Deutsche Medien im Kriegsrausch

06.09.2013

Die Zeit kämpft an vorderster Front

Während die nicht gerade als pazifistisch bekannte britische Regierung in Sachen Kriegseinsatz in Syrien den Schwanz einzieht, während die deutschen Parteien in diplomatischer Friedlichkeit mit Verweis auf die UN abtauchen und selbst US-Präsident Obama nicht alleine den Knopf drücken möchte, um Lenkwaffen mit verheerender Wirkung in die Hauptstadt eines seit zwei Jahren Bürgerkrieg desolaten und bereits stark zerstörten Landes mit sechs Millionen Flüchtlingen und bisher geschätzten 73 Milliarden Euro Kriegsschäden zu senden, entdecken deutsche Medien den moralischen Imperativ von Massenvernichtungswaffen - ein Beispiel für die kuriosen Begründungen für einen sinnlosen Rachefeldzug.

Die liberalen Handlungstheoretiker in der Zeit-Redaktion sind sich sicher: "Tut der Westen nichts, muss Assad das als Einladung verstehen, weiter Giftgas einzusetzen.", schreibt Bernd Ulrich auf der Titelseite der Zeit vom 5. September 2013. Offensichtlich weiß die Zeit mehr als das britische Unterhaus und die deutsche Regierung, nämlich, dass der syrische Präsident Assad Giftgaspatronen in seiner eigenen 5-Millionen-Metropole einsetzt, um - ja, um was? Um Luftangriffe der Amerikaner zu provozieren, weil diese ihm helfen, im Bürgerkrieg zu gewinnen und an der Macht zu bleiben? Ein bizarres Kalkül. Aber Assad muss, so die Hamburger Strategen, ohnehin weg, koste es was es wolle, denn, so die überraschende Erkenntnis: "Wenn er bleibt, regiert die Hisbollah mit - und der Iran."

Zitate von der Titelseite der ZEIT vom 5. September 2013:

"Ein Militäreinsatz nützt den Menschen in Syrien mehr als keiner."

"Tut der Westen nichts, muss Assad das als Einladung verstehen, weiter Giftgas einzusetzen."

"Wenn er bleibt, regiert die Hisbollah mit - und der Iran."

"Bei uns gibt es überhaupt keinen relevanten Widerspruch mehr. Alle Parteien übertreffen einander beim Argumentieren gegen ein militärisches Engagement."

"Darum muss man Obama eine solide Mehrheit wünschen. Und eine breite öffentliche Debatte. Denn je mehr das Volk einbezogen wird, desto verantwortlicher ist es."

"Ein Deutscher kann die Amerikaner da nur beneiden."

"Sagen wir es historisch: Deutschland hätte Deutschland nicht befreit."

"Als hochdekorierte Vietnamveteranen sind sie als Kriegsskeptiker bekannt. Umso mehr Gewicht soll jetzt ihr Votum für einen Einsatz haben."

Dass der lange Zeit moderat agierende und äußerst weltliche sowie in Religionssachen tolerante Autokrat und gelernte Augenarzt Assad die Regierung mit fanatischen und arbeitsscheuen Revolutionsgardisten teilen möchte, darf als neue Erkenntnis nahöstlicher Politikforschung gelten. Der Bürgerkrieg wäre dann ja sozusagen überflüssig, wenn Assad und die ihn unterstützenden Schichten des kosmopolitischen syrischen Bürgertums am liebsten mit verbohrten Koranwächtern zusammenarbeiten würden.

Die Zeit ist aber auch ein Urgewächs der Demokratie. Einst erhielt ihr Gründer Gerd Bucerius die begehrte Zeitungslizenz von der britischen Besatzung. Nun beklagt Leitautor Ulrich: "Bei uns gibt es überhaupt keinen relevanten Widerspruch mehr. Alle Parteien übertreffen einander beim Argumentieren gegen ein militärisches Engagement." - Widerspruch gegen den Pazifismus wohlgemerkt.

Es ist zu hoffen, dass Ulrich wenigstens mit dieser Diagnose richtig liegt.

Zum Glück, so Ulrich, stünde das Mutterland aller Menschenrechte, die Vereinigten Staaten von Amerika nun bereit, in die Bresche zu springen: "Darum muss man Obama eine solide Mehrheit wünschen. Und eine breite öffentliche Debatte. Denn je mehr das Volk einbezogen wird, desto verantwortlicher ist es."

Eine kühne Idee: Sobald ein Parlament, das die Zeit zielgenau als "das Volk" identifiziert, einem Kriegseinsatz zustimmt, wird dieser verantwortlich. A priori. Fazit des hanseatischen Demokratielehrers: "Ein Deutscher kann die Amerikaner da nur beneiden."

Falls seine deutschen Leser immer noch nicht verstanden haben, warum der Krieg in Syrien dringend ausgeweitet werden soll, hat Ulrich eine ganz spezielle Erinnerung parat: "Sagen wir es historisch: Deutschland hätte Deutschland nicht befreit." Mit diesem Satz endet diese Einführung in die Kunst des politischen Handelns in der Weltpolitik. Aber ist der Vergleich des im Bürgerkrieg stehenden Syriens 2013 mit dem Deutschland von 1943, das in einem von der ganzen Bevölkerung unterstützten Angriffskrieg ganz Europa besetzt hielt und 6 Millionen Juden vergaste, wirklich gut geeignet, unsere Widerstandspotentiale ausgerechnet gegen die schrecklichen Wirkungen des Pazifismus zu erwecken?

Auf Seite sechs kommen weitere Zeit-Experten zu Wort. Martin Klingst beglückt uns mit einer Bemerkung zur Rolle der US-Militärs bei der ach so schwierigen Entscheidungsfindung: "Als hochdekorierte Vietnamveteranen sind sie als Kriegsskeptiker bekannt. Umso mehr Gewicht soll jetzt ihr Votum für einen Einsatz haben."

Dass hochdekorierte Kriegsveteranen nach einem verlorenen Krieg nun zu überzeugende Kriegsskeptiker seien, darf auch als neue soziologische Weisheit gelten. Bisher glaubten wir offensichtlich völlig zu Unrecht, dass Berufskrieger nur deshalb weiter im Amt sind, weil sie dieses Gewerbe mit der nötigen Sachkenntnis weiter ausüben sollen. Dass ihr Rat zum Krieg deshalb besonders wertvoll ist, weil sie hochdekorierte Kriegsverlierer in sinnlosen Massakern waren, stellt doch ihre Qualifikation für weitere Einsätze ernsthaft in Frage - auch für die pensionierten Studienräte, die die Zeit lesen?

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Ein Abschiedsbrief an das Wutbürgertum
Von Alexander Dill als Buch bei Telepolis erschienen

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