Taschengeld statt Gehalt

10.09.2013

Insbesondere in Ostdeutschland verkommt der Bundesfreiwilligendienst zum Ersatz für reguläre Arbeitsplätze

Als der Bundestag am 24. März 2011 dafür stimmte, die Wehrpflicht abzuschaffen, war die Aufregung groß. Neben der Wehrpflicht war damit auch das Ende des Zivildienstes besiegelt. Familienministerin Kristina Schröder (CDU) setzte sich deshalb für die Einführung eines Bundesfreiwilligendienstes ein, um die Zivis in den Alten- und Pflegeheimen in Zukunft durch Bufdis zu ersetzen. Doch während der Zivildienst nur für Menschen bis 27 Jahren offen stand, gibt es beim Bundesfreiwilligendienst keine Altersbeschränkung. Die Folge: Vor allem in Ostdeutschland wird er zum Ersatz für reguläre Beschäftigung.

Beim Bundesfreiwilligendienst klafft eine gewaltige Lücke zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Westen engagieren sich überwiegend junge Menschen bis 27, also genau jene Altersgruppe, der bereits zuvor der Zivildienst offen gestanden hat. Der Anteil der Freiwilligen bis 27 schwankt in den alten Bundesländern zwischen 73 Prozent in Bremen und 86 Prozent in Hamburg. In den neuen Bundesländern verkehrt sich das Bild jedoch ins Gegenteil: hier ist die übergroße Mehrheit der Bufdis älter als 27. Am geringsten ist der Anteil noch in Mecklenburg-Vorpommern mit 70 Prozent, während Thüringen 86 Prozent den höchsten Anteil der Freiwilligen über 27 Jahren hat - dicht gefolgt von Sachsen-Anhalt mit 85 Prozent. Gesamtberlin fällt mit einem Anteil von "nur" 55 Prozent ein wenig aus dem Rahmen.

Schon bei der Debatte über den Bundesfreiwilligendienst im Bundestag gab es Bedenken, der neue Dienst könnte reguläre Arbeitsplätze verdrängen und Arbeitslosen als eine Art Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme dienen. So fürchtete Heidrun Dittrich (Linke), die sich im Bundestag mit dem Thema Freiwilliges Engagement beschäftigt, dass insbesondere junge Frauen in Zukunft noch mehr benachteiligt werden könnten, wenn frauenspezifische Arbeitsplätze im sozialen und pflegerischen Bereich durch den Einsatz von Freiwilligen vernichtet würden. Familienministerin Schröder wollte von derlei Bedenken nichts hören und malte stattdessen aus, in welcher Sorge sich "viele kranke, ältere und behinderte Menschen" doch befänden, wenn sie keine Hilfe und Zuwendung mehr durch Zivis bekämen.

Zahlen, die die Bundesregierung nun nach einer Anfrage der Linkspartei veröffentlicht hat, zeigen, dass die Sorgen nicht unberechtigt waren - wenngleich es nicht die jungen Frauen sind, die vorrangig im Bundesfreiwilligendienst arbeiten, sondern eher die älteren. Wie die Altersstruktur der Bufdis in Ost und West aussieht, lässt sich anschaulich am Beispiel Sachsen-Anhalts und Baden-Württembergs beobachten.

Bundesfreiwillige im Dienst am 10.06.2013 nach Altersgruppen
Absolut
 Bis 2727-3031-4041-5051-6061-65Über 65Insgesamt
Sachsen-Anhalt32882228493792310962.329
Baden-Württemberg3.2199415413615062383.853
In Prozent
 Bis 2727-3031-4041-5051-6061-65Über 65 
Sachsen-Anhalt14,083,529,7921,1734,0113,314,12
Baden-Württemberg83,552,444,993,533,891,610,99
Quelle: Bundesregierung, eigene Berechnungen

Es zeigt sich, dass gerade in den Bundesländern, die einen eher schwachen Arbeitsmarkt mit hoher Arbeitslosigkeit haben, der Bundesfreiwilligendienst eine Beschäftigung für ältere Menschen ist - die eigentlich voll im Erwerbsleben stehen sollten. In den westdeutschen Bundesländern wird der Dienst hingegen eher nicht anstelle einer regulären Beschäftigung abgeleistet, sondern ist wie einst der Zivildienst ein sozialer Dienst, durch den sich vor allem junge Menschen, die noch nicht im Berufsleben stehen, angesprochen fühlen.

Ersatz für einen bezahlten Job

Rabea Haß, die sich für die Hertie School of Governance mit der Altersstruktur im Bundesfreiwilligendienst auseinandergesetzt und dazu eine empirische Studie verfasst hat, macht vor allem zwei Gründe für die Differenzen zwischen Ost und West aus. Da ist einerseits die vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern. Viele der älteren Bundesfreiwilligen sind froh, eine Möglichkeit zu haben zu arbeiten, einen geregelten Tagesablauf, soziale Kontakte und Anerkennung zu haben.

Der größte Teil der Älteren, mit denen sie für ihre Studie gesprochen hat, sehen den Bundesfreiwilligendienst als Ersatz für einen bezahlten Job, den sie am regulären Arbeitsmarkt nicht bekommen könnten. Ein weiterer Teil der Freiwilligen hofft, durch den Dienst bessere Chancen auf eine reguläre Beschäftigung zu erhalten. Dafür nehmen es die Freiwilligen in Kauf, für ein Taschengeld zu arbeiten. Wie hoch es genau ausfällt, entscheiden die Einsatzstellen. Mehr als 348 Euro sind aber keinesfalls erlaubt. Geleistet werden müssen dafür mindestens 20 Stunden Arbeit pro Woche - der Bundesfreiwilligendienst ist vor allem auf Vollzeitbeschäftigung ausgelegt. In der Regel bleiben die Bufdis für 12 Monate dabei, in Einzelfällen kann der Einsatz aber auf 24 Monate verlängert werden.

Der zweite Grund für das hohe Alter der Ostdeutschen Bufdis ist laut Haß das offenbar große Engagement der Außendienstberater des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA), welches für den Bundesfreiwilligendienst verantwortlich ist. Dessen Berater sind im Osten offenbar aktiver als im Westen, was dazu führt, dass mehr Menschen auf den Dienst aufmerksam werden. Im Vergleich zwischen Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg zeigt sich dann auch, dass der Anteil der Freiwilligen an der Gesamtbevölkerung in dem ostdeutschen Bundesland vergleichsweise hoch liegt: Rechnerisch ist von Tausend Sachsen-Anhaltern einer als Bufdi tätig. In Baden-Württemberg kommen auf 1.000 Einwohner dagegen noch nicht einmal 0,4 Bufdis.

Die Einsatzstellen erhalten durch den Bundesfreiwilligendienst hoch motivierte und fest einplanbare Arbeitskräfte. Teilweise sind diese sogar in dem Beruf beschäftigt, in dem sie ihre Ausbildung absolviert haben. So hat der Autor eine Bundesfreiwillige im Alter von 32 Jahren in einer Kita in Sachsen-Anhalt besucht, die dort als einzige Bürokraft arbeitet, sich um die Anwesenheitslisten der Kinder und die Korrespondenz mit den Eltern kümmert. Die Freiwillige ist gelernte Bürokauffrau, und hofft, über den Bundesfreiwilligendienst einen Einstieg in ihren Beruf zu finden. Unglücklich mit ihrer Situation ist sie dabei keineswegs - es herrscht das Prinzip Hoffnung. Diese Beobachtung hat auch Haß bei der Erarbeitung ihrer Studie gemacht. Unglücklich mit ihrer Situation sind die Bufdis kaum, vielmehr hoffen sie, dass es nach ihrem schlecht bezahlten Engagement beruflich aufwärts geht.

Doch insbesondere die älteren Freiwilligen glauben daran offenbar kaum - und klammern sich an ihren Bufdi-Einsatz wie an einen Strohhalm. Normalerweise dauert der Dienst zwölf Monate, er kann jedoch verlängert werden. Von den 35.022 Freiwilligen, die zum 10. Juni 2013 dabei waren, haben sich immerhin 9.510 für eine Verlängerung auf 18 Monate entschieden. Die jüngeren Bufdis haben daran offenbar kaum Interesse. Nur 844 Verlängerer sind unter 27 Jahren alt, 8.666 hingegen älter als 27, so die Zahlen der Bundesregierung. Dass diese Menschen aus einem "stark wirtschaftlich" geprägten Berufsfeld kommen und nun im Bundesfreiwilligendienst Erholung in sozialer Arbeit suchen, darf bezweifelt werden. Anzunehmen ist eher, dass es sich um ehemalige Arbeitslose und Ein-Euro-Jobber handelt. Daten dazu, was die Bufdis vor ihrem freiwilligen Einsatz gemacht haben, liegen der Bundesregierung jedoch nicht vor.

Finanznot der Kommunen

Schuld an dem rasanten Zuwachs an Bundesfreiwilligen ist Kritikern des Dienstes zufolge auch die Finanznot der Kommunen. Stellen, die früher einmal echte Arbeitsplätze waren, wie Hausmeister oder Marktleiter, seien aufgrund der klammen Kassen irgendwann einmal weggefallen. Mit der Einführung des Bundesfreiwilligendienstes tauchen sie nun wieder auf - und werden besetzt mit Ehrenämtlern, die sich für ein Taschengeld abspeisen lassen. Dass die Bufdis möglicherweise Arbeitsplätze verdrängen, mag die Bundesregierung jedoch nicht erkennen, Verstöße gegen das Gebot der Arbeitsmarktneutralität seien nicht bekannt, erklärt sie. Zudem werde ja jeder Einsatzstelle die Einhaltung der Arbeitsmarktneutralität zur Auflage gemacht. Bufdis, die sich als Ersatz für regulär Beschäftigte sehen, könnten sich zudem im Zweifel an das BAFzA wenden. Dass sich die Bufdis beschweren, ist jedoch unwahrscheinlich. Immerhin sind sie oftmals froh, überhaupt einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen zu können. Diese Möglichkeit wollen sich viele nicht mit einer Meldung an das BAFzA verbauen.

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