur über den Strom, um es der Energiewende in die Schuhe schieben zu können. Bild: AGEB

Aber mit der Transparenz ist das ja so eine Sache beim Strompreis. Den wenigsten ist zum Beispiel bekannt, dass sie auf die EEG-Umlage auch noch Mehrwertsteuer bezahlen müssen, bei derzeit 5,277 Cent pro Kilowattstunde ist das ziemlich genau ein zusätzlicher Cent. Und wenn die Umlage zum 1. Januar 2013 auf 6,3 Cent pro Kilowattstunde steigt, womit wohl ungefähr zu rechnen ist, dann wären das knapp 1,2 Cent.

Der Fiskus kann ab Januar mit einer Mehreinnahme von rund 400 Millionen Euro rechnen. Die Linkspartei hat kürzlich gefordert, mit diesen Geldern einen Fonds zu bestücken, der zum Beispiel einkommensschwache Haushalte beim Ankauf effizienter Haushaltsgeräte unterstützen könnte. Aber davon möchte die Koalition nichts wissen.

Gegen Braunkohle

Im Rheinland ist derweil das dortige diesjährige Klima-Camp zu Ende gegangen, mit dem gegen den Braunkohletagebau zwischen Köln und Aachen protestiert wurde. Ein weiteres Camp hatte es rund einen Monat zuvor im Brandenburger Revier in der Lausitz gegeben. Im Rheinland hatten die Umweltschützer unter anderem mit einer Besetzung der Landeszentrale der Grünen in Düsseldorf und mit der Blockade einer für den Braunkohletransport genutzten Bahnstrecke protestiert.

Aber die Proteste gegen Braunkohle werden auch nach den Sommercamps weitergehen. In Dresden wird zum Beispiel am 14. September gegen den geplanten neuen Tagebau Nochten II unter dem Motto "Strukturwandel jetzt" demonstriert werden. Und am 31. Oktober findet in dem vom Tagesbau Jänschwalde bedrohtenLausitzer Dorf Atterwasch (Wótšowaš) ein Dorffest statt, zu dem auch Teilnehmer aus anderen Braunkohlerevieren erwartet werden.

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