Gesellig ist, wer gerne etwas von sich gibt

29.09.2013

Kleine Geschichte der Aborte, Toiletten und Bäder - Teil 1

"Sobald du die Toilettenspülung drückst, bist du mittendrin in der Ideologie." Die deutsche Ideologie ist für Slavoj Zizek durch die Scheiße markiert, die im Flachspüler offen liegenbleibt, während sie in Frankreich fallbeilartig ins Loch fällt und in den angelsächsischen Ländern im Wasser schwimmt - ein Pragmatismus des allmählichen Verschwindens. Das traditionelle deutsche System ist das absonderlichste: den Kot beäugen und beschnuppern. Absonderlich aber nicht für den Philosophen. Es ist die metaphysisch-nachdenkliche Haltung. Der Zusammenhang des kleinen Stücks Materie mit der Metaphysik liegt auf der Hand. Über die Körperöffnungen tauschen wir uns von klein auf mit unserer nächsten Umgebung und der gesamten Gesellschaft aus.

Der physiologische und der gesellschaftliche Stoffwechsel sind verschränkt und spielen sich auf und hinter der Bühne der Städte ab, die in kleinen wie auch historischen Zyklen verschmutzen und gereinigt werden. Hinter der Bühne immer dann, wenn der Kreislauf unterbrochen ist. In diesem Fall stauen sich die gesammelten Exkremente und Abfälle auf Deponien (wie etwa die "Geruchshölle" Montfaucan/Paris im 19. Jahrhundert) oder in Flüssen. Doch der Wunsch, sie der Wahrnehmung zu entziehen, schlägt ins eklige Gegenteil um.

Damit ist der Zwiespalt einer "gelehrten Geschichte der Scheiße"1 umrissen: Sind Urinieren und Defäzieren isolierte oder gemeinschaftliche Akte, sind sie der Privatheit oder der Re-Präsentation vorbehalten? Aus dieser Frage ergibt sich die architektonische und städtebauliche Stellung der Aborte und Toiletten: in Nachbarschaft zu den repräsentativen Räumen des Hauses, am Rand des Hauses oder gar abseits. Abseits kann wieder öffentlich sein.

Rom: Münder gehen über und Geld sprudelt

Im alten Rom waren Latrinen der Inbegriff von Gemeinschaftlichkeit, und zumindest für die Vornehmen waren durch das von Wasser in Gang gehaltene System Kreisläufe hergestellt. Die Prachtlatrinen umfassten bis zu 60 Sitze, die Regel waren 20 bis 40. Die Bänke mit den Ausschnitten in Form von Schlüssellöchern waren aus Marmor. Die Ausscheidungen wurden über darunterliegende, ständig von Wasser durchspülte Kanäle abgeführt. Die Ausstattung war, entsprechend den Thermen, luxuriös.

Römische Latrine im antiken Ostia. Bild: Fubar Obfusco. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Die Baukörper waren ins Stadtbild eingepasst und folgten den gängigen Grundrissen. Gern wurde ein Halbrund verwendet. Amphitheater waren das Vorbild. Die Latrinen waren, etwa über einen Vorraum zum Waschen, nach draußen abgeschirmt. Das lässt darauf schließen, dass sich in diesen geselligen Räumen Teilöffentlichkeiten trafen. Zwar machten die Bänke und die dazu passenden Verrichtungen alle gleich, aber es waren die gesellschaftlichen Eliten, die sich in ihnen trafen. Die Gesprächsgegenstände waren offen, und wenn jemand Gedichte rezitieren mochte, dann durfte er. Keine Notdurft.

Es wäre ein Irrtum, diese öffentlichen sanitären Einrichtungen auf die Hygiene römischer Städte hochzurechnen. Für das Volk gab es einfachere Latrinen. Die bis zu zehnstöckigen Mietshäuser, die von der damaligen Baumafia ohne Rücksicht auf Baufälligkeit errichtet wurden, verfügten lediglich über ein Fass im Erdgeschoss, in die alle ihre Töpfe entleeren konnten. Vornehmere Häuser, in denen Küche und Abtritt meist nebeneinander lagen, wiesen entweder Senkgruben auf, oder alles ging über Rohre auf die Straße. Bekannt sind die Trittsteine in Pompeji, um trockenen Fußes über die Straße zu kommen.

Verbotstafeln sollten helfen, die Belastung des Straßenraums einzudämmen. Sie drohten jedem, der sich in der Öffentlichkeit seiner Bedürfnisse entledigt, den Zorn Jupiters an, und das ist ein Blitzschlag. Die Verbotszonen wurden zu heiligen Orten (locus sacer) erklärt. Ungeschoren kam davon, wer einen der diätetischen Hinweise befolgte: "Kacke gut und scheiß' auf die Ärzte."

Was auf diesen Fußboden fiel, fiel nicht weiter auf. - Römisches "Asaroton"-Mosaik. Bild: Koko Mosaico, Ravenna

Für das kleine Geschäft waren spezielle Amphoren aufgestellt. Aus dem Urin machten die foricari, Latrinenpächter, ein Geldgeschäft. Er war bestens zum Gerben und Waschen geeignet. Der Staat sprang auf den Geschäftszug auf. Kaiser Vespasian, amtierend vom 69 bis 79 n.Chr., erhob eine Urinsteuer, die seinem Sohn anrüchig vorkam, so dass er diesem eine Münze unter Nase hielt: "Non olet". Konstantin dehnte die Steuer aus, was Dominique Laporte dahingehend interpretiert: Du wirst "nach deiner eigenen Scheiße besteuert"2.

Die Verwandlung von Kot in Geld wurde zum großen Thema Sigmund Freuds, der hier einen Vorgang des temporären Sparens, des Ansichhaltens der Kotsäule, sei es aus Trotz, sei es aus Lust, angelegt sieht, während Laporte in dieser Mutation zum Geld eine Grundform des Kapitals, den Mehrwert wittert. Es ist ein Veredelungsprozess, in welchem das Unnützeste mit etwas Nützlichem in einen Umschlagszirkel eintritt, der neue Werte ausheckt - wie der Esel, der Golddukaten scheißt.

Marcel Duchamp: Fontaine, 1917 (Ready-made; Replik). Bild: Micha L. Rieser. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Vermehrung und Veredelung in einem Kreislauf - das ist das Gesetz der kapitalistisch-ökologischen Abfallwirtschaft, das schon den Römern vertraut war. Der Unrat wurde per Verordnung in Karren vor die Stadt gebracht, um als Dung zu dienen. Goethe bewunderte das später in Neapel und sprach vom "Zirkel der Vegetation" - der heute dort nicht mehr funktioniert. Der römische Gott des Dungs hieß Sterc(ut)us, und die Kanalisation stand unter dem Schutz von Venus cloacina. Die Cloaca maxima ist heute noch zu besichtigen. Ein die Abwässer des Zentrums aufnehmender Wasserlauf wurde ab dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert mit einem etwa 4 m hohen Tonnengewölbe übermauert.

An die Cloaca waren nur die größeren Gebäude angeschlossen. Der Tunnelmund war in Marmor gefasst - oder war es der After der Stadt? Verwechslungen dieser Art liegen im Begriff der Kloake. Die Mündung geht heute noch auf den Tiber hinaus, Der Fluss war heilig und unterstand Tiberinus pater. Das Wasser galt als reinigend, und die festlichen Trinkkuren wurden unterhalb der Einleitung der Kloake veranstaltet.

Hier kommt eine ambivalente Bedeutung von "Sacer" ins Spiel: Es ist das Heilige und das Verfluchte zugleich. Das Reinigende und das Krankmachende liegen eng beieinander, wie Freud in "Totem und Tabu" beschreibt. Ältere Hochkulturen, die eine Wasserversorgung etabliert hatten, setzten ebenfalls auf die kultische Verwendung dieses Elements, abzulesen etwa an indischen Tempelanlagen - und bis heute existierenden Bräuchen.

Seite 1 von 2
Nächste Seite
x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Der, der dem Vogelflug folgte

Otto Lilienthals Unfalltod hatte keine technischen Ursachen

Cover

Der halbe Hegemon

Rückkehr der "deutschen Frage" und die Lage der EU

Die verspielte Gesellschaft Die Neurogesellschaft Vom Datum zum Dossier
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.