Elend der Architektur

05.09.2013

In London hat ein wie ein Konkavspiegel gestaltetes Hochhaus Plastikteile an und in einem parkenden Auto geschmolzen

Die Architektur gehört (ebenso wie das Bankenwesen und das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland) zu den Bereichen, in denen viele Kritiker meinen, dass sie sich in eine falsche Richtung entwickeln, weil die Weichen falsch gestellt sind: In Richtung eines Elitenkonsenses, die nicht nur Langweiligkeit hervorbringt, sondern auch zunehmend dysfunktionale Gebäude, die zwar einer Gildenästhetik entsprechen, aber im Sommer mehr Kühlungs- als im Winter Heizungskosten erzeugen - obwohl auch diese alles andere als niedrig liegen.

Das Energieproblem ist mindestens seit der ersten Ölkrise offensichtlich, eine Klimaerwärmung seit dem Ende der 1980er zumindest wahrscheinlich - das Architekturgewerbe hätte also Jahrzehnte lang Zeit gehabt, seine geballte Schöpferkraft in Häuser zu stecken, die nicht nur wenig Energie verbrauchen, sondern auch möglichst ohne Klimaanlagen auskommen. Entworfen wurde jedoch meist das Gegenteil: Konstrukte, die unter Kollegen gelobt und mit Preisen bedacht werden, aber so gebrauchsuntauglich sind, dass der Hausmeister im Sommer das Lüften verbieten muss, weil ein gleichzeitiges Öffnen der Fenster die Statik gefährden würde. Auch das zweite große Gebrauchsproblem, der Lärm, wurde in den letzten Jahrzehnten eher verschlimmert als verbessert.

Mit der so genannten Postmodernen Architektur verabschiedete sich das Gewerbe darüber hinaus auf breiter Front vom nicht ganz unsinnigen Grundsatz "form follows function". Stattdessen gab es sich einem staatlich geförderten Kunsthandwerksmanierismus hin, der ähnliche Scheininnovationswellen produzierte, wie die Mode oder die Popmusik. Anreize für technische Neuerungen gab es praktisch nicht. Im Gegenteil: wer vom Gildenkonsens abwich, der konnte sich nicht nur von Preisen und Zuschlägen verabschieden, sondern bekam auch von verbeamteten Architekten in Baubehörden genehmigungsverweigernden Gruppendruck zu spüren.

In London zeigt sich nun, dass Architekten beim Bau eines Vorzeigehochhauses elementare Grundsätze der Physik so außer Acht ließen, dass es auf einem Parkplatz davor so viel Wärme erzeugt, dass Plastikteile von Autos schmelzen. Das fand der Besitzer eines Jaguars heraus, der sein Fahrzeug vor dem noch unfertigen "Walkie-Talkie"-Wolkenkratzer in der Fenchurch Street abgestellt hatte: Als er nach zwei Stunden wiederkam, waren ein Außenspiegel, ein Kunststoffemblem und Teile des Armaturenbretts angeschmolzen und stark verformt. Dadurch entstanden ihm Reparaturkosten in Höhe von 946 Pfund, zu deren Übernahme sich die Baufirma, die das 37-stöckige Prestigegebäude errichtet, mittlerweile bereit erklärte.

"Walkie-Talkie"-Wolkenkratzer. Foto: David Holt. Lizenz: CC BY-SA 2.0.

Damit ist das Problem allerdings noch nicht aus der Welt geschafft: Die Hitze entstand nämlich, weil das konkav verglaste Gebäude das Licht an dieser Stelle stark bündelt. Als vorläufige Reaktion auf diese Erkenntnis spannte die Baufirma Abdeckungen auf und die Behörden sperrten drei Parkbuchten. Außerdem wird untersucht, ob weitergehende Maßnahmen zum Schutz von Verkehrsteilnehmern notwendig sind. In britischen Medien geht man etwas weiter: Dort löste die Meldung eine Diskussion darüber aus, was bei der Ausbildung von Architekten falsch läuft, wenn ihnen entgehen kann, dass man mit einer Hohlspiegelform Sonnenlicht konzentriert - ein Effekt, den sich bereits die Griechen bei der Belagerung von Syrakus 214 bis 212 vor Christus zunutze gemacht haben sollen.

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