Vier Wochen in einem Asylbewerberheim

13.09.2013

Caroline Walter über ihren Aufenthalt im Asylbewerberheim, die Bedingungen dort und die Vorurteile der Deutschen

Caroline Walter ist Autorin bei Kontraste. Sie studierte Publizistik und Politologi und beschäftigt sich seit rund 2 Jahren mit der Thematik Asyl. Im vergangenen Jahr zog sie für vier Wochen in ein Asylbewerberheim. Der filmische Selbstversuch wurde damals in der ARD gezeigt.

Frau Walter, im vergangenem Jahr haben Sie vier Wochen in einem hessisches Asylbewerberheim verbracht. Was hatte Sie dazu bewogen?

Caroline Walter: : Ich hatte mich schon davor mit dem Thema Asylpolitik beschäftigt, es ging dabei um den Selbstmord eines iranischen Asylbewerbers in Bayern, der sich in einer großen Gemeinschaftsunterkunft erhängt hatte. Bei der Recherche ging es vor allem um die Lebensbedingungen von Asylbewerbern und was es heißt, in die deutsche Asylbürokratie zu kommen. Das führte zur Idee des Selbstversuchs, weil das Thema Asyl - so traurig das ist - sonst niemanden interessiert hätte. Asylpolitik war zu diesem Thema eher ein Randthema, etwas, wofür es kaum Aufmerksamkeit gab. Es ging uns aber auch darum, einen objektiven Einblick in den Alltag einer Asylunterkunft zu bekommen, ohne Restriktionen beobachten und drehen zu können.

War Ihnen zu Beginn dieses journalistischen Selbstversuches bewusst, auf was Sie sich darauf einlassen?

Caroline Walter: : Nein, wobei ich sagen muss, dass je näher der Termin des Einzugs rückte, desto nervöser wurde ich. Einige Tage davor habe ich kurz gezweifelt, ob ich das wirklich machen will und durchhalten kann.

: In welchem baulichen Zustand befand sich das Asylbewerberheim?

Caroline Walter: : Die Asylunterkunft war unglaublich heruntergekommen und ist es zum Teil noch heute. Es sind Holzhäuser, die sehr durchlässig sind - was Hitze und Kälte angeht, aber auch in Sachen Ungeziefer. In den Gebäuden gab es zum Beispiel auch keine Rauchmelder. Es sind einfach sehr alte Gebäude, in die es sich eigentlich gar nicht lohnt, zu investieren. Das Dilemma ist nur, es fehlen insgesamt Unterbringungsmöglichkeiten, sodass der Landkreis nehmen muss, was ihm die Gemeinden anbieten. In vielen Städten werden Asylbewerberheime von den Bürgern oder Anwohnern abgelehnt, das heißt, die Bürgermeister scheuen die Konfrontation und stellen oft gar keine Unterkünfte zur Verfügung. Das führt dazu, dass es am Ende zu wenige Asylbewerberheime gibt und diese oft in schlechtem Zustand sind.

Aus welchen Ländern stammten die Menschen, in dem Heim, und wie hat man dort auf Sie reagiert?

Caroline Walter: : Die Asylbewerber stammten vor allem aus Afghanistan, Somalia, Eritrea, Pakistan und dem Iran. Am Anfang waren die Bewohner des Heims noch skeptisch, aber als sie merkten, dass wir tatsächlich mit ihnen im Vierbettzimmer schlafen, auch nur ihre Grundausstattung erhalten und mit genauso wenig Geld wie sie auskommen müssen, hatten sie schon fast Mitleid mit uns und haben sich sehr geöffnet. Wir waren ein Teil von ihnen, aber ohne die Distanz zu verlieren. Das war uns wichtig, um ein objektives Bild von dem Alltag zu erhalten.

Die Reaktion der Anwohner hat mich sehr getroffen

Was hat Sie mehr schockiert, die Lebensumstände der Asylbewerber, oder die Reaktionen der Anwohner? A. Beides. Ich hätte erst einmal nie gedacht, wie hart es ist, auf so engem Raum ohne jegliche Privatsphäre leben zu müssen. Wenn man wirklich keine einzige Minute seine Ruhe, seinen Rückzugsort in schwachen Momenten hat, dann kann einem das extrem zusetzen. Wenn man sich überlegt, dass es die Flüchtlinge oft ein Jahr oder mehrere Jahre aushalten müssen, dann ist das sehr bedrückend. Dazu kommt die Ungewissheit, was aus ihrem Asylantrag wird. Viele warten jahrelang auf eine Antwort, ob sie eine Zukunft hier haben oder vielleicht wieder nach Italien abgeschoben werden, wo ihnen als Flüchtling ein Leben auf der Straße droht.

Die Reaktion der Anwohner war eine Erfahrung, die mich sehr getroffen hat. Wir wurden ja als Teil der Gruppe gesehen und konnten dadurch die ganze Ablehnung beobachten und spüren. Eine Anwohnerin meinte, die seien ja viel zu gut angezogen und würden 10 Meter gegen den Wind nach Parfüm stinken. Was gar nicht stimmte, aber aus ihr sprach der Neid. Wären sie schlampig herumgelaufen, wäre ihnen das zum Vorwurf gemacht worden.

Schlimm war auch eine Bäckerin, die sich ständig rassistisch äußerte und sich darüber aufregte, dass die Asylbewerber bei ihr ab und zu ein Brötchen kauften. Sie hat mich mehrmals gefragt, wie ich es da nur aushalten könne - "bei denen da". Vor der Kamera wollte sie natürlich nichts dazu sagen. Wir haben die Bürger, die am Wochenende vorbei spaziert sind und besonders viele Vorurteile hatten, immer gefragt, ob sie nicht auf einen Kaffee reinkommen möchten, um die Menschen kennenzulernen. Getraut hat sich niemand.

Ist Ihnen, in Begleitung der Flüchtlinge, offene Feindschaft von Seiten der Einheimischen begegnet? Wenn ja, wie haben die Asylbewerber dies wahrgenommen?

Caroline Walter: : Es war oft eine Feindschaft ohne Worte, sondern mit Blicken. Wir wurden beim Einkaufen regelrecht angestarrt, teilweise so verachtend, dass man am liebsten wieder gegangen wäre. Wir konnten auch immer beobachten, wie die dunkelhäutigen Kinder unfreundlich und böse regelrecht angegafft wurden. Da wurde geschaut, was sie einkaufen oder ob sie sich nicht - wie man es erwartet - daneben benehmen. Meine somalische Mitbewohnerin und Bettnachbarin wurde aber auch an der Straßenbahn von einem Mann angeschrien und beschimpft, nur weil sie ein Kopftuch trägt. Sie ist sehr gebildet, spricht perfekt Englisch und hat mich dann gefragt, was der Mann denn gegen sie hätte. Ich habe ihr dann erklärt, dass er vielleicht jede Frau mit Kopftuch als Bedrohung ansieht und mit einer Islamistin gleichsetzt. Das hat sie dann wirklich schockiert.

Wie gestaltete sich das Zusammenleben zwischen Menschen höchst unterschiedlichster Herkunft, Religion und Bildung auf engstem Raum? Gab es unter den Asylbewerbern Konflikte, oder überwiegte ein solidarisches Gefühl der Zusammengehörigkeit?

Caroline Walter: Dafür dass dort so viele Menschen auf engstem Raum leben müssen, ging es erstaunlich friedlich zu. Natürlich gab es auch mal Streit, weil schon wieder die Waschmaschine besetzt war, jemand nach dem Kochen nicht sauber gemacht hat oder der eine den anderen einfach nicht leiden kann. Wenn man wenig schlafen kann, wie in diesem Heim, dann liegen auch schon einmal die Nerven blank. Das ging mir ja nicht anders.

Aber es überwog tatsächlich so ein soldarisches Gefühl, also man hat sich untereinander Geld geliehen, obwohl jeder sehr wenig hatte, man hat anderen bei der Wohnungssuche geholfen und sich auch gefreut, wenn einer aus dem Heim anerkannt wurde, selbst wenn der eigene Asylantrag gerade abgelehnt wurde. Manche haben Distanz zueinander gehalten, aufgrund der Religion, aber haben sich trotzdem respektiert. Das hat mich schon beeindruckt und auch nachdenklich gemacht, ob das mit 100 Deutschen unter denselben Bedingungen tatsächlich auch so sein würde.

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