Das neue, glamouröse Arabien und der Sklavenhandel mit Nepal

26.09.2013

Katar investiert Milliarden in die Fußball-WM 2022 und in eine Zukunftsstadt. Auf Kosten einer Arbeiterschaft, die behandelt wird wie Gefängnisinsassen. Laut offiziellen Stellen tragen einzig die Arbeitsvermittler die Schuld

20-Jährige, die plötzlich an Herzinfarkten sterben? Mindestens 44, meist junge Männer starben im Zeitraum vom 4. Juni bis 8. August in Katar, also beinahe jeden Tag. Mehr als die Hälfte starben an Herzversagen - oder aufgrund eines Arbeitsunfalls. Laut eines Guardian-Berichts sind die Ursachen nicht zufällig, sie hängen vielmehr mit den brutalen, ausbeuterischen Arbeitsbedingungen zusammen, denen nepalesische Arbeitskräfte in Katar unterworfen sind.

Katar ist einer von den reichen Golfstaaten, aus denen viel Geld in die Unterstützernetze von dschihadistischen oder salafistischen Milizen fließt. Der Vorwurf wird zwar vom katarischen Herrscherhaus offiziell bestritten, aber in den sogenannten informierten Kreisen gibt es keinen Zweifel an den Spenden für radikal-islamische Oppositionsgruppen in Syrien. Auch bei der Unterstützung der libyschen und tunesischen Islamisten spielte Katar eine zentrale Rolle; angeblich auch in Ägypten und in Afrika (Das interventionistische Emirat).

Aus seiner Sympathie für den Wahabismus machte der frühere Herrscher Sheikh Hamad bin Khalifa al-Thani keinen Hehl und auch nicht aus der Mission, die er daraus folgerte (vgl. Qatar embraces Wahhabism to strengthen regional influence). Sein Sohn Tamim bin Hamad Al Thani, der im Sommer die Amtsgeschäfte übernahm, agiert zurückhaltender, aber auf dem selben Kurs.

Viel Geld also für gewalttätige Fundamentalisten, die im Nahen Osten und in Nordafrika Konflikte schüren, den Hass auf Schiiten predigen und die Uhr auf die Zeit kurz nach der Steinverehrung im 6. Jahrhundert zurückdrehen wollen, aber zuhause setzt man auf Glamour, der mit der westlichen Moderne wetteifert, auf Kosten von Arbeitern, die aus ärmeren Ländern importiert werden. Der Kontrast sticht ins Auge.

"Open jail" für ausländische Arbeiter

Als "Open jail" für ausländische Arbeiter bezeichnete die nepalesische Botschaftern in Katar, Maya Kumari Sharma, den Golfstaat, eine diplomatische Krise zwischen Katar und Nepal und die Rücktrittsforderung folgten zwangsläufig . Wie ein Artikel aus dem Jahre 2008 in der Gulf News zeigt, währt die zugrundeliegende Misere schon länger.

Damals versuchten die beiden Länder eine Vereinbarung zu schließen über eine Amnestie von nepalesischen Arbeitern, die es vorzogen aus Katar zu flüchten. Daran ist schon zweierlei abzulesen. Dass es den Arbeitern aus Nepal so schlecht geht, dass sie abhauen. Und dass die katarischen Behörden ziemlich in die Sache verwickelt sind, wenn sie mit Strafen drohen.

Man muss sich das vor Augen halten: Nepal schickt Arbeiter nach Katar, die es unter den dortigen Bedingungen nicht aushalten und unter schwierigsten Umständen fliehen, und muss dann Katar bitten, die Arbeiter nicht zu bestrafen. Die Herr-Knecht-Beziehung gilt noch immer: die nepalesische Botschafterin musste ihre kritische Bemerkung selbstverständlich zurücknehmen.

Zwangsarbeit, keine ausreichende Wasserversorgung und Löhne, die einbehalten werden

Im vergangenen Jahr kamen mehr als 100.000 Arbeiter aus Nepal nach Katar; sie stellen etwa 40 Prozent der Arbeiter, die aus anderen Ländern kommen, so der Guardian. Laut katarischen Angaben sind 400.000 Arbeiter aus Nepal im Golfstaat beschäftigt.

Auf der Basis von Dokumenten, eigenen Recherchen, Zeugenaussagen und Aussagen von Kennern der Situation ergibt sich ein Bild unerträglicher Arbeitsbedingungen, die von der Zeitung mit "moderne Sklaverei" überschrieben werden: Zwangsarbeit, mangelhafte Versorgung ("We were working on an empty stomach for 24 hours"), kein Wasser bei stundenlangen Arbeiten in Wüstenhitze, Lohnentzug aus Geldgier der Arbeitsvermittler, Unterbringung wie in Gefangenzellen ("sleeping 12 to a room in places and getting sick through repulsive conditions in filthy hostels").

Abhängigkeiten

Dreh-und Angelpunkt des Ausbeutungsapparates sind laut Darstellung der Zeitung die Arbeitsvermittler. Sie lassen sich die Vermittlung teuer bezahlen. Die Arbeiter aus Nepal müssen dafür saftige Summen aufbringen, die meist über Kredite bei den Arbeitsvermittlern bezahlt werden. Diese verlangen außerordentlich hohe Zinsen dafür - "up to 36%".

Da ihnen die Arbeitsvermittler obendrein Pässe, Visa und Arbeitspapiere abnehmen, sind die Arbeiter in völliger Abhängigkeit gefangen. Weswegen sie die Vermittler zu den härtesten Arbeiten, etwa Straßenbauten in der Wüste, zwingen können und nach Gusto die ohnehin niedrigen Löhne (siehe die "Mindestlohndiskussion" in Katar) einbehalten.

Riesenprojekte

Das Geschäft geht gut. Katar hat Riesenbauprojekte am Laufen: Rund 100 Milliarden US-Dollar sollen in den Ausbau Infrastruktur im Rahmen der Fußball-WM 2022 investiert werden. Außer für neun Angeberstadien ("state of the art") will das Herrscherhaus auch Geld in den Straßenbau stecken, 20 Milliarden; vier Milliarden für eine Dammstraßenverbindung zwischen Katar und Bahrein, 24 Milliarden für Hochgeschwindigkeitszugverbindungen. Ein neuer Flughafen ist fast fertiggestellt, neue Hotels werden gebaut.

Der Bau der "Zukunftsstadt" Lusail City ist ein weiteres milliardenschweres Prestigeobjekt.

Verantwortung und Wille

Die Antworten von Unternehmen und offiziellen Stellen - der Lusail Real Estate Development Company, des Qatar 2022 Supreme Committee (Q 22) und des katarischen Arbeitsministeriums - auf die Vorwürfe distanzieren sich von der Verantwortung für die elenden und todbringenden Arbeitsumstände.

Man verweist auf genaue rechtliche Richtlinien, die man vorgegeben habe, um gute Bedingungen und Löhne zu garantieren, an die Zusammenarbeit mit Menschenrechtsgruppen zum Schutz der Rechte der Arbeiter und, wie das Arbeitsministerium, darauf, dass man die Polizei angewiesen habe, jedem Hinweis auf Verstöße gegen das katarische Arbeitsrecht sofort nachzugehen.

Die größeren Arbeitgeber, wie z.B. Halcrow (Consulting Engineers & Architects Ltd) , entziehen sich ihrerseits der Veranwortung mit dem Hinweis auf Vertragspartner, die die Arbeiter bereitstellen.

Im Sommer dieses Jahres lancierte Katar eineoffizielle Bitte an Nepal nach mehr Facharbeitern. Man werde sich bemühen, Probleme der Arbeiter gegenüber den Arbeitsvermittlern, wie das Zurückhalten von Ausweispapieren, in den Griff zu bekommen. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es durchaus politische und administrative Wege gibt, Druck auf die Arbeitsvermittler auszuüben und dem Sklavenhandel entgegenzutreten. Wenn der Wille dazu da wäre.

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