"Der Euro vergrößert die Kluft zwischen den armen und den wohlhabenden Ländern"

13.09.2013

Gerald Pilz über die Euro-Krise in der EU

Trotz aller bisher getätigten Rettungsmaßnahmen wird die Wirtschaftskrise in der Euro-Zone immer dramatischer. In seinem Buch Europa im Würgegriff erklärt der Wirtschaftsdozent, Unternehmensberater und Blogbetreiber Gerald Pilz die Lage und zeigt Lösungsansätze auf.

Herr Pilz, inwiefern hängen die Euro-Krise und das Problem der Staatsverschuldung zusammen?

Gerald Pilz: Der Zusammenhang ist komplexer, als es den Anschein hat. Es wäre falsch, die Euro-Krise in erster Linie auf eine Staatsschuldenkrise zu reduzieren. Begonnen hat die Entwicklung mit einer Bankenkrise, die durch die Ereignisse in den Jahren 2007 und 2008 verschärft wurde. Die Einführung des Euro hat in vielen Mittelmeerländern den Anreiz geschaffen, Kredite zu traumhaften Konditionen aufzunehmen. Während vor der Schaffung der Eurozone beispielsweise in Spanien zweistellige Zinsen für Baufinanzierungen keine Seltenheit waren, profitierten diese Länder von dem Niedrigzinsniveau erheblich. Personen, die kaum Sicherheiten vorweisen konnten, erhielten von spanischen Banken großzügige Kredite. Aber auch in Griechenland, Portugal und Irland entstand ein Boom, der eine Kreditblase nach sich zog.

Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Gerald Pilz: Begünstigt wurde dieses Phänomen noch von zwei weiteren Faktoren: Der 11. September in New York führte dazu, dass die Federal Reserve innerhalb kürzester Zeit das Zinsniveau drastisch absenken musste, um eine mögliche schwere Rezession abzuwenden. Schon damals hatte sich eine Spekulationsblase durch den Hype um die Internetaktien und den Technologiesektor gebildet.

Was folgte, war ein dramatischer Absturz der Aktienmärkte. Der DAX fiel lawinenartig von über 8000 Punkten auf einen Stand von unter 2600 Zählern im Jahr 2003. Noch weitaus schlimmer traf es die Technologiewerte. Die US-Notenbank konnte durch die Zinssenkung die Märkte aber wieder beleben und die Konjunktur deutlich ankurbeln. Das billige Geld, das die Märkte weltweit flutete, führte indes zu einer erneuten Blase, die in die Hypothekenmarkt- und Finanzmarktkrise von 2007 und 2008 mündete. Diesmal stand die Welt am Rande einer Weltwirtschaftskrise, die die Katastrophe von 1929 in den Schatten zu stellen drohte.

Deshalb mussten die Notenbanken weltweit alle Dämme einreißen und in einer historisch unvergleichlichen Aktion die Weltwirtschaft mit Geld überschwemmen. Wie weit diese Maßnahmen gingen, zeigt sich an einem Zinssatz von 0 bis 0,25%, wie er in den USA und in Japan bis heute gilt. In der gesamten Wirtschaftsgeschichte seit der Antike gibt es dafür nichts Vergleichbares.

Hinzu kam der massenhafte Aufkauf von Staatsanleihen durch die Notenbanken, besonders in den USA, Japan und Großbritannien. Einige Staaten waren außerdem gezwungen, den Bankensektor zu stützen, der sich durch eine leichtfertige Kreditvergabe in diese missliche Lage gebracht hatte. Die Angst vor einem Kollaps und einem Dominoeffekt war so groß, dass fast alle Staaten bereit waren, großzügig den Kreditinstituten Hilfe zu gewähren. Länder wie Irland brachte dies an den Rand des Ruins.

In einigen Ländern wie Griechenland, Portugal und Italien förderten aber die günstigen Kreditkonditionen eine stetig steigende Staatsverschuldung. Diese Staaten haben es versäumt, die günstigen Refinanzierungschancen nach der Euro-Einführung dafür zu nutzen, die Infrastruktur zu verbessern, das Investitionsklima zu fördern und die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

"Die Notenbanken haben ihr Volumen innerhalb kürzester Zeit vervielfacht"

Ist es möglich, dass es in der Euro-Zone zu einer Inflation kommt?

Gerald Pilz: Die Inflation wird sich erst in einigen Jahren bemerkbar machen. Die Weltwirtschaft ist immer noch zu sehr angeschlagen; besonders manifestiert sich dies bei den Rohstoffmärkten. Der Preis für Kupfer, das als wichtiger Konjunkturindikator gilt, fällt deutlich. Dass die Inflation bislang so zurückhaltend ist, liegt vor allem daran, dass die Banken die hohe Liquidität nicht weitergeben, sondern horten. Es ist beängstigend, dass die Notenbanken ihr Volumen innerhalb kürzester Zeit vervielfacht haben; solange das Geld aber bei Unternehmen und Haushalten nicht ankommt, kann die Inflation nicht anziehen. Langfristig aber sieht es düster aus; denn wenn es den Zentralbanken nicht gelingt, die Geldmenge ohne größere Turbulenzen wieder zurückzufahren, wird die Geldentwertung erheblich zulegen.

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