Zu Besuch im Schuhniversum

Cristoph Bieber 31.10.2000

Virtuelle Gemeinschaften rund um den Turnschuh

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Sport und Nerds - zwei Begriffe, die man eigentlich nicht ungestraft in einen Satz packen darf. Allerdings hat Douglas Rushkoff schon recht frühzeitig auf die Seelenverwandtschaft statistikversessener Sportfans und datenbanksüchtiger Computerfreaks verwiesen. Der anhaltende Boom von Sportspielen auf Konsole und PC hat längst bewiesen, dass auch im digitalen Datenraum Platz für sportlichen Wettstreit ist. Auch die hartnäckigen Bemühungen kreativer Programmierer, sportartspezifische Online-Übertragungsformate zu entwickeln, sind ein weiteres Anzeichen für sportive Spurenelemente in der sagenumwobenen Nerd-Psyche. Doch ein ganz besonders heftiges Ausleben latenter Sportaffinität feiern die Nerds auf den so genannten "Sneaker Sites", die quasi im Hinterhof der schillernden und funkelnden Hochglanz-Portale der Turnschuhmultis wie adidas.com, nike.com oder puma.com eine blühende Online-Landschaft haben entstehen lassen.

Flat Eric mit Sneakers, von www.consume.de

Bei Angeboten wie "Charlies Sneaker Pages", "Sneaker Nation" oder dem inzwischen geschlossenen "Nike Park", handelt es sich zumeist um die Übertragung und Präsentation einer meist schon lange Jahre anhaltenden Turnschuh-Leidenschaft in die Welt der Online-Kommunikation. Zu beobachten ist dabei sowohl die Herausbildung markentreuer Online-Angebote wie auch die Betreuung markenübergreifender Web-Sites mit weitläufigen Materialsammlungen zum Thema Turnschuhe. In den digitalen Weiten der Datenwelt werden die sportiven Sammelgüter auf eine Art und Weise ausgestellt, die an das Überladen von Kinder- und Jugendzimmern mit Schuhen, Shirts und Postern anknüpft: "My Homepage is my Castle".

Die Schuh-Rezension

Den Kern solcher Web-Sites bilden meist umfangreiche Bild-Archive digitalisierter Schuh-Fotos inklusive präziser Produkt-Daten wie Modellname, Baujahr, Material, Farbgebung und weiterer Spezifika. Zu finden sind darüber hinaus Sneaker-Lexika, Turnschuh-Rankings, Einkaufsführer, Anekdoten, Pflegeratgeber oder die besonders beliebte Form der "Shoe-Review", einer Art "Rezension" neu erschienener Modelle. Dabei geht es nicht um eine funktionelle Beurteilung von Passgenauigkeit, Laufverhalten oder Haltbarkeit, sondern vielmehr um die stilistische Beurteilung von Design, Details, Farbgebung oder Abgrenzung vom Vorgängermodell. Die "Shoe-Reviews" lehnen sich demnach sehr viel stärker an Plattenkritiken oder Buchbesprechungen an, als an technik- und sportorientierte Lauf-Berichte.

"Just pray that people who slobber over the shoes doesn't see the creases, cause this shoe draws a lot of stares and "Whoa, cool kicks" from teenage kids. Any dirt that gets on the toe area (dunno about the suede on the black/red version) wipes off real easily, so these shoes aren't a pain to clean, like the Jordan 11's were." (Beitrag von Xpress@mindspring.com)

Die tendenziell globale Reichweite der Neuen Medien dient den vernetzten Turnschuh-Fans stets als Vehikel: sie nutzen die Möglichkeiten des Internet einerseits als Ausstellungsfläche für ihre Sneaker-Sammlungen und richten meist auch kommunikative Schnittstellen für Gleichgesinnte ein. In Gästebüchern und Diskussionsforen können Hinweise und Kommentare zu den digitalen Sammelobjekten abgegeben werden, außerdem wird den weniger "vernetzten" Turnschuh-Freunden Unterstützung beim Aufbau einer eigenen virtuellen Sammlung gewährt. Diese Faszination des interaktiven Austauschs mit anderen Schuh-Liebhabern hat dazu geführt, dass sich um das Kulturgut "Turnschuh" veritable "virtuelle Gemeinschaften" formiert haben. Zusammengehalten werden diese Fangemeinschaften von den digitalen Knotenpunkten der "Sneaker-Sites", die die legitime Nachfolge der so genannten "Fanzines" angetreten haben und durchaus als Gegenöffentlichkeit zur "corporate culture" der Schuh-Multis fungieren können.

Besonders deutlich wird dies an der Kontrastierung mit den offiziellen Online-Präsenzen von adidas oder Nike, Reebok oder Puma: natürlich verweisen die "Sneaker-Sites" auf die Konzern-Angebote, doch stellen sie immer auch einen Kontrast zu den immer ausgefeilteren High-Tech-Sites dar. Während etwa im Dezember 1999 auf der Nike-Web-Site ein opulenter Online-Film zur Präsentation des neuen Air Jordan 15 über den Monitor flimmerte, diskutierten auf Johns Swoosh Page bereits die anderen Experten über Vorzüge und Nachteile des neuen Modells. Eine detailversessene deutsche Website ist inzwischen sogar zu "musealen" Weihen aufgestiegen: das Museum für Design der 60er und 70er Jahre im Kölner POPDOM zeigt seit Anfang September die erste deutsche Sneaker-Ausstellung, für deren Online-Präsentation die Fan-Site www.consume.de das Material lieferte.

Die Ausbildung der verschiedenartigen "Sneaker-Sites" spiegelt nicht nur die Sammelwut und die Detailversessenheit des Nerdtums wider, sondern illustriert auch den allmählichen Wandel vom "Turnschuh zum Text". Die immer massivere Verflechtung von sportiver und populärer Gegenwartskultur hat nämlich inzwischen dazu geführt, dass Turnschuhe längst nicht mehr nur als Sportartikel, sondern als vielfältig codierbares kulturelles Zeichen erkannt und genutzt werden. Zeugnis davon geben abermals die "Sneaker-Sites", denn in kaum einer digitalen Sammlung fehlt die Celebrity-Ecke. Ob Popstars wie Robbie Williams oder Flat Eric, die adidas-Anhänger Run DMC oder Filmfiguren wie Batman und Marty McFly aus "Zurück in die Zukunft" - sie alle werden als Coolness-Verstärker auf den Websites präsentiert. Die Liste der Beispiele ließe sich ohne weiteres verlängern, denn immer häufiger finden Sneaker Eingang in Literatur und Film, Musik und bildende Kunst.

Da an dieser allmählichen Transformation vom Sportartikel zum Kulturgut regelmäßig alte und neue Medien beteiligt sind, zieht der Gießener Sportsoziologe Jürgen Schwier in seinem Buch "Spiele des Körpers" eine direkte Verbindungslinie zwischen jugendlichen Sport- und Medienkulturen, zwischen "Inline" und "Online":

"Sowohl das Surfen im Cyberspace als auch das Basteln am Streetstyle signalisieren ferner, dass die Globalisierung von kulturellen Praktiken und die digitale Kommunikationstechnologie längst in die Strukturiertheit des jugendlichen Alltagslebens eingelassen sind."

Der ach so dröge und unsportliche Alltag der Neuen Medien hält demnach so manchen überraschenden Link in die schnelle Welt des Sports und seiner Kultur bereit - schlummert in den oft als träge, faul und unsportlich charakterisierten Nerds am Ende doch ein Fünkchen Bewegungsdrang, der über das verschieben der Maus und das Zurechtrücken des Monitors hinausgeht? Vielleicht. Eins ist jedoch sicher: der in allen Medien zurzeit hyper-präsente Boris Becker leistet jedenfalls keinen Beitrag zu einer Annäherung von Netz- und Sportkultur. Egal, wieviele Spots er für AOL auch noch drehen mag.

Von Christoph Bieber ist soeben erschienen: "Sneaker-Story. Der Zweikampf von adidas und Nike". Fischer Taschenbuch Verlag. 176 Seiten, DM 15,90.-

http://www.heise.de/tp/artikel/4/4155/1.html
Kommentare lesen (2 Beiträge)
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS