Lifestyle-Idealismus der Grünen, die Liberalen lieben Luxusgüter und sind gegen das Tempolimit

13.09.2013

Eine Studie hat die "Lebenswelt" von deutschen Parteianhängern anhand ihrer Likes untersucht

Soziale Netzwerke verraten viel über ihre Nutzer, die gnadenlos mehr oder weniger private Informationen posten. Klaus Holthausen und Alexander Güttler, CEO der Kommunikationsberatung komm.passion, hatten die Idee, die "Likes" von Facebook-Nutzern im Hinblick auf ihre Parteizugehörigkeit zur Bundestagswahl auszuwerten. Was also gefällt den CDU-, SPD- oder Grünenanhängern?

Repräsentativ ist die Studie natürlich nicht. Insgesamt wurde eine Stichprobe von 20.000 Facebook-Profilen in der Zeit zwischen 1. Juni und 31. Juli ausgesucht, davon waren 4.975 parteipolitisch, berücksichtigt wurden 3.000. Im Unterschied zu den Umfragen hatten Anhänger von Union und SPD fast gleich viele Profile, die Grünen lagen vor der FDP, Linke oder AfD hatten mehr als die Piraten.

Die Überlegung der Wissenschaftler war einfach, aber überzeugend: "Man ist, was einem gefällt." Die Summe der Likes erschließt zumindest ein gewisses Profil der vermutlich eher spontan gezeigten Vorlieben eines Facebooknutzers – und wenn er ein ausgewiesener Anhänger einer Partei, dann lässt sich darüber vielleicht auch ein wenig erschließen, wie zumindest die auf Facebook aktiven Fans gestimmt sind. Holthausen sagt: "Uns ist es erstmals gelungen, die 'Gefällt mir'-Angaben innerhalb von Facebook mit Marktforschungsmodellen und Hinweisen auf die Parteizugehörigkeit zusammen zu bringen." Und natürlich ist alles ganz konform dem Datenschutz, schließlich haben die Facebook-Nutzer ihre Profile ja öffentlich zugänglich gemacht, sie sind also die Straße herunterspaziert und haben mit dem Betreten des öffentlichen Raums jeden persönlichen Schutz verloren. So scheint man dies sehen zu wollen.

Den Unionsanhängern scheinen zwar die großen schwarzen Männer der Partei, Konrad Adenauer, Franz Josef Strauß und Helmut Kohl, zu schätzen und sie neigen auch zum Nationalen, zur Identität gehören die Bundeswehr oder die Deutsche Bahn, Fanseiten wie Support German Troops oder BMW. Mit Politik haben die CDU/CSU-Anhänger aber nicht so viel am Hut, machen ja alles Mutti – Merkel ist unangefochten auf Platz 1 aller Likes - oder Schäuble. Nach den Wissenschaftlern sei die einzige klare politische Aussage das Liken von Stopp den Linkstrend. Atomkraft spiele auch keine Rolle. Nachgetrauert wird noch Guttenberg und Merz, ansonsten scheint man zufrieden mit sich zu sein.

Zufrieden sind die SPD-Anhänger auf Facebook eher weniger. Sie schätzen eher Seiten gegen Rechts oder gegen Atomkraft und halten Amnesty International, Zivilcourage oder Holocaust-Erinnerung für wichtig. Am beliebtesten ist offenbar Hannelore Kraft, aber die wollte ja nicht Kanzlerkandidatin werden. Vor dem von der Parteispitze erwähltem Steinbrück liegen in der Beliebtheit Siegmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier. Ja, da ist was falsch gelaufen in der Nachfolge von Willy Brandt und Friedrich Ebert, die natürlich Vorbilder sind. Angeblich schätzen die Sozen Satire, also Satire-Seiten oder die Titanic. Das passt allerdings nicht so ganz damit zusammen, das die SPD-Anhänger auf Facebook mehr als die anderer Parteien eine Neigung zu Margot Käßmann zum Ausdruck bringen.

FDP-Anhänger schätzen überdurchschnittlich "große Persönlichkeiten", in aller Regel Männer wie Otto Graf Lambsdorff, Hans-Dietrich Genscher, Theodor Heuss und Konrad, Frauen sollen keine große Rolle spielen – "außer auf der gern geklickten Männerseite", so die Wissenschaftler ironisch. Und ansonsten ist es schon ein eigenes Völkchen:

Anhänger der Liberalen scheinen viel Zeit an Flughäfen zu verbringen. Ihnen gefallen fast durchgehend Germanwings und die Lufthansa. Der Hang zur Geschwindigkeit drückt sich auch mit der Unterstützung politischer Initiativen wie Freie Fahrt für freie Bürger aus, einer Seite, die sich gegen das Tempolimit auf Autobahnen richtet. In der Lebenswelt der FDP bildet diese Seite die einzige politische Aussage neben Grüne nein danke.

Schaut man tiefer in die Interessen der FDP findet man aber vor allem eins: Nobelmarken und Luxusgüter. Besonders Aston Martin, Boss und Porsche sind besonders beliebt. Dem Erfolg fühlen sich Liberale auch im sportlichen Sinne verbunden: Der Lieblingsverein in der FDP-Lebenswelt heißt FC Bayern München.

Die Grünen pflegen nach der Studie einen "Lifestyle-Idealismus für alle", der eher aus Globale geht. Man schätzt Dalai Lama und Greenpeace, WWF und Rettet den Regenwald. Der Grüne ist gegen Atomkraft, mag aber auch Hannelore Kraft von der SPD, Steinbrück scheint schon weniger oder gar nicht zu gefallen. Die Grünen pflegen Essen und Trinken, weswegen sie auch Initiativen wie Foodwatch schätzen. Guinness und Heineken scheinen beliebt zu sein. Wie es um den Wein steht, wird nicht verraten.

Die Linken sollen "die Unzufriedenen" sein: Galionsfiguren Karl Marx und Rosa Luxemburg. Für sie spiele Konsum kaum eine Rolle. Während Politik – gegen Armut, Hartz IV, Atomkraft, NPD - und Informationsmedien ganz wichtig sei, setzen sie sich auch für Frauenrechte ein:

Die Linken sind mit der Situation in Deutschland offensichtlich am wenigsten zufrieden und stellen konkrete Forderungen wie Reichensteuer jetzt!. Mit Abstand ist die Lebenswelt der Linken die politischste und auch sind die Linken die einzige Partei, die auf Facebook-Seiten eigene Forderungen klar formulieren.

Die Piraten hätten neben mit Grünen und Linken gemeinsamen politischen Vorlieben – etwa gegen rechte Gewalt oder für Attac, Foodwatch oder Amnesty – "großes Interesse an Belanglosigkeiten", es gefallen offenbar TV Total, Bud Spencer und die offizielle Fanseite von Bier. Die AfD-Anhänger würden sich hingegen vorwiegend für Finanzthemen interessieren und sind ansonsten für Aktion Linkstrend stoppen oder Grüne nein danke. Man schätzt die Unionsrebellen Guttenberg und Merz, liegt also voll im konservativen Trend, allerdings mit einem Schuss an Aufbegehren. Beliebt sind die Piratenpartei und WikiLeaks, man sich auch für mehr und direkte Demokratie.

Und was wissen wir jetzt von den "Lebenswelten" der in Facebook vertretenen Anhänger der verschiedenen Parteien? Bei der Union kommt man mit allem an, was Deutschland gut stellt. Politik ist uninteressant, so lange es einem einigermaßen gut geht, der Reflex gegen Links funktioniert wie eh und je. Die Liberalen wollen auch ihren Status erhalten, Markt, Einkommen und Konsum ist das, was zählt. Hier ist der politische Liberalismus offenbar nicht mehr beheimatet und vielleicht in die AfD, teils in die Piraten ausgewandert. Hätten die Grünen nicht den Hang zum "Gutmenschen", dann würden sie ganz gut ins bürgerliche Lager passen, allerdings teilen sie mit der Linken die Schätzung des Dalai Lama und die geringe Bedeutung von Fußball. Überhaupt scheint die Überschneidung der Lebenswelten von Grünen und Linken am größten zu sein, was hieße, die Grünen haben sich den falschen Koalitionspartner ausgesucht, während Union und FDP gut zusammenpassen. SPDler scheinen ganz gut zu den Linken zu passen, sie sind ja auch aus einem Stamm. Die Piraten tauchen erst in die Politik auf und scheinen sich eher dem linken Lager zu nähern.

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