Die katholische Kirche und der Holocaust

12.10.2013

Dirk Verhofstadt über die Rolle der Religionsgemeinschaft bei der Vernichtung der Juden. Teil 1

In seinem Buch Pius XII. und die Vernichtung der Juden forscht der belgische Philosoph Dirk Verhofstadt eingehend nach den Verstrickungen der Vatikans mit dem Nationalsozialismus und untersucht dabei unter anderem die Frage, wie viel die Kirche vom Holocaust wusste. Sein Befund: Der Vatikan war gut informiert und hat bis auf wenige Ausnahmen nichts dagegen unternommen. Der Grund: Die eindeutige Präferenz des Papstes für den Nationalsozialismus gegenüber Liberalismus und Kommunismus.

Herr Verhofstadt, können Sie uns Momente in der Geschichte der katholischen Kirche nennen, bei denen sie zu Ehren Adolf Hitlers die Glocken läuten ließ, beziehungsweise ihre Gebäude mit Hakenkreuzfahnen schmückte?

Dirk Verhofstadt: Zur Ratifizierung des Konkordats zwischen Nazi-Deutschland und dem Vatikan wurde am 10. September 1933 in Berlin mit einem Dankgottesdienst in der St.-Hedwigs-Kathedrale gefeiert. Domprediger Pater Marianus Vetter predigte über "den Geist des Konkordats" und dankte nachdrücklich für die Vereinbarung zwischen dem Heiligen Vater und dem Führer, "der allgemein bekannt ist für seine Hingabe zu Gott und seine Sorge um das deutsche Volk". Eine SA-Abteilung nahm mit Musikkorps und allem was dazugehört an der Messe teil. Nazifahnen und katholische Banner hingen nebeneinander, und während des Gottesdienstes wurde das Horst- Wessel-Lied gesungen.

Zu Hitlers fünfzigsten Geburtstag am 20. April 1939 ließen die Bischöfe spezielle Messen lesen und in ganz Deutschland und Österreich die Kirchenglocken läuten. Kardinal Bertram von Breslau schickte an diesem Tag die folgenden Wünsche an Hitler: "Die herzlichsten Glückwünsche gelten dem Führer. Es geschieht das im Verein mit den heißen Gebeten, die die Katholiken Deutschlands am 20. April an den Altären für Volk, Heer und Vaterland, für Staat und Führer zum Himmel senden."

Und wie oft gab es solche Huldigungen an die Nazis ?

Dirk Verhofstadt: Kirchenglocken läuteten bei jedem Sieg der Faschisten, nicht nur bei militärischen, sondern auch bei politischen, beispielsweise bei der Wiedereingliederung des Saarlandes, bei der Annexion der Tschechoslowakei und dem Überfall auf Polen. Bei jedem Geburtstag Adolf Hitlers wurden die Kirchenglocken geläutet. Der päpstliche Nuntius Cesare Orsenigo bereitete jährlich einen Gala-Empfang für Hitler, bei dem er ihm den persönlichen Gruß des Papstes überbrachte. Im April 1938 befahl Kardinal Innitzer im frisch angeschlossenen Österreich, jede Kirche mit Hakenkreuzen zu beflaggen, die Kirchenglocken zu läuten und Gebete zum Heil des Führers sprechen zu lassen.

Gab es von Seiten des Papstes offene Sympathiebekundungen für Hitler? 

Dirk Verhofstadt: Bemerkenswert ist erst einmal, dass Hitler an den soeben zum Papst gewählten Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli einen Brief mit einer unzweideutigen Beifallsbezeugung sandte. Am 5. März 1939, drei Tage nach seiner Inauguration, bestellte der Papst Diego von Bergen, den Botschafter des Dritten Reiches, zu sich. Von Bergen war der Erste, den der neue Papst überhaupt offiziell empfing. Und der neue Papst machte aus seiner Sympathie für den Führer kein Hehl.

Am 6. März 1939 schickte Pius XII. den folgenden Brief an Hitler: "An den hochgeehrten Herrn Adolf Hitler, Führer und Reichskanzler von Deutschland. Sehr hochgeehrter Herr! Wir legen großen Wert darauf, Ihnen gleich am Anfang Unseres Pontifikats zu versichern, dass Wir dem Ihrer Sorge anvertrauten deutschen Volk in innigem Wohlwollen ergeben bleiben und den allmächtigen Gott in väterlicher Zuneigung um sein wahres Glück anflehen, das aus der Religion genährt wird und Kraft empfängt." 

"Immanenter Antisemitismus"

Inwiefern war die katholische Kirche für eine antisemitische Grundstimmung in der Bevölkerung verantwortlich?

Dirk Verhofstadt: Es existiert ein klarer Zusammenhang zwischen Christentum und Antisemitismus. Die Aussage Hitlers, die Juden hätten Jesus gekreuzigt und wären daher nicht lebenswert, stammt aus der christlichen Tradition. Damit wiederholte der Naziführer nur das, was viele bedeutende christliche Denker, Katholiken und Protestanten, in vorangegangenen Jahrhunderten laut verkündet hatten. Juden waren die Gottesmörder und für dieses Verbrechen hatten alle Juden zu zahlen. Wer einen Tropfen jüdischen Bluts besitzt, ist mitschuldig.

Im 15. Jahrhundert begann die spanische Inquisition mit Nachforschungen über die Vorfahren der neuen Katholiken, oft Juden, die sich bekehren ließen, um ihr Leben zu retten. Diese Praxis inspirierte 500 Jahre später die Nazis bei den berüchtigten Nürnberger Rassegesetzen. Es war natürlich nicht die Kirche selbst, die sich des Holocausts schuldig machte, aber ihr immanenter Antisemitismus und ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Juden waren dafür eine notwendige Bedingung.

Nazi-Verbrecher rechtfertigen ihre Taten mit einer Stelle aus dem Matthäus-Evangelium

Gab es Kirchenführer, die offen judenfeindlich argumentiert haben?

Dirk Verhofstadt: Viele Kirchenführer haben sich antisemitisch geäußert. So erklärte der Erzbischof von Freiburg, Conrad Gröber, im Jahr 1935: "Da jedes Volk selbst verantwortlich ist für seine glückliche Existenz und die Aufnahme eines völlig fremden Blutes immer ein Risiko bedeutet für ein Volkstum, das seinen historischen Wert unter Beweis gestellt hat, darf keinem Volk das Recht verweigert werden, seine rassische Reinheit unangetastet zu pflegen und dazu Schutzmaßnahmen zu ergreifen."

Dass er in den Kriegsjahren an seiner Position festhielt, zeigt sein Hirtenbrief vom 25. März 1941, in dem er offenkundig den Juden die Schuld am Tod Christi anlastete und hinzufügte, dass "der Fluch, den die Juden einst über sich selbst ausriefen: ‘Sein Blut komme über uns und unsere Kinder’ (Matthäus 27,25) in der Geschichte des Christentums bis heute erfüllt wurde".

Eine ähnliche Aussage existiert vom Limburger Bischof Antonius Hilfrich. In seinem Fastenbrief von 1939 schrieb er wörtlich, "dass das jüdische Volk am Tod Christi schuld ist. Jesus war ein Jude, aber die christliche Religion ist nicht aus der Natur dieses Volkes gekommen, das heißt: Ist von ihren rassischen Merkmalen nicht beeinflusst. Das Christentum hat sich vielmehr seinen Weg gegen dieses Volk bahnen müssen. (...) Außerdem war das jüdische Volk des Gottesmords schuldig, und deshalb ist es für immer verflucht."

Dass diese Sprüche Wirkung auf die deutschen Soldaten zeigten, wird durch die Tatsache belegt, dass SS-Henker während der NS-Prozesse nach dem Krieg ihre Judenmassaker mit Verweisen auf bischöfliche Briefe und besonders auf die oben zitierte Stelle aus dem Matthäus-Evangelium rechtfertigten.

"Die Interessen der katholischen Kirche hatten Vorrang"

Welche Versäumnisse hat der Vatikan während der Judenvernichtung konkret zu verantworten?

Dirk Verhofstadt: Die eindeutige Präferenz des Vatikans für Faschismus und Nazismus und gegen Kommunismus, Sozialismus und Liberalismus in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist der Grund, warum die Päpste und besonders Pius XII. so seltsam still blieben, als die Juden diskriminiert, verfolgt, deportiert und schließlich vernichtet wurden. Die Interessen der katholischen Kirche hatten offenbar Vorrang gegenüber dem Leben von Millionen von Juden in Europa.

Die Schoa war der Preis, den die katholische Kirche zu zahlen bereit war, um ihre Position zu schützen und zu stärken. Es waren schließlich die Nazis, welche den Worten Taten folgen ließen und die extrem grausame Logik ihres Antisemitismus durch die systematische Ermordung von sechs Millionen Juden in die Praxis umsetzten.

Aber das war nur machbar unter Teilnahme von großen Teilen der katholischen und protestantischen Bevölkerung, sowohl in Deutschland als auch in den okkupierten Gebieten. Und diese tödliche Zusammenarbeit der Bevölkerung war wiederum nur möglich, weil der Papst und die meisten kirchlichen Behörden beschlossen hatten, über die größte Katastrophe in der Geschichte Europas zu schweigen und sich nie öffentlich gegen Hitler und sein Naziregime zu wenden.

Der Vatikan hat nichts zur Rettung der römischen Juden unernommen

Was werfen Sie dem Papst konkret vor?

Dirk Verhofstadt: Der Fehler des Papstes war, dass er still blieb, obwohl er von der Vernichtung der Juden Kenntnis hatte. In Italien passierte dergleichen quasi vor seiner Haustür. Am 16. Oktober 1943 um fünf Uhr dreißig stürmte die SS das jüdische Ghetto in Rom am Ufer des Tibers. Nach vorgefertigten Listen wurden mehr als 1.200 römische Juden verhaftet, um sie nach Auschwitz zu deportieren. Unmittelbar nach den Ereignissen erhielt Pius XII. die Bitten der Botschafter von Frankreich, England und Polen, die Aktion zu verurteilen - ohne Erfolg.

In meinem Buch geht es unter anderem um sechs weitere Dokumente aus dem Zeitraum März bis Juni 1944, aus denen ersichtlich wird, dass Pius XII über die Ausrottung der ungarischen Juden informiert war und in denen flehentlich um umgehende Intervention gebeten wird. Was Pius VII. nicht getan hat! Zwischen dem 15. Mai und dem 29. Juni wurden über 437.000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert, wo die meisten von ihnen in den Gaskammern umkamen. Der Papst reagiert erst am 25. Juni 1944 - wohlgemerkt einundzwanzig Tage nach der Befreiung durch die Alliierten.

Die katholische Kirche und der Holocaust

"Viele Mitglieder liefen sofort zu den Nationalsozialisten über"

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