"Globale Pandemie der Vergewaltigung"

10.09.2013

Nach einer Umfrage sollen 24 Prozent der Männer in asiatischen Ländern schon einmal eine Frau vergewaltigt haben

In letzter Zeit erst wurde weltweit bekannt, dass die indische Gesellschaft so männerdominiert ist, dass Vergewaltigungen auch der brutalsten Art an der Tagesordnung sind. Insgesamt sei, so der Ausgangspunkt von Studien, die von den Vereinten Nationen gefördert wurden, zu wenig über das Ausmaß von Vergewaltigungen vor allem von Frauen, aber auch von Männern bekannt. Eine der wenigen Studien, die nicht Opfer, sondern Täter befragte, hatte in Südafrika ergeben, dass erschreckende 37 Prozent der Männer schon einmal eine Frau vergewaltigt haben - oder dies zumindest angeben.

Ein internationales Team hat nun mehr als 10.000 Männer zwischen 18 und 49 Jahren in Bangladesch, China, Kambodscha, Indonesien, Papua Neu-Guinea und Sri Lanka befragt. Die in der Zeitschrift Lancet ausgewertete Umfrage war nicht repräsentativ für das jeweilige Land. Die Fragesteller waren Männer, die sensibelsten Fragen wurden jedoch alleine mit einem Fragebogen erhoben. Gefragt wurde nicht direkt, ob sie eine Frau vergewaltigt haben, sondern ob sie eine Frau, die nicht ihnen verheiratet oder ihre Freundin war/ist, mit Gewalt zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben oder mit einer Frau Geschlechtsverkehr hatten, die zu betrunken war oder unter Drogen stand, um ihr Einverständnis zu geben.

24 Prozent der Männer sagten, sie hätten schon einmal mit Gewalt Geschlechtsverkehr gehabt, 11 Prozent waren es, wenn es sich nicht um ihre Partnerin handelte. 45 Prozent der Vergewaltiger hatten mehr als einer Frau Gewalt angetan. Es gibt allerdings große Unterschiede der Vergewaltigungskulturen, wobei nicht auszuschließen ist, dass manche Männer auch glauben, dies behaupten zu müssen, obgleich es nicht stimmt. In Kambodscha und China berichteten die Männer so eine höhere Vergewaltigungsrate als die zum Vergleich befragten Frauen. Verallgemeinerbar sind die Daten damit nicht.

Am sichersten scheinen Frauen, zumindest wenn dies nicht in einer Beziehung geschieht, im ländlichen Bangladesch zu sein. Hier sagten nur 3 Prozent, sie hätten eine Frau vergewaltigt. In Bougainville (Papua Neu-Guinea) ist das Risiko für am höchsten, 27 Prozent der befragten Männer haben hier eine Frau vergewaltigt. In Indonesien gibt es mit 2 Prozent die wenigsten Vergewaltigungen von Männern, in Bougainville ist auch hier mit 8 Prozent die Rate am höchsten. Allerdings herrscht in Bougainville überhaupt eine hohe Gewalt.

73 Prozent der Vergewaltiger gaben als Grund sexuelle Erregung an, 59 Prozent sagten, sie hätten es zu ihrem Spaß gemacht, 38 Prozent wollten die Frau bestrafen. 58 Prozent haben ihre erste Vergewaltigung bereits als Teenager gemacht. Männer, die als Kind selbst sexuell missbraucht oder vergewaltigt wurden, begehen häufiger später Vergewaltigungen. Armut, Drogen oder Alkohol, Gangs oder Männlichkeitskultur spielen auch eine wichtige Rolle. Nur 30 Prozent der Männer, die eine Vergewaltigung begangen haben, sind jemals mit einer Gefängnisstrafe belegt worden.

In einer zweiten Studie wurde aus den Daten die körperliche und sexuelle Gewalt gegenüber Partnerinnen untersucht, wobei auch emotionaler Missbrauch (Beleidigung oder Androhung von Gewalt) und wirtschaftlicher Missbrauch (Verbot zu arbeiten beispielsweise) behandelt wurde. 46 Prozent der Männer sagten, sie hätten in einer Beziehung sexuelle Gewalt oder eine Form des Missbrauchs begangen. Im ländlichen Indonesien sagten dies "nur" 25 Prozent der Männer, in Bougainville gleich 80 Prozent. Auch in Sri Lanka scheint es weniger Gewalt von Männern gegen Frauen zu geben. Wenn emotionaler und wirtschaftlicher Missbrauch eingeschlossen wurde, bekannten sich in Bougainville 87 Prozent der Männer dafür. Allerdings geht die Anwendung von körperlicher Gewalt nicht immer mit der von sexueller Gewalt einher.

In einem begleitendem Kommentar von Michel Decker von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore, die von einer "globalen Epidemie der Vergewaltigung" spricht, wird stärkere Prävention gefordert, die bereits in der Jugend beginnen müsse. "Ohne wirksame Reduktion der männlichen geschlechtsbedingten Gewalt wird die Gesundheit, das Wohlergehen und die Sicherheit der Frauen weltweit leiden."

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